Jan Gassmann porträtiert im Dokumentarfilm «Europe, She Loves» vier junge Liebespaare aus vier EU-Ländern. Eine Gratwanderung zwischen Realität und Fiktion.
Das Private ist politisch: So lautet ein gerne zitierter Satz der 68er, und dass es das Sein ist, welches das Bewusstsein prägt, das wussten jene Rebellen vor fast einem halben Jahrhundert auch schon. Nun entstammt Regisseur Jan Gassmann mit Jahrgang 1983 aber einer ganz anderen Generation, doch wenn er über seinen neuen Film sagt: «Dokumentarisches Filmemachen sollte die Darstellung der Liebe nicht dem Fiktions-Film überlassen und sich hinter wissenschaftlichen Theorien verschanzen, und Politik sollte auch nicht ausschliesslich rational abgehandelt werden», dann erscheint dieser Satz wie ein Echo aus jenen fernen Zeiten von Aufbruch und Optimismus.
Liebe im Prekariat
Demgegenüber gibt ein heutiges Europa, das einer jungen Generation keine Zukunft zu bieten vermag, kaum Anlass zu Lachen und Fröhlichkeit und so mag es nicht verwundern, dass in Europe, She Loves eine eher düstere Stimmung vorherrscht. Weder für Veronika und Harri aus Tallinn noch für Karo und Juan aus Sevilla sieht die Gegenwart rosig aus. Und Siobhan und Terry aus Dublin und Penny und Nicolas aus Thessaloniki haben erst recht keinen Grund für Optimismus. Aus seiner Drogenabhängigkeit versucht sich das irische Paar zu befreien, während die Liebe von Penny und Nicolas im krisengeschüttelten Griechenland durch den bevorstehenden Wegzug von Penny nach Italien einer Zerreissprobe ausgesetzt wird, die sie nicht überleben wird.
Filmpremieren mit Jan Gassmann und Ramòn Giger: Samstag, 1. Oktober, 20.15 Uhr, Cameo Winterthur und Donnerstag, 6. Oktober, 20 Uhr, Kinok St.Gallen.
In den vier Städten an den Rändern Europas, im Norden und Süden, im Westen und Osten hat Jan Gassmann seine Protagonistinnen und Protagonisten im Alter zwischen 21 und 31 Jahren gefunden und sie während über einem Jahr immer wieder in ihrem (Beziehungs-)Alltag begleitet. Ökonomisch leben alle vier Paare im Prekariat, und wie der Titel antönt, ist es meist die Frau, die diesen harten Zeiten die Stirn bietet. Veronika arbeitet als Go-Go-Tänzerin, Karo verdient gelegentlich etwas als Serviererin, Siobhan macht Strassenmusik, und Penny lernt Italienisch, derweil ihr Partner Nicolas temporär als Pizzakurier jobt. Kinder hat nur das Paar aus Estland, und vielleicht ist es ja kein Zufall, dass es zwei junge Leute aus der als EU-Wirtschaftswunderland gefeierten baltischen Republik sind, die diesen Schritt gewagt haben.
Doch es gibt bei ihnen nicht nur das gemeinsame Baby, sondern auch noch Veronikas Sohn aus einer früheren Beziehung. Dass Harry mit dem Jungen Mühe hat, sorgt bei dem Paar ebenso für Spannungen wie Harrys gänzlich unsichtbar bleibende 13-jährige Tochter. Auch sie entstammt einer früheren Verbindung, lebt aber ausschliesslich bei ihrer Mutter. Harry hat sie noch nie gesehen und bereitet sich auf eine erste Begegnung mit ihr vor. Es sind Szenen wie diese, wo es Jan Gassmann und sein genialer Kameramann und Kompagnon Ramòn Giger schaffen, dass man vergisst, einem Dokumentarfilm beizuwohnen.
Sex ohne Voyeurismus
Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch den Tabubruch, dass auch Szenen körperlicher Liebe nicht zu knapp vorkommen. Die Frage, ob einige der Szenen in Europe, She Loves inszeniert wurden oder doch ganz spontan entstanden, wird dabei sekundär. Bemerkenswert ist, dass diese Passagen, ebenso wie auch jene, in denen es um Eifersucht geht, nichts Voyeuristisches an sich haben. Viel mehr sind sie die logische Konsequenz eines Films, der die Liebe und ihre Möglichkeit oder Unmöglichkeit unter den gegebenen Bedingungen eines Kontinents in der Krise ins Zentrum stellt. Leitmotivisch sind dazu aus dem Off gelegentliche Informationsfetzen aus TV oder Radio zu den grossen und kleinen Katastrophen präsent: das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer, vom Papst kommentiert, der Mord am griechischen Musiker Pavlos Fysass durch ein Mitglied der Nazi-Partei «Goldene Morgenröte», die sich häufen- den Hiobsbotschaften über den Zustand der Wirtschaft in Spanien und Irland. Schwere Zeiten für die Liebe.
Man merkt jeder Einstellung im Film an, dass Jan Gassmann und Ramòn Giger seit Jahren ein verschworenes Team sind. Giger war bereits 2011 in Gassmanns dokufiktionalem Hip-Hop-Film Off Beat als Kameramann tätig, und in Kharma Shadub, Gigers 2013 preisgekröntem Dokumentarfilm über seinen Vater, den Musiker Paul Giger, war seinerseits Jan Gassmann als Regisseur und Kameramann mit von der Partie.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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