Kategorie
Autor:innen
Jahr

Schauprozess mal anders

Der Prozess gegen einen Teilnehmer der «StandortFUCKtor»-Demo vom September 2013 endet genau so überraschend wie er verlaufen ist. Fragen rund um die damaligen Ereignisse bleiben dennoch offen. Tom Combo berichtet aus Winterthur.
Von  Gastbeitrag

Freitag, 9. Januar 2015, Bezirksgebäude Winterthur. Die Polizeipräsenz ist geringer als noch im August, als anlässlich des Prozesses gegen einen Teilnehmer der «Bring Your Noise»-Kundgebung das Areal grossräumig von Polizeikräften überwacht wurde. Etwa sechzig Personen sind dem Aufruf der StandortFUCKtor-Soli-Gruppe gefolgt, der Kundgebung zum Prozess beizuwohnen.

prozess4Vor dem Gerichtsgebäude wird Kaffee getrunken, Solidaritäts-Rap ertönt aus einem Lautsprecher und ein Transparent mit der Aufforderung «der Stadtaufwertung den Prozess machen» wird hochgehalten. Anlass ist die Verhandlung gegen einen mutmasslichen Teilnehmer der StandortFUCKtor-Demo vom 21. September 2013, der gegen den Strafbefehl des Stadtrichteramts Einsprache erhoben hatte.

Juristisches Desinteresse

Bereits Vorfeld zeichnete sich ab, dass es der Gruppe, darunter auch einige aus dem Umfeld des Revolutionären Aufbaus Schweiz, nicht nur um das Ergebnis des Prozesses geht. Am Mittwoch zuvor wurde im Gasthof zum Widder über die Aktion informiert. Dabei stand weniger die Gerichtsverhandlung im Zentrum als vielmehr die Problematik der angestrebten Stadtaufwertung. (Vor einem Jahr publizierten wir dazu ein Online-Interview auf Saiten.ch.)

Darauf angesprochen, sagte der Referent: «Wir erwarten keine gerechten Urteile, deshalb kehren wir den Spiess um und benützen den Prozess, um selbst Anklage zu erheben». Man würde es zwar begrüssen, wenn Leute auf juristischem Weg versuchen würden, gegen die Repressionen im Zusammenhang mit der Demonstration vorzugehen, unternähme aber momentan selber keine Anstrengungen in diese Richtung .

Vor diesem Hintergrund war es auch nicht überraschend, dass der Beschuldigte keine Fragen des Gerichts beantwortete, sondern kurz nach Verhandlungsbeginn aufstand und sagte, dass es hier nicht um ihn gehe sondern um eine Einsprache stellvertretend «für alle von der Repression Betroffenen».

Entgegen den Aufforderungen des Richters, sich an den Prozessablauf zu halten, folgte darauf eine politische Erklärung, die in einer Art Sprechtheater endete, in dem einzelne Personen im Publikum eine Anklageschrift vorlasen, die später auf der Strasse verteilt wurde. Ein Transparent wurde hochgehalten und nach dem Sprechchor «Eusi Stadt, eusi Quartier, weg mit de Yuppies weg mit de Schmier!» verliessen das Publikum und der Angeklagte den Gerichtssaal. Jemand sagte noch: «So das wars, der Prozess ist beendet.»

Unscharfe Bilder

Nach einem kurzem Aufenthalt vor dem Gerichtsgebäude zog der Demonstrationszug durch die Marktgasse zum städtischen Baudepartement, wo ein Plakat mit dem Slogan «Aufwertung ist Verdrängung» an die Mauer geklebt wurde. Bei den Archhöfen (Bild unten), für die Gruppierung eines der wichtigsten Symbole für eine falsche Stadtentwicklung, löste sich der Protestzug schliesslich auf. Begleitet wurde er diesmal nur von Zivilbeamten, die ihn aus der Distanz beobachteten.

prozess3prozess2Der Prozess war indes zu dieser Zeit noch nicht beendet: Im Gerichtssaal präsentierte sich bei der Urteilsverkündung ein umgekehrtes Bild. Statt Aktivisten und Aktivistinnen sass im Zuschauerbereich neben drei Presseleuten lediglich noch eine Handvoll Polizisten. Der Angeklagte, der in Absprache mit seinem Anwalt Marcel Bosonnet bereits ohne diesen zur Verhandlung erschienen ist, blieb der Urteilsverkündung nun selbst auch fern.

Das Urteil, das wegen der Aussageverweigerung des Beschuldigten lediglich aufgrund der Aktenlage gefällt wurde, fiel indes überraschend aus. Das Gericht war zum Schluss gekommen, dass die Video-Aufnahmen, die kurz nach elf Uhr auf der Höhe des Clubs «Coyote Ugly» gemacht worden waren und laut der Anklage den Beschuldigten im Profil zeigten, «nicht sehr scharf, beziehungsweise unscharf» seien und «eine klare Identifizierung nicht möglich» sei. Deshalb bestünden unüberbrückbare Zweifel an der Anwesenheit des Beschuldigten. Dieser wurde freigesprochen, Busse und Verfahrenskosten wurden ihm erlassen und eine Entschädigung für die rechtliche Vertretung zugesprochen.

Verhaltene Reaktion

Jubel löste der Freispruch nicht aus. Anwalt Bosonnet zeigte sich zwar auf Anfrage zufrieden und sagte, dass nun auch gleichgeartete Strafbefehle revidiert werden müssten. Dies gilt allerdings nur für Fälle, die genau gleich liegen – und dies tut kaum einer. Die meisten Strafbefehle wurden an Teilnehmer ausgestellt, die nach der Demo festgenommen wurden, deren Teilnahme also belegt ist. Die StandortFUCKtor-Soli-Gruppe wiederum bezeichnete das Urteil in einem Communiqué als Farce, mit dem die Justiz versuche, «sich als neutrale, unvoreingenommene Instanz darzustellen».

Nun ist zwar weder am Verfahren noch am Urteil juristisch etwas auszusetzen, das heisst jedoch nicht, dass die zahlreichen Fragen rund um die Tanzdemo nun geklärt wären. Die Position des Stadtrates, dass angesichts der Gewaltbereitschaft der Demo-Teilnehmer die Reaktion der Polizeikräfte gerechtfertigt gewesen sei, bleibt unverändert. Deutlich macht dies seine Antwort auf eine schriftliche Anfrage des Gemeinderates Christoph Baumann (SP) zu den Ereignissen rund um die Tanzdemo.

Verhärtete Positionen

Wie Polizeivorsteherin Barbara GünthardMaier (FDP) schon im Sommer verlauten liess, sei die interne Untersuchung bereits abgeschlossen. Dies bedeutet, dass viele Vorwürfe von Teilnehmern und Beobachtern der Demonstration, wonach das Eingreifen der Polizei unverhältnismässig gewesen sei, weiterhin im Raum stehen. Und es sieht nicht so aus, als ob sich an diesem Umstand bald etwas ändert: Viele Teilnehmer haben aus Angst vor hohen Gerichtskosten ihre Bussen bezahlt und weitere Prozesse bezüglich der Teilnahme an der Tanzdemo stehen nicht an.

Weiterhin hängig sind lediglich die Verfahren zu den Einsprachen gegen die Strafbefehle, die im Zusammenhang mit der Folgedemo «Bring Your Noise» ausgesprochen wurden, nachdem ein Teilnehmer der Demo im vergangen August vor Bezirksgericht unterlag und Berufung einlegte. Bis das Obergericht darüber entscheidet, sind die Prozesse dazu sistiert.

Zwar könnte die angekündigte Untersuchung der Ereignisse rund um die StandortFUCKtor-Demo durch die Stadtpolizei Zürich noch weitere Klarheit bringen, doch diese konzentriert sich lediglich auf die schwere Augenverletzung, die eine Demo-Teilnehmerin erlitten hatte. Und: Nicht nur Personen aus dem Umfeld des Revolutionären Aufbaus sondern auch Vertreter der Kultur- und Clubszene bemängeln, dass sich diese Untersuchung nun schon über fünfzehn Monate hinzieht.

 

prozess5

Ein Zeichen setzen: Die Wand des Winterthurer Baudepartements

 

Bilder: zvg

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Von Pius Frey und David Gadze,
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von Mia Nägeli,

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von Vera Zatti,
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von Richard Butz,
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von Philipp Bürkler,
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von Philipp Bürkler,
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von Kristin Schmidt,
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von René Hornung,
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von Christoph Keller,

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von Peter Surber,
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von Lilli Kim Schreiber,
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von Vera Zatti,
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von Jeremias Heppeler,

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von Peter Surber,
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von Vera Zatti,
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von Judith Schuck,
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek