Niemand weiss, wie viele Menschen gestorben sind beim Versuch, nach Europa zu kommen. Zehntausende, unmöglich sie zu zählen. Sie ertrinken im Meer, werden an Grenzübergängen erschossen oder verenden in menschenunwürdigen Camps. Eine anonyme Masse.
In Europa spricht man gerne von «Flüchtlingswellen» oder «Migrationsströmen», eine vermeintliche Naturgewalt, weniger gern spricht man über die strukturellen Zusammenhänge und die Fluchtgründe. Und erst recht ungern über die europäische Verantwortung für die unzähligen anonymen Toten. Mitte Mai haben die Schweizer Stimmberechtigten klargemacht, dass sie das tödliche Migrationsregime Europas unterstützen. Mit 72,5 Prozent Ja-Stimmen haben sie sich für die finanzielle Aufstockung der europäischen Grenzschutzagentur Frontex ausgesprochen.
Cercle de Silence für abgewiesene Asylsuchende und Geflüchtete: 18. Juni, 11:30 Uhr
24 Stunden Gedenken: 18. Juni, 12 Uhr bis 19. Juni, 12 Uhr, St.Laurenzenkirche St.Gallen. Die Namen der Verstorbenen werden gelesen und auf Stoffstreifen geschrieben.
Begleitausstellungen:
Fotos von SOS Méditerranée aus den Seenotrettungsschiffen Aquarius und Ocean Viking.
«Entwurzelt und Ausgeliefert» – Holzskulpturen von Peter Leisinger: bis 16. Juni in der Laurenzenkirche, danach im Öffentlichen Raum
beimnamennennen.ch
Die Aktion «Beim Namen nennen» will den anonymen Toten an Europas Grenzen gedenken, um sie trauern und gegen die herrschende Migrationspolitik protestieren. Sie findet in verschiedenen Städten statt, seit 2021 auch in St.Gallen. Im Rahmen des diesjährigen Flüchtlingstags werden während 24 Stunden in der Laurenzenkirche die Namen der Verstorbenen vorgelesen und ihre Todesumstände genannt. Ihre Namen – 48’000 sollen es sein – werden ausserdem auf Stoffstreifen geschrieben und an die Kirchenfassade gehängt, die so zu einem unübersehbaren Mahnmal wird. Getragen wird die Aktion von den Landeskirchen und verschiedenen NGOs.
Den Nummern Namen geben
Zur Einstimmung wird am 17. Juni im St.Galler Kinok der Dokumentarfilm #387 von Madeleine Leroyer gezeigt. Auch ihre Protagonist:innen kämpfen gegen das Vergessen auf dem Mittelmeer, gegen die Anonymität des Ertrinkungstodes, aber mit forensischen und detektivischen Mitteln.
Am 18. April 2015 sank vor der libyschen Küste ein Boot mit mehr als 800 Migrant:innen auf dem Weg nach Italien. Es war die grösste Katastrophe dieser Art. Die italienische Regierung entschied sich, entgegen der sonstigen Praxis, das Wrack zu bergen und die Toten zu bestatten. Sie wurden auf verschiedene Friedhöfe im Land verteilt, auf ihren improvisierten Grabmalen steht lediglich eine Nummer.
Die forensische Medizinerin Cristina Cattaneo und ihr Team versuchen diesen Nummern Namen zu geben. Über Jahre leisten sie akribische Detektivarbeit. Knochenreste, Fotos, Portemonnaies, Stofffetzen, SIM-Karten: Stück für Stück werden die Spuren der Verstorbenen gesammelt, katalogisiert und rekonstruiert, darunter auch das vom Salzwasser verletzte Fragment eines Liebesbriefs an eine gewisse Oluiti. Dessen Urheber, Nummer 387, hofft auf ein Wiedersehen mit seiner Geliebten. Seine Identität bleibt ungeklärt.
Unzählige Interviews und DNA-Proben
Anthropologin Giorgia Mirta folgt derweil den Spuren der Namenlosen in die italienischen Archive, wo die Sterbeurkunden der «Sconosciuti», der Unbekannten, liegen. Nach und nach gelingt es ihr und dem Forensikteam so, die Identitäten der Verstorbenen zu rekonstruieren. Damit bleiben sie in Erinnerung. Doch dem Team geht es nicht nur um die Würde dieser Menschen, es geht auch um jene Menschen, die sie hinterlassen, die seit Jahren in Ungewissheit leben. Sie sollen abschliessen können, trauern dürfen.
#387: 17. Juni, 19 Uhr, Kinok St.Gallen. Anschliessend Podiumsdiskussion mit Eva Ostendarf (SOS Méditerranée), Kaspar Surber (WOZ) und Chika Uzor (Cityseelsorge St.Gallen). Moderation: Corinne Riedener
Giorgia Mirta weiss, was das heisst. Ihr Grossvater wurde von der italienischen Mafia verschleppt und nie wieder gesehen. In Zusammenarbeit mit dem Menschenrechtler José Pablo Baraybar versucht sie, die Angehörigen der Verstorbenen im Wrack zu finden. Eine riesige Herausforderung. Weil sie mit verschiedensten Behörden zusammenarbeiten müssen, aber nicht zuletzt auch, weil die im Wrack gefundenen Ausweispapiere oft gefälscht sind. Viele Migrant:innen aus Afrika lassen ihren Namen ändern, weil sie hoffen, so ihre Chancen auf Asyl in Europa zu erhöhen. Da helfen, nebst unzähligen Interviews mit Zeug:innen, nur DNA-Proben.
Leroyers Antrieb für diesen Film ist durchaus aktivistisch, er sticht aber hervor, weil man von den Menschen, um die es geht, nur die wenigen verbliebenen Habseligkeiten sieht. Sie erzählt entlang von Beweisstücken und Aktenbergen die Geschichte ihrer Flucht. Und von den tödlichen Folgen der Festung Europa. Es ist die Abwesenheit dieser über 800 Menschen, die den Film so tief eindringen lässt, die den Raum für Anteilnahme und Gedenken öffnet. Und im besten Fall für politischen Aktivismus.
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