Hochglanz ist anders. Verglichen mit Lyrical Psycho (2009) und L’osservatore (2011) ist die neue Scheibe von Doppia Erre (Renato Trianni, Zona 167) und Taiken (Max Frischknecht, Tengu Collective) aus St.Gallen düsterer, roher, komplexer. Und sie ist prall gefüllt: Auf der ersten Seite gibt Erre seine Rap-Skills zum Besten, Seite zwei ist für Taikens Dubstep reserviert – wers richtig dunkel mag, dürfte vor allem an dessen letzten paar Tracks Freude haben. Alles in allem sind es zwar 33 (19 von Erre und 14 von Taiken), doch anfühlen tun sie sich wie 50. Wieso alles auf eine Doppel-CD packen? «Wir wollen den Leuten schliesslich etwas bieten», meint Erre grinsend. «Wohin auch sonst mit so viel Material…»
Zona 167, so heissen die Armenviertel – korrekter wäre wohl Vorstadt- oder benachteiligte Quartiere – in Italien, und Zona 167 heisst auch das Label von Erre und Michael Dähler aus St.Gallen. Das ist nicht irgendein Street Credibility-Ding, wie es sonst so gerne abgefeiert wird in der Rap-Szene, sondern hat reale Hintergründe: Erre ist in der Nähe von Lecce in einem dieser Quartiere aufgewachsen. Dass die alle so heissen, wurde ihm aber erst viel später klar. Für ihn hat die Zahl 167 vor allem immer eins bedeutet: «Familie, ein Ort an dem man zuhause ist.» Deshalb taufte er 1996 seine Crew auf diesen Namen. Als sich sie sich vor etwa zehn Jahren auflöste, wurde aus der 167 der Label-Name. Lyrical Psycho II ist der mittlerweile siebte Release von Erre.
Taiken (links) und Doppia Erre
Mit Hokuto Shinken gegen das Kaputte
Vorlage und Inspirationsquelle für Lyrical Psycho II war der 80er-Jahre-Manga Fist of the North Star, später in mehreren Varianten verfilmt, von den beiden Japanern Buronson (Story) und Tetsuo Hara (Zeichnungen): Hauptfigur Kenshiro – «einer unserer liebsten Jugendhelden» – muss darin unter anderem Kaioh, den Anführer der Mutanten, und zu Beginn seinen Bruder Raoh besiegen, der die von einem Atomkrieg verwüstete Welt erobern will. Beide Brüder beherrschen Hokuto Shinken, eine Kampfkunst, die den Körper des Gegners per Druck auf die Meridianpunkte zerbersten lässt.
Anleihen an diesen Meilenstein des japanischen Comics finden sich überall auf Lyrical Psycho II, in Form von gesampelten Audioschnipseln, Spoken Word Pieces aus der Anime-Serie (Marlene feat. MC Pat), japanischen Zithern und Flöten (Da Solo, NoKen, Il tuo destino feat. Dominique Bouvier).
Die asiatischen Einschläge sind aber bei weitem nicht die einzigen. Das Album klingt so gar nicht nach tiefster Ostschweiz, sondern viel internationaler: Erre rappt auf italienisch, ist mit 14 von Lecce nach St.Gallen gekommen, Mc Pat im St.Galler Dialekt, Colin Davis alias Gunda Weeche von Madd Family auf Suaheli, Bouvier, auch bei Zona 167, singt auf englisch und italienisch, Naty auf französisch. Auch ausländische Künstler haben ihre Auftritte auf dem Doppel-Album: Dezi Boyd aus Jamaika beispielsweise oder Maylay Sparks, ursprünglich aus Philadelphia und heute in Kopenhagen zuhause.
Die Beats dazu, unter anderem von Taiken, Dj Blackflame und Fonk, klingen entsprechend vielfältig: Hier Panflöten (Il re solitario), dort Wu Tangs Killer Bees, Streicher au rap français (La storia di Giancarlo), mal böse, mal bunte, mal irre Bässe (Shinobi dub, Lui, Quando stai parlando), minimalistischer Dub, etwas Ragga und diverse Synthie-Effekte inbegriffen – eine gute Mischung aus zeitgenössischen Klängen (Una Spinta, Deep into Taiken Version) und gutem altem Rap-Scheiss (Andale andale, Voglio ricordare, la Speranza).
Gesellschaftskritisch, nicht politisch
Die Texte sind ernst aber selten melancholisch, eher von einer guten Wut geprägt und vom Willen zur Veränderung. Siamo persi, wir sind verloren, ist Erres erster Satz. Ein Verweis «auf das Kaputte in dieser Welt», wie auch die Anlehnung an Kenshiro, der – so einfach ist es im Comic – in einer gewaltverseuchten Welt gegen das Böse und für die Liebe kämpft. «Genau das ist unsere Botschaft», sagt Erre. «Es lohnt sich, für das Gute einzustehen, egal was andere sagen. Steht auf und tut was. Wehrt euch gegen Rassisten, Fremdenfeinde, gegen Ungerechtigkeiten und die Unterdrückung von Minderheiten.»
Serious Rap nennen Erre & Taiken ihre Musik, als politisch würden sie sich aber nicht unbedingt bezeichnen. «Gesellschaftskritisch. Das passt besser.» Dass die beiden aber auch lustig können, zeigt unter anderem Don’t touch my, eine hymnische Parodie auf die Berührungsängste gewisser Cap-Träger, wenn es um ihren heiligen Kopfschmuck geht – was durchaus selbstironisch verstanden werden darf.
«Lyrical Psycho II» von Doppia Erre & Taiken ist ab dem 9. Januar erhältlich, Vorverkauf hier. Die Album-Taufe findet voraussichtlich im März statt. Weitere Infos auf erre.ch.
Die erste Single Dreamer feierte bereits Ende November Premiere:
Bilder: Silvano Loberti
Dieser Text erschien im Januar-Heft von Saiten.
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