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Literaturförderung: Das definierte Wuchern

Frei und doch strukturiert will das Förderprogramm «Buch und Literatur Ost+» sein. Wie das geht, wird allmählich sichtbar. Diesen Donnerstag kann man die Geförderten kennenlernen. Es sind Anna Hilti, Annette Hug und der Vexer Verlag. 

Von  Eva Bachmann

Werkbeiträge, Druckkostenzuschüsse, Literaturpreise: Die Kulturförderung im Bereich Literatur ist stark auf das einzelne Buch ausgerichtet und belohnt die Arbeit in der Schreibklause. Aus einem Werkstattgespräch mit Autorinnen, Verlegern und anderen Büchermenschen ergab sich 2016 der Wunsch nach mehr Zusammenspiel und Vernetzung. Die KBK Ost (Kulturbeauftragten-Konferenz der Ostschweizer Kantone und des Fürstentums Liechtenstein) stand damit vor einer Frage, die sich zugespitzt ungefähr so formulieren liesse: Wie sieht ein Reglement für kreatives Wuchern aus?

Ein «wolkiges» Konzept

Die KBK Ost beauftragte die Autorin Dorothee Elmiger und den Gestalter Johannes Stieger mit einem Konzept für «Buch und Literatur Ost». Anfang 2017 lag es vor. Es begreift Literatur als «kontinuierliche Arbeit am und mit dem Text» und schlägt deshalb vor, in Teams ein bestehendes Werk zu überdenken, fortzuschreiben, zu diskutieren. «Die Wahl des konkreten Verfahrens, die Festlegung von Vorsätzen, Absichten und Zeitplänen bleiben den Geförderten überlassen», steht da. Auch das Resultat bleibt offen. Der regulatorische Arm der Kulturämter beschränkt sich auf eine Steuergruppe. «Wir wollten eine systemische Förderung und rhizomatische Prozesse», erklärt Johannes Stieger.

Alles klar? Nicht ganz zu Unrecht enthielt ein Artikel von Michael Lünstroth, publiziert im Juli 2017, viele Fragen und nur vage Antworten. Wofür genau sollen in den Jahren 2017 bis 2020 immerhin 400’000 Franken eingesetzt werden? «Wir wissen selbst noch nicht genau, wohin uns das Projekt führt», sagte die KBK-Ost-Präsidentin Katrin Meier damals. Und noch heute meint Sabina Brunnschweiler, die derzeit von der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich aus das Projekt geschäftsführend betreut: «Das Schwierigste war, dieses Projekt zu kommunizieren. Es wurde als ‹wolkig› empfunden.»

«Die Auseinandersetzung mit Vergangenem und Vorgefundenem stellt sich dem Druck zur Aktualität und dem hohen Tempo des Literaturbetriebs entgegen; sie erlaubt stattdessen eine ausführliche Reflexion der Entstehungsbedingungen von Büchern und der je eigenen Arbeitsweise. Damit verbunden ist ein Verständnis von Literatur als kontinuierliche Arbeit – der Lesenden wie der Schreibenden – am und mit dem Text: Eine Arbeit, die sich Zeit lassen, die Experiment sein, die scheitern und wieder von vorn beginnen kann.»

Aus dem Konzept Buch und Literatur Ost+

Aber Brunnschweiler sagt auch, dass das Offene und Prozesshafte jetzt an den konkreten Projekten ganz einsichtig, ja natürlich geworden sei: «Die drei ausgewählten Personen haben sofort Ideen entwickelt, scharten schnell viele Leute um sich
 und suchten ganz verschiedene Wege für die Umsetzung.» Dazu passt die Bemerkung von Josef Felix Müller, einem der Geförderten: «Ich lebe seit einem Jahr mit dem Text, er ist Teil meines Denkens geworden. Ich gehe wacher durch die Welt und prüfe alles unter dem Fokus.»

Verzweigte Netzwerke

Der St.Galler Künstler und Verleger Josef Felix Müller ist einer der drei Handverlesenen, die für das Pilot-Projekt im ersten Jahr ausgewählt wurden. Sein Buchprojekt Geografie der Freiheit bezieht sich auf den Text Fellow Prisoners/Haftgenossen von John Berger. Die anderen beiden sind die Zürcher Autorin Annette Hug, die sich mit Irmtraud Morgners Leben und Abenteuer der Trobadora Beatrix beschäftigt, und die Liechtensteiner Illustratorin Anna Hilti mit Dr. Wilhelm Ganss’ Die Orchideen Liechtensteins. Autorinnen und bildende Künstler, Dramaturgen und Performerinnen, Forscherinnen und Sammler arbeiten mit – die Netzwerke erweitern sich laufend. Sie sind literarisch und ostschweizerisch, greifen aber auch weit darüber hinaus. Gearbeitet wird weiterhin oft allein und konzentriert, aber man trifft sich auch zu Workshops, tauscht sich aus.

Öffentliches Werkstattgespräch zu allen drei Projekten von «Buch und Literatur Ost+»:
10. Januar, 19 Uhr, Alte Fabrik Rapperswil

Auf der Namenliste der Geografie der Freiheit stehen inzwischen 15 Personen – «Stand heute», betont Müller. John Bergers Ausgangstext beschreibt gesellschaftliche Strukturen, die uns alle kollektiv in Haft nehmen. Ausgehend davon erkunden die Arbeiten Bedingungen und Spielräume von Freiheit. Das reicht vom Acker (Bettina Dyttrich, Hans Jürg Geiger) bis ins All (Karin Karinna Bühler, Claudia Kübler), von Recht (Vanessa Rüegger) und Politik (Isuf Sherifi) bis Theologie (Rolf Bossart) und von der Ostschweiz bis nach Korea (Bae Suah). Entstehen soll ein «sehr schönes, grosses, ausführliches Buch» mit Texten und Kunst, das im Herbst 2019 im Vexer-Verlag erscheint.

«Sensationell interessant»

Die Zwischenbilanz ist von allen Seiten positiv: «Es ist sensationell interessant, was an Begegnungen und Material zusammenkommt», sagt Josef Felix Müller. «Ich habe die Möglichkeit erhalten, mich langfristig mit einem Thema zu beschäftigen.» Die Offenheit des Prozesses sieht er als Vertrauensbeweis, den Kontakt mit Jens Lampater und Johannes Stieger von der Steuergruppe hat er nie als Kontrolle, sondern als konstruktiven Gedankenaustausch empfunden. Er meint aber auch, dass dieses Fördergefäss nur funktioniere, wenn die Beteiligten spartenübergreifendes und kollektives Arbeiten leben.

Vernissage einer Ausstellung mit Büchern und Kunst aus dem Umfeld der Geografie der Freiheit: 1. März, 18 Uhr, Bibliothek Hauptpost St.Gallen

«Es steht und fällt mit der Person», sagt denn auch Johannes Stieger, «denn Netzwerken kann man nicht verordnen, nur anstossen». Die Ursprungsidee möge «konzeptionelle Romantik» gewesen sein, aber jetzt könne man an den ersten Projekten Erfahrungen sammeln, was denkbar und möglich sei – also wie viele Regeln und wie viel lange Leine das «definierte Wuchern» vertrage. «Insgesamt läuft es super», sagt er. Die personellen und thematischen Verknüpfungen seien ebenso spannend wie die vielen Formen
der Vermittlung.

Begeistert von den ersten Resultaten ist auch Sabina Brunnschweiler: «Das komplexe Konstrukt wurde von den Kulturschaffenden verstanden. Es hat zu leben begonnen.» Sie werde bereits gefragt, warum sie das nicht schon lange gemacht hätten. Derweil laufen in der KBK Ost die Gespräche, wie und wann die nächsten Projekte ausgewählt werden, die wuchern und Blüten treiben dürfen.

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
Bild: Blackout Poetry

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