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Heiraten oder Selbstmord

Die Jugend sei eine Verschwendung an die Jungen. Das Zitat wird Oscar Wilde zugeschrieben und derzeit vom Unitheater Konstanz in einer zynisch-depressiven Inszenierung von Bruckners «Krankheit der Jugend» hinterfragt. Sehenswert und verstörend gleichermassen!
Von  Veronika Fischer , 
Charlotte Zeidler und Marlene Marek testen die Grenzen der Freundschaft. (Bilder: pd)

Die Jugend ist die schönste Zeit im Leben. So heisst es immer wieder und schon schwelgt man in Erinnerungen. Die erste grosse Liebe! Durchtanzte Nächte! Das Studium! Und diese unendliche Freiheit! Keine festen Jobs, keine festen Partner, keine Kinder, keine Haustiere, keine Steuererklärungen – was waren das doch für herrliche Zeiten!

Würde man weiter darüber nachdenken, was man nicht tut, weil ja dann wieder der Job, der Partner, die Kinder, das Haustier oder die Steuererklärung auf der Matte stehen, würde man sich auch noch an eine andere Seite der Jugend erinnern. Davon erzählt das Theaterstück Krankheit der Jugend, das derzeit an der Konstanzer Uni inszeniert wird. Geschrieben von Ferdinand Bruckner im Jahre 1926, ist es auch knapp einhundert Jahre später noch topaktuell und musste kaum modernisiert werden – lediglich ein Macbook wurde hinzugefügt.

Dieses bekommt der Student Petrell von seiner Freundin Marie geschenkt. Sie ist ein wahres Sonntagskind, stammt aus einem wohlhabenden Elternhaus und feiert ihre abgeschlossene Promotion mit Champagner in einem sauberen Apartment, das sie mit Hausmädchen Lucy auf Vordermann bringt. Womit sie nicht rechnet, ist, dass Petrell sie für Irene verlässt, weil diese einfach mehr nach wilder Prärie duftet als die brave Marie.

Stefan Gritsch und Marlene Marek.

Maries Welt bricht zusammen, sie erfährt den ersten Liebeskummer und stürzt sich in einen wilden Exzess. Dabei begleitet sie Desiree, eine junge emanzipierte Frau, die weiss, was sie will und vor allem: was nicht. Freder zum Beispiel. Der ist zwar gut im Bett, aber auf Dauer doch nicht das Wahre. Gemeinsam testen sie die Grenzen einer Mädchenfreundschaft aus.

Überhaupt geht es um Grenzen und deren Überschreitungen. Drogen, Alkohol, gesellschaftliche Konventionen und die Liebe. Marie liebt Petrell, Petrell liebt Irene, Desiree liebt Marie, Lucy liebt Freder, und Freder liebt Schnaps.

Sex, Drugs and Suicide

Die Bar steht als Lebensmittelpunkt im Stück. Barkeeper ist Alt, eine Figur, die immer wieder ins Stück eingreift. Alt ist weder männlich noch weiblich – Alt ist beides, hervorragend dargestellt von Laura Sauer und Stefan Gritsch. Sie sind nicht nur das Barpersonal, sondern wechseln ihre Rollen mit jeder Szene und entertainen, bis der Arzt kommt. Es geht also im Subtext nicht nur um die Jugend, sondern auch darum, was diese eben gerade nicht ist: väterlicher Ratgeber, moralisches Gewissen, Stimme der Vernunft, innerer Dialog, Retterin, Beständigkeit.

Weitere Aufführungen: 15.,16.,18.,20. und 23. Januar, 19.30 Uhr, Studiobühne Uni Konstanz

Um dorthin zu gelangen, gibt es laut Freder nur einen Weg: die Verbürgerlichung, sprich Heirat. Sie ist die einzige Möglichkeit, lebend aus dem Spiel der Jugend herauszukommen, einzige Alternative wäre der Suizid. Dieser liegt Desiree näher: «Alle Menschen sollten sich mit 17 erschiessen, es gibt dann nur noch Enttäuschungen», proklamiert sie zu Beginn. Mit atemberaubenden Sätzen wie diesen umschreibt Bruckner die enge Verbindung von Jugendlichkeit und Todesnähe: Sätze, die herabknallen wie Guillotinenmesser. Stellenweise hätte es dem Stück gut getan, wenn diese ein wenig mehr Wirkung erhalten hätten und nicht in so rasantem Tempo aufeinander geprallt wären.

Aber auch das ist eben ein Kennzeichen der Jugend – das Tempo. Und dieses hält von Anfang an Einzug in die Inszenierung von Thomas Fritz-Jung, der seit diesem Semester das Unitheater leitet. Zu einem Soundtrack, der von Massiv Attack bis System of a down und von José González bis Rammstein reicht, bereiten die Studentinnen und Studenten den Theaterstoff wirkungsvoll auf.

Besonders beeindruckend ist dabei die schauspielerische Leistung, die das Ensemble hervorbringt. Da ist eine meisterhafte Marlene Marek zu sehen, die in der Figur der Desiree mit ihrer Souveränität so selbstverständlich auftritt, dass sie auch auf einer grossen Bühne faszinieren würde – umso mehr erstaunt diese Leistung in der studentischen Inszenierung.

Von der Barbie zur Furie

Auch Charlotte Zeidler als Marie überzeugt. Besonders in der  zweiten Hälfte des Stücks, wenn sie die Hüllen ihrer barbiehaften Medizinstudentin fallen lässt und endlich einmal nicht mehr nett lächelt, sondern brüllt und tobt und schreit und vollkommen ausflippt. Ihr Herzschmerz ist so gewaltig, dass sie sich nach körperlichem Schmerz sehnt, um diesen zu verdrängen. «Schlag doch zu! Schlag doch zu!», brüllt sie Freder verzweifelt an. Louise Parche als Irene und Charlotte Lott als Lucy fügen diesen beiden starken Frauen weitere Facetten der Weiblichkeit hinzu: Strebsamkeit und devotes Verlangen.

Charlotte Zeidler und Aaron Holland

Die beiden männlichen Figuren Freder und Petrell sind ebenfalls gegensätzlich angelegt. Der alkoholaffine Womenizer Freder ist im 20. Semester, und das einzige, woran er fleissig arbeitet, ist sein Pegel. Aaron Holland spielt diesen Charakter engagiert und man nimmt ihm sowohl den Don Juan als auch den Taugenichts ad hoc ab. Er lächelt nur über Otto Petrell oder «Bubi», wie der zarte Poet auch genannt wird. Lukas Lautenschlager stellt diesen mit Witz und Charme dar und bringt das Publikum schon mit kleinen Gesten zum Lachen.

All das endet in einer wilden Orgie zur Treuefrage, einem Dämonentanz der Jugend, der die Beteiligten in einem komatösen Zustand erwachen lässt. «Meine Leber schmerzt», klagt Freder. «Es wird Zeit, dass du heiratest», entgegnet Desiree zynisch und wählt ihren Ausweg aus dem Dilemma, wie eingangs angekündigt. Standing Ovation am Ende. Absolut verdient.

Kunstausstellung

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VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

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Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

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Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

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Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

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Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

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Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

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Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

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Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz