Das Pilotprojekt Buch und Literatur Ost+ erprobt die «ergebnisoffene Kulturförderung». Wie das geht, wurde an einem öffentlichen Werkstattgespräch in Rapperswil deutlicher. Eine Erkundungstour.
Buch und Literatur Ost+ (mehr dazu im Januarheft von Saiten und hier) ist eine offene Form, aber es gibt Spielregeln: Ausgangspunkt ist ein bestehender Text, es wird in Netzwerken gearbeitet und der Prozess soll der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Der dritte Punkt wurde mit einem Vorstellungsabend aller drei laufenden Projekte erstmals eingelöst – wobei zu sagen ist, dass die Öffentlichkeit an diesem schneereichen Donnerstag in der Alten Fabrik Rapperswil hauptsächlich aus Personen bestand, die irgendwie mit einem der Netzwerke verbunden sind. Dass es trotzdem nicht wenige waren, führt andererseits vor Augen, wie fleissig hier verzweigt, verknüpft, vernetzt worden ist.
Literatur Plus
Auftritt Peter Schweiger. Der Schauspieler, Regisseur und ehemalige Direktor des St.Galler Schauspiels liest einen wunderlichen Text über die Spinnen-Ragwurz, Ophrys sphegodes mill. Die Orchidee ahmt das Aussehen von Spinnen nach, um diese anzulocken und bestäubt zu werden. Der wissenschaftliche Duktus ist durchsetzt mit rührend Persönlichem, das Erblühen der Ragwurz auf der Wiese unterhalb des Waldhotels Vaduz ist genau datiert.
Der Aufsatz des autodidaktischen Botanikers Wilhelm Ganss von 1954 ist Ausgangspunkt des Projekts der Illustratorin Anna Hilti: Das Verschwinden der Spinnen-Ragwurz hat legendäres Potenzial, das sie ausschöpfen will. Verschwinden kann in persönlichen Erinnerungen ergründet werden oder in wissenschaftlichen Gesprächen über klimatische Bedingungen, aber die Lücke kann auch künstlerisch gefüllt werden. Zeichner, Grafiker und Schreiber sind involviert und eine Modedesignerin, die Insektenblumenkostüme in der Waldhotel-Wiese inszenieren wird. Das Kollektiv arbeitet parallel und gemeinsam an einer Ausstellung und einem Buch, vor allem aber an einem Vermittlungsangebot für Schulen zu Themen wie «Verschwinden von Arten» und «Entstehen eines Buchs».
Das Plus des Pilotprojekts wird in dieser Präsentation unmittelbar einsichtig: Hier wird mit unterschiedlichen Mitteln und aus diversen Perspektiven an einem Thema gearbeitet – und was herauskommt, ist mehrdimensional im besten Sinn. Dass sie Mittäterinnen und -täter anfragen und auch honorieren könne, nennt Anna Hilti als grossen Vorteil des Fördertopfs. Auf der anderen Seite stellten die steuernden Gremien der Kulturförderung gelegentlich die Frage, «was das alles jetzt mit Buch und Literatur zu tun habe».
Lizenz zum Reinreden
Im Projekt von Annette Hug ist der Bezug zur Literatur ungleich enger. Die Autorin bearbeitet zusammen mit fünf anderen schreibenden Frauen aus Literatur, Journalismus und Politik Irmtraud Morgners Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura, einem Meisterwerk feministischer Literatur aus der DDR von 1974. Peter Schweiger liest einen Auszug, in dem Laura der Cheflektorin des Aufbau-Verlags einen Montageroman von Beatriz schmackhaft zu machen versucht. Diese kontert: «Wissen Sie, dass Erzählungssammlungen schlecht verkauft werden?» Der Dialog macht die Schwierigkeiten des Publizierens von Experimentellem innerhalb der Verlagsroutinen augenfällig.
Den Morgner-Satz «Der Montageroman ist das ideale Genre zum Reinreden» nehmen die Autorinnen beim Wort. Nach einem dreitägigen Symposium zum eingehenden Ergründen des Werks sind neue Texte entstanden, die in der Gruppe diskutiert und weiterentwickelt werden.
Der experimentelle Schreibprozess geht dabei weit über Inhalt und Sprache hinaus. Die Autorinnen haben sich selbst ermächtigt, nach passenden Lektoraten und Publikationsmöglichkeiten zu forschen. Ausserdem arbeiten sie mit einer Dramaturgin zusammen, um eine Form des Auftritts zu entwickeln, die irgendwo zwischen Wasserglas und Spektakel sowohl den Autorinnen als auch den Texten gerecht wird.
Geheime Verbindungen
Beim dritten im Bunde, Josef Felix Müller, wird neben der Ernsthaftigkeit und dem Gefühl der Verantwortung für ein gutes Resultat vor allem auch eine unbändige Freude am Projekt spürbar. Er bearbeitet mit 15 Beitragenden aus Literatur, Kunst, Philosophie und allerlei Angrenzendem John Bergers Essay Haftgenossen (mehr zu diesem Projekt ebenfalls im Januar-Saiten) und kommt aus dem Erzählen von Begegnungen, geheimen Verbindungen und zufälligen Funden nicht mehr heraus. Der Künstler und Verleger ist als Netzwerker ein Überzeugungstäter. Trotzdem sagt er, dass ein so weitverzweigtes Projekt mit derart vielen Beteiligten über diesen langen Zeitraum ohne die Sicherheit eines finanziellen Rahmens nicht möglich gewesen wäre. Das Förderprojekt betrachtet er als Anerkennung und Verpflichtung zugleich.
Geografie der Freiheit lautet der Titel von Josef Felix Müllers Projekt. In der Schlussrunde sagt Anna Hilti, angesichts der grossen Freiheit des Förderprojekts gelange man ab und zu an den Punkt: «Wieviel Freiheit ist gemeint?» Sie spinnt damit gleich den nächsten Faden im Netzwerk. Über solche neuen Verbindungen hinaus hat das Werkstattgespräch gezeigt, auf wie vielen Wegen die drei Geförderten die Geografie dieses freien Förderlandes erkunden, welche Schätze sie dabei zutage fördern und welche Perspektiven sich eröffnen.
Noch gibt es weisse Flecken, Abschluss ist erst Ende Jahr. Ob und innerhalb welcher Grenzen Buch und Literatur Ost+ definitiv auf der Landkarte eingezeichnet wird, entscheidet die KBK Ost (Kulturbeauftragten-Konferenz der Ostschweizer Kantone und des Fürstentums Liechtenstein) voraussichtlich im Frühling.
Frei und doch strukturiert will das Förderprogramm «Buch und Literatur Ost+» sein. Wie das geht, wird allmählich sichtbar. Diesen Donnerstag kann man die Geförderten kennenlernen. Es sind Anna Hilti, Annette Hug und der Vexer Verlag.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern