Kunst ist Inspiration, Ästhetik, Auseinandersetzung mit der Welt. Kunst braucht aber auch Produzenten und Vermittlerinnen. Ihnen gilt dieses Heft. Am Anfang stand die Beobachtung, dass in der St.Galler Kunstlandschaft einiges in Bewegung ist. Beim genaueren Hinschauen landete Saiten darüberhinaus – in China.
Kein Wunder: Im Ostasiatischen Raum boomt die Wirtschaft, und mit dem Wachstum kommt der Hunger der Kunstszene nach Austausch, nach Absatz. Mit dem Hong Konger West Kowloon Cultural District entsteht gerade eine gigantische Drehscheibe für Kunst. Die Schweiz dreht mit: Die Art Basel hat seit 2013 einen Ableger, die «Art Basel Hong Kong». Die Zürcher Hochschule der Künste ZHdK lancierte jüngst mit «Connecting Spaces Hong Kong –Zürich» einen Austausch mit China, fixe Räumlichkeiten in Hong Kong sollen «zum Ausgangspunkt eines transkulturellen Dialogs zwischen den lokalen kulturellen Szenen von Hong Kong und Zürich, von Europa und Asien» werden. Der Schweizer Kunstmäzen und Millionär Uli Sigg beabsichtigt, unter Beifall der Öffentlichkeit, mit grosser Geste seine immense Sammlung chinesischer Gegenwartskunst an China «zurückzugeben ». Der chinesische Staat ist ihm dann doch zu suspekt, weshalb die Sammlung nach Hong Kong in den geplanten Neubau M+ von Herzog & de Meuron gehen soll. Generell ist die aufgeregte Neugierde des Westens mit Skepsis durchsetzt, etwa: An der Art Basel Hong Kong entscheide die Kasse, was gute Kunst sei.
Und was hat das alles mit der Ostschweiz zu tun? Mehr als erwartet. Die vor ungewisser Zukunft stehende Lithographie-Werkstatt von Urban Stoob wollte ihre einzigartigen Maschinen nach China verkaufen, komplizierte Einfuhrbestimmungen verhinderten dies. Die Kunstgiesserei St.Gallen produziert einen gewichtigen Teil ihrer Werke in ihrer Partnerfirma in China, wie der Film Feuer & Flamme von Iwan Schumacher eindrücklich dokumentiert. Ostschweizer Künstler stellen in China aus. Oder: Die Firma Würth, die in Rorschach mit dem Forum Würth eine extraordinäre Kunstsammlung zeigt, betreibt intensiven Handel mit China. Schrauben brauchts überall. Kunst auch.
Zurück zum Lokalen also. Wir reden mit jenem Künstler, der einmal mehr der «Mann der Stunde» ist: Roman Signer. Wir porträtieren Hersteller (Sitterwerk, Drucker Stoob) und besuchen Aussteller (die Galerien der Stadt, das Forum Würth). Und wir öffnen ein Kunstfenster: Die junge, hier aufgewachsene Künstlerin Valentina Stieger hat eigens für dieses Heft eine Arbeit geschaffen – «Soft Scenes».
Weiter im Text: Der zweiteilige Report zum drohenden Autobahnzubringer auf dem Güterbahnhof-Areal in St.Gallen. Globale und lokale Musik. Das Interview mit dem abtretenden St.Galler Tanzchef Marco Santi. Viel Kultur. Und Leerschläge.
Katharina Flieger, Peter Surber
DER INHALT
Reaktionen
PositionenBlickwinkel von Michael BodenmannRedeplatz mit Richi KüttelEinspruch von Hansueli StettlerStadtpunkt von Dani FelsLeerschläge I – III
Achtung: Kunst.«Heute würden sie das nicht mehr wagen, heute haben sie Respekt.»Ein Besuch bei Roman Signer.von Ursula Badrutt
Heisse KunstwareDer Film Feuer & Flamme über die Kunstgiesserei St.Gallen und das globalisierte Kunstsystem.von Katharina Flieger
Der Rolls-Royce hört aufDie Lithographie-Werkstatt von Urban Stoob und ihre ungewisse Zukunft.von Wolfgang Steiger
St.Galerie war einmalWer braucht die Galerien? Der Markt oder die Kunstschaffenden? Ein Rundgang.von Kristin Schmidt
Kopf-an-Kopf-RennenTeure Kunst, billig präsentiert: Ein Besuch im Forum Würth in Rorschach.von Peter Surber
Soft ScenesWerkserie von Valentina Stieger
PerspektivenRapperswilSchauffhausenVorarlbergThurgauStimmrecht von Leyla Kanyare
Report GüterbahnhofSound of Silence – Eine Momentaufnahme vom Areal.von Samuel Tanner
Die Chronik, die Versäumnisse, der Machtpokervon Andreas Kneubühler
Una Lupo zeichnet den Juni-Comic.
KulturTobi legt seinen zweiten Mäx-Comic vorvon Hans Keller
Flaschenpost aus New Yorkvon Katharina Nill
Musik:Banda di San Gallo– irgendwie politischvon Hanspeter Spörri
Mahraganat: Am Puls von Kairovon David Nägeli
Literatur:Der Weg allen Fleisches – Hermann Kinders neue Erzählungvon Jochen Kelter
Kunst:Der Verein Kunsthallen Toggenburg bespielt das Hotel Post in Ebnat-Kappelvon Christina Genova
Film:Life in Paradise: Der Film aus dem Asylzentrumvon Geri Krebs
Artist in Residence von Georg Gatsas
Theater:Ein Schluss-Gespräch mit Tanzchef Marco Santivon Peter Surber
Weiss auf Schwarz von Com&Com
AbgesangKellers GeschichtenBureau ElmigerCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.