Kategorie
Autor:innen
Jahr

Soundtrack der Apokalypse

«The Hollow Man» Silvan Lassauer lieferte am vergangenen Mittwoch in Zürich einen Vorgeschmack auf seine bevorstehenden Konzerte in Grabenhalle, Tankstell und Palace. Unerträglich, vielversprechend – Sound wie Fingernägel auf Wandtafeln, nur schön.

Von  Corinne Riedener

Zweck des letzten Stücks sei es, das Publikum zu vertreiben, heisst es von der Bühne. Silvan Lassauer versteht darunter wirre Streicher und dumpfe Beats, die von Hans Zimmer stammen könnten, wäre er Technoproduzent. Wort-Support Etrit Hasler beschwört dazu tote, von Asche überzogene Gassen herauf, wie einst in Pompeji.

Das Publikum im Zürcher Helsinki Klub zögert kurz bevor es applaudiert, ähnlich wie bei Konzerten in katholischen Kirchen. Passt zu Lassauer in seiner Elektro-Kanzel. Und wie die Pfarrer, musste auch er sich mit wenig Leuten begnügen, was ihm jedoch gleichgültig zu sein schien. Schade zwar, dafür wars intim.

Gute Laune ist anders
Der Rest des letzten von drei Sets war ähnlich düster. Zu Beginn das Stück «Popsong» vom 2005 erschienen Album Notaufnahme mit Hasler. 80er-Trash beschosssen mit Worten aus einem niemals leer scheinenden Magazin. Plötzlich ist klar, woher die «Rap-Yolo-Prolos» um Frauenarzt und Manny Marc die Inspiration für ihre Atzen-Musik hatten. Besser sie hätten sich mehr als nur den ersten Refrain des Albums angehört. Sie wären heute für Stil und ironischen Tiefgang bekannt, statt für peinliche Sonnenbrillen. Rap-Kollege Prinz Pi hat wohl aufmerksamer zugehört. Er weiss: gute Laune ist anders.

Sterben auch – vorausgesetzt man stellt es sich so vor wie ein Set von Lassauer und Hasler: verständlich, traurig, befreiend. Und voll morbider Romantik, die die am Leben gebliebenen bis an ihr Ende verfolgt und immer wieder flüstert: Niemand ist zum Leben verdammt.

Weg von der twerkenden Disney-Brut
In Kombination zum vorangegangenen Set mit «Bit-Tuner» Marcel Gschwend als Support, erscheint diese morbide Erlösungsphantasie allerdings als logische Konsequenz. Gedanken werden begraben unter einem dunkeln Klangteppich. Es ist eng. Unangenehm. Kurz vor der Kapitulation erst kommt die Erlösung mit der Erkenntnis: Man muss gar nicht denken, es reicht schon zu sein. Das scheint der einzige Weg Lassauers Sound zu begegnen; ihn nicht verstehen zu wollen, sich zu verabschieden von der allgegenwärtigen Postkarten-Popkultur mit ihrer twerkenden Disney-Brut.

In Lassauers Parallelwelt ist jede Facette eigenständig, was bei anderen leider viel zu selten der Fall ist. Ein Genuss deshalb, weil auch dort Bekanntes wohnt: Pink Floyd, Prodigy, Rammstein, Laibach, Wagner, Tron, Blade Runner, Steampunk oder nur Punk. Gäbe es Bilder davon, es wären von Hieronymus Bosch designte «Posterjack-Momente».

No words needed
Müssig, erklären zu wollen, was das Publikum in St.Gallen erwartet. Worte für seinen Stil zu finden, grenzt an Zeitverschwendung. Er selbst bezeichnet ihn als «Soundtrack», in Anlehnung an sein erstes Album «Original Soundtrack about the Hollow Man» von 1997. Man könnte auch sagen, es sei wie Free Jazz ohne Jazz. Oder ein Druckverband mit dutzenden Lagen, beklemmend, aber heilsam am Ende.

Durchgängiges Element seiner Kompositionen ist die unüberhörbare Dramaturgie zum Soundtrack. Die Musik schleicht sich an, kämpft in der mörderischen Schlacht um alles oder nichts. Doch wenn der Endboss am Boden, das Dunkle besiegt scheint; erst dann kommt das letzte grosse Aufbäumen und das alles verzehrende Feuer. So muss Apokalypse klingen.

Und sie kommt: Am Donnerstag in die Grabenhalle, Freitags in die Tankstelle und zum Finale ins Palace. Hoffentlich sind die Konzerte in St.Gallen besser besucht als jenes im Helsinki Klub, schliesslich tritt Lassauer, der mittlerweile in Berlin lebt, seit x Jahren zum ersten Mal wieder in seiner Heimatstadt auf. Ob er mehrheitlich alte Bekannte beglückt oder ob er auch die Jüngeren für sich begeistern kann, wird sich zeigen. Einfach ist’s wohl nicht, wenn rundherum die Geister der Postmoderne lauern und mit Altbekanntem in ihre bequemen Nester locken.

 

hollowman.ch

Konzerte:

Donnerstag, 7. November: Ein kleines Konzert no. 42, Grabenhalle, ab 21 Uhr, grabenhalle.ch

Freitag, 8. November: Tankstell, Konzert ca. 22 Uhr, Support DJ Whitemoon, tankstell.ch

Samstag, 9. November: Dean Blunt & The Hollow Man, Afterparty mit DJ Baumeister, Palace, ab 21 Uhr, palace.sg

 

 

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
media coverage | www.thehollowman.net,  

[...] wrote a nice article about the first show in zurich. it can be found here. [...]

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Wein leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095