214 Millionen Menschen sind auf der Flucht, sagt Schauspielerin Beatrice Fleischlin zur Begrüssung im Lokremisen-Foyer. An diesem Abend kann man am eigenen Leib erfahren, was das heisst: Die eine Hälfte des Publikums bleibt vorerst im Sicheren, die andere wird in Taxis verfrachtet, deren Fenster mit schwarzen Tüchern verhängt sind. Dann geht die Schlepperfahrt los, rucklig, über Kopfhörer hört man Eisenbahngerumpel, Hundegebell, Polizeibefehle, ab und zu Musik.
Diese Fahrt fährt ein – auch wenn die roten Herold-Taxis und ihre freundlichen Fahrer vermuten lassen, dass die Sache gut ausgeht. Was, wenn man hier nicht mehr rauskäme oder nur unter Lebensgefahr? Wenn plötzlich die Türen aufgerissen würden? Nichts für klaustrophobe Naturen – aber nach etwa zehn Minuten endet die Fahrt im untersten Geschoss der Parkgarage unter der Fachhochschule.
Dort wird aus dem Real-Theater wieder Theaterspiel: Vier gelangweilte Yuppies treiben wortreiche Konversation und Exerzitien der Selbstverliebtheit, bis eine von ihnen auf dem Balkon einen Fremden entdeckt. Der «Illegale» bricht alle Beziehungsroutinen auf und stürzt das Quartett in Ratlosigkeit. Das letzte Wort heisst: «Er muss weg».
Zum Beispiel Patricia aus Brasilien
Autorin Beatrice Fleischlin und Regisseur Jonas Knecht vom Theater Konstellationen haben sich mit ihrem neusten Stück dem Thema der Stunde angenommen – «der Flüchtlingsthematik und deren Wahrnehmung in der Zivilgesellschaft», wie es im Programm heisst. Teil eins der auf zwei Produktionen angelegten Recherche, die wiederum Teil des schon länger dauernden «Showbusiness» der Truppe unter dem Obertitel «Mensch!» ist, erlebte jetzt in der Lokremise seine Uraufführung. Das freie Ensemble um den St.Galler Jonas Knecht profitiert von der erstmals vergebenen, auf drei Jahre angelegten Produktionsförderung des Kantons.
Die «Zivilgesellschaft» ist an diesem Abend das Publikum. Die eine Hälfte, die erst später weggekarrt wird und vorerst unter Dach bleibt, wird mit Prosecco bewirtet gemäss dem Stücktitel: «Willkommen im Paradies meines guten Gefühls». Aus dem guten wird aber bald ein irritiertes, ein fragendes, neugieriges, zwischendurch aber auch schales Gefühl. Das beginnt mit Fleischlins Ansprache, die aus nüchterner Information unversehens in Provokation umkippt, aus den Flüchtlingen «Das Migrant» macht, einen «Zombie, der durch unsere Träume geistert», anstössig, obszön, bedrohlich. Oder vielmehr eine Chance? Die Chance, auszubrechen aus dem europäischen «Komfortraum» und «Wohlfühlparadies» und «uns porös, verletzlich zu machen»?
Exemplarisch dafür tritt Patricia Flores auf, Brasilianerin mit tragischer Familiengeschichte, wie sie sich selbst vorstellt. Autorin Fleischlin gibt kurzerhand ihr «Liebstes», nämlich die Hauptrolle im Stück, ab an Patricia, die sie «meine Migrantin» nennt. Dann tanzt Patricia in aufreizendem Carnival-Kostüm, erst einen verschreckten Tanz, als wäre sie gerade auf eine Nachtclub-Bühne gestossen worden, danach einen virtuosen, touristentauglichen Samba.
Beutet hier das Theater eine Flüchtlingsfrau aus? Und zwingt uns damit zu einem Voyeurismus, der gar nicht unserer ist? Das Stück spielt mit solchen Verdächtigungen und damit auch mit dem westlichen Überlegenheits- und Verlegenheitsblick auf die Migranten. In Wahrheit ist «Patricia» bühnenerprobte Tänzerin und ihre Angst so gespielt wie die Ratlosigkeit des Quartetts (Kristina Brons, Christian Hettkamp, Dominique Müller und Anja Tobler) unten in der Parkgarage.
Kein Rezept für die Einwanderungsgesellschaft
Beide Stückteile geben zu denken, unterlaufen Erwartungen, setzen das Publikum wechselnder Befremdung aus und treffen damit das Thema im Kern. Sie kranken aber auch an Vereinfachung: So panisch wie die vier unter der Parkgaragenrampe reagiert kein Mensch auf das Auftauchen eines «Illegalen». Und so simpel auf «arme Brasilianerin und reiche Westler» lässt sich die Komplexität heutiger Einwanderungsgesellschaften längst nicht mehr reduzieren.
Das machen die Antworten der Zuschauerinnen und Zuschauer deutlich – auch wir waren gebeten worden, zu überlegen und auf Zettelchen zu notieren: Was hätten wir Wohlfühlschweizer einem bedürftigen Flüchtling anzubieten? Was gäben wir her – etwas, das uns auch weh täte? Die Antworten, am Schluss des Stücks vorgelesen, sind gutmeinend, grosszügig, voll Hilfsbereitschaft, manche auch migrationspolitisch reflektiert.Das im Stück beschworene «Monster» namens «Migrant» hätte zumindest beim handverlesenen Publikum der Premiere (24 Personen haben pro Vorstellung Platz) gute Aussichten auf einen Schlafplatz und auf Hilfe beim Gang durch die Ämter.
Die letzten Vorstellungen in St.Gallen (heute Sonntag 17 und 20 Uhr sowie Dienstag 20 Uhr) sind bereits ausverkauft. Infos: theater-konstellationen.ch
Bild: Markus Karner/theater-konstellationen.net
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty