Der Name ist in aller Munde: Oli Welkes «Heute Show» verbreitet Deniz Yücels Aufruf, aus Solidarität eine der drei letzten unabhängigen türkischen Zeitungen zu abonnieren. Bei Böhmermann im Zdf Neo findet sich sein Konterfei mit Kippe im Mundwinkel seit der Winterpause als ikonische Kulissendeko. Unzählige Autokorsos in deutschen Städten setzten Zeichen gegen die Inhaftierung des Kolumnisten der «Welt». Eine Petition zu seiner Freilassung hat mittlerweile rund 7500 Unterschriften. Die Spiegelonline-Kolumnistin Margarete Stokowski, die von Yücel laut eigenen Aussagen einst «etwas über W-Fragen» lernte, lässt gemeinsam mit Sibylle Berg und Böhmi Anzeigen schalten für den früheren Mentor, unterstützt von hunderten weiteren Journalist*innen.
Kritik unerwünscht
Die Affäre Böhmermann um das sogenannte «Schmähgedicht» (dessen rassistische Züge deutlicher waren als die satirischen) muss noch nicht mal bemüht werden, um konstatieren zu können: Der fragwürdige Verhandlungspartner der EU in Refugee-Fragen und der Bekämpfung des Daesh – das vermehrt diktatorische rechtsaussen-islamistische Erdogan-Regime – reagiert äusserst empfindlich und äusserst brutal auf kritische Stimmen. Zu spüren kriegen das z.B. kurdische Oppositionelle, türkische Medienschaffende und eben Yücel, der wegen seinem Doppelbürgerstatus nur beschränkt auf die deutsche Diplomatie hoffen kann: Erdogan fasst Yücels Arbeit als persönliche Beleidigung auf (der Journalist war jüngst mit Enthüllungen um Erdogans Schwiegersohn beschäftigt).
Der Aufruf für die Solidaritätsdemonstration gestern in Zürich mahnt: «Journalisten sind nicht die einzigen, die der staatlichen Repression ausgesetzt sind: Anwälten, Gewerkschaftern, Akademikern, Demokraten, Menschenrechtlern, Künstlern und allen, die irgendeine Kritik an Erdogan äußern, droht die Inhaftierung. Die Botschaft des türkischen Staates ist ebenso eindeutig wie beunruhigend: Kritik am autoritären Regime der AKP ist mit gravierenden Konsequenzen verbunden».
Betroffenheit – weil betroffen
Gut 200 Menschen versammelten sich bei allerschönstem Frühlingswetter auf dem Zürcher Helvetiaplatz, die Gartenbeizen rundherum und der Kanzleiflohmi randvoll. Die Stimmung ist schwer zu beschreiben, denn sie war eigentlich gut. Keine Aggressionen, kein falsches Pathos, doch eine ziemlich seriöse Betroffenheit war omnipräsent. Medienschaffende fanden sich neben Anderen ein, um ihre Solidarität mit dem Berufskollegen zu bekunden.
Betrachtet man die Menge, kriegt man ein Gefühl für die Grössenordnung der inhaftierten Journalist*innen in der Türkei. Und: Jede*r einzelne hier hätte höchstwahrscheinlich akuteste Existenzsorgen, wären wir wenige Flugstunden in südöstlicher Richtung zu Hause.
Die Basler Nationalrätin Sibel Arslan: «Inzwischen gibt es nur noch Hofberichterstattung in der Türkei».
Diese Verknüpfung findet sich schliesslich in Person und Körper Deniz Yücels sehr deutlich: Sogar noch im türkischen Knast in Isolationshaft vermittelt der Kolumnist zwischen Welten. Könnte er grad so sehr mit uns auf dem Helvetiaplatz stehen und für die politischen Gefangenen demonstrieren, ist er selbst der Gefangene und muss mit bis zu fünf Jahren Untersuchungshaft rechnen.
«Wenn wir diese Kundgebung hier in Zürich machen, dann deswegen, weil wir uns alle als Journalist*innen in der Schweiz nicht in unsere sicheren Jobs flüchten können. Wir möchten unsere Verbundenheit mit den türkischen Kolleginnen und Kollegen ausdrücken. Die Pressefreiheit hört nicht an der Grenze auf. Ihre Pressefreiheit ist auch die unsere», sagt die moderierende Anna Jikhareva von der WoZ.
Wir wollen dich kennen lernen, in Freiheit!
Bettina Büsser von Reporter ohne Grenzen betont in ihrer Rede, dass wir auch für all diejenigen, deren Namen wir noch nicht mal kennen, hierstehen. «Lasst sie frei, stoppt die Prozesse!». Und schliesslich geht es auch um diejenigen, die keine Journalist*innen mehr sein können, weil sie sich aus Angst vor Repression selbst zensieren.
Sandro Brotz von der SRF «Rundschau» wartet auf mit einem Brief an Deniz, den er nicht persönlich kennt, wohl aber seine Texte. «Stift und Notizblock sind da wo du bist verboten». Und doch diktiert Yücel seinem Anwalt noch humoristische Sprüche wie: «Der Korrespondent müsse mal wieder was liefern, wir sind ja nicht zum Spass hier».
Der emotionale Brief schliesst mit klaren Worten: «Wir tun inzwischen das, was wir tun müssen, damit du nicht vergessen gehst, damit die Kolleg*innen hinter Gittern nicht vergessen gehen. Aber was auch nicht vergessen werden darf, ist, dass Journalismus keine Straftat ist. Es ist keine Straftat, Fragen zu stellen, es ist kein Verbrechen, eine eigene Meinung zu haben».
Plakate am Rand der Demonstration, aber keineswegs am Rand der Geschichte: die schweizerische AKP.
Auch eine Kolumne von Yücel aus der Zeit der Gezi-Park-Proteste 2013 wird vorgelesen, worin dieser erklärt, warum sein Herz dort bei den Demonstrierenden ist: «Fragen Sie einen Almanci Ihrer Wahl und Sie werden zwar jedes Mal eine andere Begründung hören, aber stets dasselbe Fazit: Das ist für mich ein besonderes Land. Ich glaube, dank der Çapulcus haben wir unsere emotionale Bindung zur Türkei politisiert. Wir können uns zur Türkei, zu diesem Teil der Türkei bekennen, ohne uns von irgendwelchen Sarrazins nach unser ‹Integrationsbereitschaft› ausfragen lassen zu müssen. Wir können uns mit den Menschen hier solidarisieren, ohne uns mit den Urlaubserinnerungen irgendwelcher gutmeinender Deutschen befassen zu müssen».
Es gibt nur eine Welt
Miklós Klaus Rózsa, dessen Film aktuell in den Kinos läuft, verknüpft den Protest schliesslich mit seinen eigenen Erfahrungen mit Polizeirepression gegenüber Medienschaffenden in der «hochgelobten Demokratie Schweiz», und verdeutlicht so, dass es nicht um ein exotisierendes Othering gehen kann, wenn von Pressefreiheit die Rede ist. Spätestens jetzt ist klar: Unser Aktivismus, unsere Leidenschaften, unsere Berufungen mögen noch so verschiedene Sprachen sprechen, das grundsätzliche Anliegen ist ein und dasselbe. Pressefreiheit, die ihr absolutes Gegenstück in der Gefangennahme, Drangsalierung, Isolation und gar Folter von Körpern journalistisch tätiger Personen findet, ist ein Kampf für die Freiheit überhaupt aller Menschen.
Miklós Klaus Rózsa: «Fordern wir auch einen stärkeren Druck unserer Regierung auf das Regime in der Türkei».
Der türkische «Weltrekord» im Inhaftieren von Medienschaffenden muss auf allen politischen Ebenen zwischen Strasse und diplomatischem Verhandlungstisch bekämpft werden. Fordern wir heute «Free Deniz!», betraf, betrifft und wird das auch alle anderen totalitären Züge demokratischer und anderer Staaten betreffen. Das ist politische Pragmatik. Und die Emotionen gehören unbedingt dazu: die geschliffene Feder des brillanten Kopfes Yücel wird schmerzlichst vermisst. Seine schlimme Situation sensibilisiert für diejenige von unzähligen Anderen.
Sechs Tage hautnah beim gesellschaftlichen Kräftemessen im Zentrum Istanbuls dabei: Die Auseinandersetzungen in der Türkei betreffen alle Menschen mit einem beseelten Demokratieverständnis, sagt Can Isik. Hier sein Bericht.
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.