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Grenzenöffnende «Rauhnächte»

Silvesterchläuse auf dem Tonhallepodium: Diesen raren Zusammenprall der Kulturen gab es bei der Uraufführung von Paul Gigers Orchesterstück «Rauhnächte» mit dem St.Galler Sinfonieorchester.
Von  Peter Surber
Paul Giger an der Verleihung des Kulutrpreises in der enfangelischen Kirche Rehetobel, März 2015 (Bild: Hannes Thalmann)

Es flirrt in unerhörten Flimmertönen, erzeugt von allen Streichern des Orchesters. Mittendrin bei den zweiten Geigen: Paul Giger. In jungen Jahren hatte er hier die erste Geige gespielt, als Konzertmeister 1980-83. Jetzt führt das Orchester seine Rauhnächte auf, eine Auftragskomposition im Rahmen der dreijährigen nationalen Orchesterförderung Oeuvres suisses der Stiftung Pro Helvetia. Und der St.Galler Konzertdirektor Florian Scheiber, für den Auftrag an Giger verantwortlich, ist am Ende euphorisch: Ovationen für ein zeitgenössisches Werk, das erlebe man sonst in der Tonhalle nie.

Giger verbindet in seinem vierteiligen Stück, komprimiert in eine Viertelstunde Musik das, was er in jahrzehntelanger Forschung als seine Klangsprache entwickelt hat: orientalische Tonfolgen, Anklänge an Appenzeller Zäuerli, naturtönige Akkorde auf seinem eigens entwickelten elfsaitigen Violino d’amore und Elemente der mittelalterlichen klösterlichen Gregorianik.

Schwebende Klänge und rhythmische Schwerarbeit

Von der Längsten Nacht über die Geweihte Nacht, die Silvesternacht und die Nacht der Drei Weisen führt der Klangweg, dem das Publikum nach anfänglicher Unruhe immer konzentrierter folgt. Flirrend geht es los, ein vogelzwitschernder Einwurf der Piccoloflöte bricht ein, die Blechbläser intonieren den Choral Omnipotens genitor, unterbrochen von Schmerzenskratzern der Sologeige.

Schwerarbeit für Orchester und Dirigent Otto Tausk bedeutet dann das polyrhythmische Silvestertreiben, man glaubt die wilde Perchta, Jazz und Strawinsky durchzuhören und nach und nach wie von weitem ein Kirchengeläut – in das wundersam sieben «wüste» Silvesterchläuse aus dem Appenzeller Hinterland auftauchen und ihre Schellen schötten.

Betörende Dialoge mit vierteltönigen Trübungen zwischen Gigers Geige und den Holzbläsern führen von der Aktion zurück in die Meditation; die Bässe halten den Boden, es klingt mal nach Klezmer und mal nach sennischem Betruf und endet mit Flageoletts, jenen Beinah-nicht-mehr-Tönen, die beim Kontrabass beginnen und die Giger bis ins Unhörbare hochtreibt und mit einem Windstoss auslöscht – ein Momentblick himmelwärts.

Dialog der Kulturen

Das musikalisch Beglückende am Stück sind die Klangfarben, – flächen und -tupfer, die die Ohren öffnen, hellwach machen und in Obertonbereiche führen, die, so der Kommentar eines ergrauten Konzertbesuchers, «beste Werbung für ein Hörberatungsstudio» wären.

Das politisch Brisante am Stück ist die kulturverbindende Selbstverständlichkeit, mit der hier Orient und Okzident, Avantgarde und Mittelalter Hand in Hand und Ton in Ton zusammen klingen; nicht in unverbindlichem Anything Goes, sondern genährt aus dem Wissen um einen gemeinsamen Kern aller Musik. Vielleicht galt der heftige Applaus auch dieser (unausgesprochenen) grenzenöffnenden Botschaft der Rauhnächte.

Zum Konzertauftakt spielte das Amsterdamer Storioni Trio mit dem Sinfonieorchester Beethovens effektvolles Tripelkonzert mit grosser Spiellust. Nach der Pause hängte Chefdirigent Otto Tausk Schumanns «Rheinische» Sinfonie an, geheimnislos, dynamisch eintönig und ohne Interesse an all den Klangnuancen, die man im Orchester vorher bei Giger hatte hören können.

Das Konzert wird am 10. März um 20 Uhr auf Radio SRF gesendet.

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