Peter Tobler vom St. Galler Amt für Gesellschaftsfragen legt gleich zu Beginn der Veranstaltung im vollbesetzten Katharinensaal fest: kein Gerede über Flüchtlingsstatus, Dublin-Abkommen und Das-Boot-ist-voll. Vielmehr soll ausschliesslich über die Menschen gesprochen werden, die aus ihrer Heimat geflohen sind und nun hier ein Teil unserer Gesellschaft sind. Dafür brauche es das Engagement aller. Ein grosser Teil der Arbeitsintegration laufe nämlich nicht über Behörden und Regelstrukturen, sondern über die Zivilgesellschaft, sagt Tobler.
Stadtrat Peter Jans, der seinen erkrankten Kollegen Nino Cozzio vertritt, rechnet vor, dass die Gemeinden im Durchschnitt zwischen fünf und sieben Jahre lang einen Flüchtling unterstützten; danach sei er ein Fall für die Sozialhilfe, wenn die Arbeitsintegration nicht gelinge. Die Vermittlung einer Erwerbstätigkeit könne aber nicht allein dem Staat überlassen werden.
Integration mit Brüchen und Erniedrigungen
Eva Mey von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaft (ZHAW) beleuchtet die Flüchtlingsproblematik aus ungewohnter Warte. Sie stellt die vor zwei Jahren gemachte UNHCR-Studie «Arbeitsmarktintegration – Die Sicht der Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen in der Schweiz» vor. Dabei sind 70 Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, Afrika und Asien befragt worden, wie sie ihre Integration in den Arbeitsmarkt selbst erlebt haben. Bei den Interviews wurde ein starker Fokus auf die Eingliederung in die Gesellschaft durch die Erwerbstätigkeit gelegt. Arbeit sei sehr wichtig, damit die Menschen ihren Flüchtlingsmodus verlassen könnten, sagt Mey. Laut der Studie sind nach zehn Jahren etwa 50 Prozent der Flüchtlinge integriert, und rund 25 Prozent gehen einer Erwerbstätigkeit nach.
Bei der Ankunft im Asylland waren die Ziele und Wünsche der Flüchtlinge praktisch die gleichen: ein normales Erwerbsleben, Sicherheit und Unabhängigkeit. Die meisten der Befragten gaben eine hohe Ausbildungs- und Erwerbs-Orientierung zu erkennen. Das Bildungsniveau der Flüchtlinge war sehr unterschiedlich, ebenso die Zeit, die sie in ihren Herkunftsländern bereits gearbeitet hatten. Einige waren vor der Ankunft im Asylland noch nie erwerbstätig.
Die grosse Mehrheit verbrachte sehr viel Zeit in der Schweiz bei der Stellensuche, bei der Ausübung von Arbeitspraktika und beim Warten auf ein Integrationsprogramm. Einige seien darob auch ungeduldig geworden, zumal mit der Ausbildung, die sie aus ihrem Heimatland mitgebracht hatten, keine Stelle zu finden war und auch ihre Hochschul- und Universitätsabschlüsse nicht anerkannt wurden.
Laut der Studie verläuft der Aufbau der Ausbildungen von vielen Flüchtlinge nicht kontinuierlich, es gibt immer wieder Brüche und Wechsel. Prekär und atypisch ist denn auch die Stellensuche in der Schweiz. Viele Flüchtlinge können ihre Erwerbstätigkeit nicht selber lenken. Niedrigqualifizierte werden fast ausschliesslich in die Gastronomie, in die Pflege und in die Reinigung «manövriert». Hochqualifizierte finden am ehesten im interkulturellen Sektor als Übersetzer und Vermittlerinnen eine Arbeit. Es bestehen praktisch keine Möglichkeiten, dass Flüchtlinge an eine Ausbildung anschliessen können, die sie bereits in ihrer Heimat begonnen hatten.
Viele der Migrantinnen und Migranten fühlen sich laut der Studie blockiert und von ihrem Umfeld nicht als handelnde Personen akzeptiert. Sie haben Ängste, den Flüchtlingsstatus im Asylland nicht abschütteln zu können. Daran sind die teilweise engmaschigen Vorschriften im Asylgesetz mitschuldig. Es gibt zu wenig Spielräume. Die Mehrheit der Flüchtlinge hat nur Kontakte zu Behörden und zur eigenen Familie. Wichtig wären aber auch andere Kontexte, um sich integrieren zu können.
Erfolge sind möglich
Die Studie streicht aber auch positive Faktoren heraus: Biographien von Menschen, die gute Ausbildungen und eigene Willensstärke mitbringen und über viele Umwege und Erniedrigungen, nicht zuletzt dank des zivilgesellschaftlichen Engagements, eine befriedigende berufliche Tätigkeit finden.
An der Forumsveranstaltung stellten sich ein Sudanese und ein Kosovare zusammen mit den Personen vor, die sie auf der Suche nach einer befriedigenden beruflichen Tätigkeit stark gefördert hatten. Beim Mann aus dem Sudan, der heute als ausgebildeter Pfleger in einem Altersheim arbeitet, war es eine Frau, die ihm als engagierte Privatperson half, seinen Weg zu finden. Der Kosovare ist sechsfacher Familienvater und 47 Jahre alt. Er ist im zweiten Lehrjahr als Plattenleger. Sein Arbeitgeber, der 19 Jahre jünger ist, war bei dieser Karriere behilflich.
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