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Künstlerische Irritationen seit 30 Jahren

Was in den 1980er-­Jahren unter dem Namen Vexer in St.Gallen mit Heften in Kleinauflage begann, ist zu einem Kunstbuchverlag von internationaler Ausstrahlung gewachsen. Im Dezember wird gefeiert. Glückwunsch an Felix, den Verleger.
Von  Wolfgang Steiger
Die Vexer-Crew bei der Produktion ihrer ersten Publikation

Manchmal holt ihn die bäuerliche Herkunft ein. Wenn er nachts vor lauter Sorge um seine Autoren und die Gestaltung der Bücher schweissgebadet aufwache, gehe es ihm wie dem Bauer, dem das Futter für seine Herde ausgeht, erzählt Josef Felix Müller belustigt. Tatsächlich ist der Verlag Vexer mit einem halben Dutzend toll gestalteter Neuerscheinungen im Jahr keine kleine Sache mehr. Angefangen hatte das Verlagsabenteuer noch ganz harmlos – zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht – mit Heften, die in einer Auflage von wenigen hundert Exemplaren im altertümlichen Bleisatz gedruckt, die Seiten (siehe Bild oben) in trauter Runde von Hand zusammengetragen und gebunden wurden.

Der Bilderüberdruss der 80er

Alles begann in der Epoche der Neuen Wilden, die nach der die 1970er dominierenden Konzeptkunst wieder unbekümmert den Bilderhunger stillte. Josef Felix Müller war 1984 als Artist in Residence in Frankreich. Wegen seiner mangelhaften Beherrschung der französischen Sprache wurde ihm die Bedeutung der sprachlichen Kommunikation wieder so richtig bewusst. Und auch als Ausdruck seines persönlichen Bilderüberdrusses entschloss er sich nach der Rückkehr nach St.Gallen, einen Buchverlag zu gründen, der sich nur der Textproduktion verschrieb. Vexer, der Name des in frecher Selbstermächtigung ins Leben gerufenen Verlages, kommt vom französischen Verb für nerven, irritieren. Damit drückte Josef Felix Müller den Drive aus, der die Kunst jeweils aus den eingefahrenen Positionen heraushebelt und manche Kunstinteressierten gründlich nervt.

Die Schriften­Reihe brachte es auf zehn Ausgaben. Hermann Reinfrank schuf 1985 das erste Heft mit dem Titel Sätze mit grün. Er sammelte schon seit längerer Zeit Sätze, in denen das Wort grün vorkam.

Aber der Verlag blieb nicht stehen. Felix, der Verleger, ist vor allem Künstler – und im speziellen Bildhauer –, der seinen Buchverlag auch als Kunstwerk versteht. Im Joseph Beuys’schen Sinn stellt Vexer eine soziale Skulptur dar: Die einzelnen Autoren und Gestalter schaffen Denkräume. Die Bücher und die dazukommenden Multiplen ermöglichen ein besseres Verstehen der Welt und eröffnen neue Zusammenhänge.

Kulturfest 30 Jahre Vexer­-Verlag: Samstag, 12. Dezember ab 13 Uhr, Haggenstrasse 51, St.Gallen, vexer.ch

Wie schafft ein Kunstverlag wie Vexer nur sein Überleben in der Verlagswüste Ostschweiz? «Es gibt dadurch weniger Beteiligte, die sich um die öffentlichen Verlagszuschüsse und die Stiftungsgelder bewerben», sagt JFM. So lässt sich gar aus der Not eine Tugend machen, da insbesondere im Bereich der Kunstbuchverlage die Verlagswüste nicht nur auf die Ostschweiz beschränkt ist. Experimentelle Buchproduktionen gibt es kaum, Kunstbücherverlage bringen Bände beispielsweise über Henri Matisse oder Jeff Koons auf den Markt. Das Problem sind aber nicht allein die fehlenden Verlage, sondern vielmehr der schwierige Umgang mit dem Buchhandel. So übersteigen die Portokosten für den Versand in den Euroraum oftmals die Buchkosten. Vexer nahm das als Chance wahr und eröffnete in Berlin ein Zweigbüro, das von Vera Ida Müller, der Tochter des Verlegers, geleitet wird. Die Sache ist gut angelaufen, und Vexer wird jetzt immer mehr auch international wahrgenommen.

Peter Liechtis literarischer Strang

Einen starken Impuls erhielt Vexer durch die Zusammenarbeit mit dem 2013 verstorbenen Filmer Peter Liechti, dessen Bücher Lauftext und Klartext grosse Beachtung fanden. Mit Liechti kam zu den Künstlerbüchern (jedes Buch ein Kunstwerk) und der Reihe «Kunst und Bau» ein weiterer Strang hinzu. Erst gerade erfolgte an der kleinen Buchmesse in Biel die Präsentation der Fortsetzung der literarischen Vexer­Reihe mit dem beeindruckenden Künstlerporträt der 86­jährigen Lilly Keller von Fredi Lerch.

Für Josef Felix Müller birgt die Einsamkeit beim eigenen Tun «die Gefahr, dabei zu verblöden», wie er sagt. Vexer wirkt als Antidot dagegen, erweitert das Feld und lässt neue Freundschaften entstehen. Die Maxime ist, das Regionale mit dem Nationalen und Internationalen zu vermischen.

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