Kategorie
Autor:innen
Jahr

Vergiftete Idylle

Wie das Leben abgewiesener Asylbewerber in einem so genannten «Ausreisezentrum» – jenem im bündnerischen Valzeina – aussieht, zeigt Roman Vital in «Life in Paradise». Ein so bildstarker wie unbequemer Dokumentarfilm, schreibt Geri Krebs.
Von  Geri Krebs , 

«Wovon leben die Schweizer eigentlich? Woher kommt ihr Reichtum?» Ein junger Nigerianer, der offensichtlich neu im Zentrum ist, stellt diese Frage beim Essen seinem ihm gegenüber sitzenden Landsmann, der offenbar schon besser mit den Gegebenheiten der Schweiz vertraut ist. «Sie haben die Weltbank, die schützt ihren Reichtum», weiss der andere.

Es folgt ein harter Schnitt, man sieht in einer perfekten Panoramaaufnahme die Terrasse des Zentrums, in der Bildmitte eine hohe Fahnenstange mit einer im Wind wehenden Schweizer Fahne vor einem blauen Himmel, von Bergen umrahmt. Nach diesem wenige Sekunden kurzen Intermezzo geht es zurück zum Gespräch der beiden Afrikaner, und einer sagt jetzt, das Gebäude wäre geeignet als Gefängnis, als Kaserne oder als psychiatrische Klinik.

flueli3 2Absurdität im Flüeli

Seit Dezember 2007 existiert das «Ausreisezentrum Flüeli», auf 1100 Metern Höhe in Valzeina, einem 140 Einwohner und Einwohnerinnen zählenden Dorf am Eingang zum Prättigau. Die beiden jungen Nigerianer bringen auf den Punkt, was diese über die Köpfe der Bevölkerung hinweg durchgesetzte Institution ist: ein sichtbares Zeichen der Willkür und des Elends der Schweizer Asylpolitik, die, statt sich um effektive Hilfe in den Herkunftsländern der Flüchtlinge zu bemühen, sich lieber immer neue Schikanen ausdenkt, um unerwünschte Menschen davon abzuhalten, in der Schweiz zu bleiben. In diesem Fall mit der Absurdität, dass man Menschen auf einen Berg hinaufkarrt, sie dort mit einer Minimalinfrastruktur zum Nichtstun verdammt und hofft, sie so zu zermürben und ihnen klar zu machen: Switzerland does not want you to stay here – wie es eine Zentrumsangestellte einem Flüeli-Insassen in einer Szene des Films erklärt.

In seinem Bemühen, kein Pamphlet zu sein und dem Zuschauer grösstmögliche Freiheit beim Bilden einer eigenen Meinung zu lassen, geht der Film sehr weit. Mit grossem Geschick und Bildern, die die Handschrift eines Kamerakünstlers verraten – nämlich jene von Piotr Jaxa, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Krzysztof Kiéslowski – zeigt «Life in Paradise» das Leben in Valzeina von nicht weniger als vier Seiten: jener der Asylbewerber, der Angestellten im Zentrum, des Vereins «Miteinander Valzeina» und schliesslich der Leute im Dorf. Während bei letzteren eher erstaunlich ist, wie sachlich und unpolemisch die meisten Voten erscheinen, zeigt Roman Vital bei den Aktivisten und Aktivistinnen des Vereins ganz beiläufig deren Dilemma: dass ihre solidarische Haltung bei den Asylbewerbern fast zwangsläufig falsche Hoffnungen weckt.

flueli5Die grosse Welt im kleinen Dorf

Er habe sich bemüht, ein extrem stiller Beobachter zu sein, sagt Regisseur Vital. Und: Ihm sei es unter anderem darum gegangen, eine Metapher dafür zu schaffen, was es heisse, wenn ein kleines Dorf mit der grossen Welt konfrontiert werde. Seit seiner regionalen Premiere vor Jahresfrist in Chur ist «Life in Paradise» an zahlreichen Orten im In- und Ausland gezeigt worden, von den Solothurner Filmtagen über ein Menschenrechtsfilmfestival in Paris bis hin zum Kathmandu International Mountain Filmfestival.

Kürzlich war er auch – in einer verstümmelten Version – zur Prime Time am Schweizer Fernsehen zu sehen. Und der Film wird weitere Verbreitung finden; so will ihn jener in Chur lebende nigerianische Pfarrer, der am Film als Übersetzer mitarbeitete, auch in seinem Heimatland vorführen.

«Life in Paradise»: Kinok St.Gallen, ab 4. Juni, Premiere mit einführendem Gespräch (19.30 Uhr). Am 8. Juni (11 Uhr) Vorführung im Rahmen der Reihe Nachtasyl.

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti