Die apokalyptische Verkündung des Engels vom Zeitenende ist beim St.Galler Publikum an diesem Dienstagabend hörbar und körperlich spürbar angekommen: kein Hüsteln, kein Blättern – atemlose Spannung – ein Innen aus Musik allein – und: Stille.
Ein Duo
Den Auftakt im Programm machen die dreisätzigen Märchen für Violoncello und Klavier von Leos Janácek. Sie offenbaren sich als zauberhafte Musik. Dieser unterliegt ein tonpoetisches Programm aus einem epischen Gedicht des russischen Autors Vasily Zhukovsky. Es erzählt eine Liebesgeschichte um Zarewitsch Iwan und eine schöne Prinzessin.Tanja Tetzlaff, Violoncello und Antii Siirala, Klavier interpretieren diese kleinen Tondichtungen mit Innigkeit und in fein abgestimmtem Dialog. Eigentlich bedauernswert, dass Janácek keine weiteren Kompositionen für diese Besetzung geschrieben hat.
Ein Trio
1939 emigrierte Béla Bartók in die USA. Auf Anregung des Geigers Joseph Szigeti entstanden die Kontraste für Violine, Klarinette und Klavier, das erste Werk aus dem Exil. Mitgebracht hatte Bartók sein ungarisches Gepäck. In der Neuen Welt wird er mit neuen Stilen, dem Jazz, konfrontiert. Es kommt zur Begegnung mit dem Jazz-Klarinettisten Benny Goodman, und dieser wird in der Uraufführung den Klarinettenpart spielen. Kontraste sind zwei stilisierte ungarische Tänze in Verbindung mit Jazz und ein nachträglich dazwischen geschobenes, entspannendes Lento.
Mit hinreissender körperlicher Präsenz begeben sich Sharon Kam, Klarinette, Carolin Widmann, Violine und Antti Siirala, Klavier in die Kontraste hinein und verschmelzen im Lento zu einem Körper. Im finalen Satz will man kaum mehr glauben, dass das geschriebene Musik ist. In der Interpretation der Klarinettenstimme durch Sharon Kam bekommt das Werk improvisierenden Charakter. Der Hammer!
Ein Quartett
Nie wieder habe man ihm mit grösserer Aufmerksamkeit und solchem Verständnis zugehört, erinnert sich Olivier Messiaen anlässlich der Uraufführung seines Quatuor pour la fin du temps im Kriegsgefangenenlager Görlitz am 15. Januar 1941. Nennen wir es Betroffenheit, nennen wir es Ergriffenheit: Die Aufführung des Quatuor hinterliess auch fast achtzig Jahre danach an diesem Abend in der Tonhalle einen vielleicht vergleichbar starken Eindruck. Ja, das «Quartett auf das Ende der Zeiten» ist ein Meilenstein in der Kammermusik des letzten Jahrhunderts. Ja, es ist ein kompositorisch komplexes Werk, vielfarbig und voller religiöser, endzeitlicher Symbolik. Es ist auch ein Manifest des Glaubens, entstanden in düsteren Zeiten.
Die drei Musikerinnen und der Mann am Klavier liessen alle diese Hintergründe vergessen. Ihre Interpretation lotete das Werk in seiner ganzen Tiefe aus, die ausführlichen Kommentare des Komponisten in der Partitur waren spürbar verinnerlicht.
Für den Hörer bedeutet das, durch acht Sätze mit unterschiedlichem Charakter zu gehen. Von der Genesis hin zum ewigen Licht. Herausgegriffen: Das Klarinettensolo von Satz drei «Abgrund der Vögel» bekam durch Sharon Kam diese nach unten ziehende Note. Den beiden Lobpreisungen auf die «Ewigkeit Jesu» mit der Cellistin Tanja Tetzlaff und die «Unsterblichkeit Jesu» mit Violinistin Carolin Widmann gaben die Interpretierenden jene Süsse, die ihnen gebührt. Was man erlebt, war die Aufhebung der klassischen Organisation der musikalischen Zeit. Eine Sternstunde.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.