Manchmal holt ihn die bäuerliche Herkunft ein. Wenn er nachts vor lauter Sorge um seine Autoren und die Gestaltung der Bücher schweissgebadet aufwache, gehe es ihm wie dem Bauer, dem das Futter für seine Herde ausgeht, erzählt Josef Felix Müller belustigt. Tatsächlich ist der Verlag Vexer mit einem halben Dutzend toll gestalteter Neuerscheinungen im Jahr keine kleine Sache mehr. Angefangen hatte das Verlagsabenteuer noch ganz harmlos – zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht – mit Heften, die in einer Auflage von wenigen hundert Exemplaren im altertümlichen Bleisatz gedruckt, die Seiten (siehe Bild oben) in trauter Runde von Hand zusammengetragen und gebunden wurden.
Der Bilderüberdruss der 80er
Alles begann in der Epoche der Neuen Wilden, die nach der die 1970er dominierenden Konzeptkunst wieder unbekümmert den Bilderhunger stillte. Josef Felix Müller war 1984 als Artist in Residence in Frankreich. Wegen seiner mangelhaften Beherrschung der französischen Sprache wurde ihm die Bedeutung der sprachlichen Kommunikation wieder so richtig bewusst. Und auch als Ausdruck seines persönlichen Bilderüberdrusses entschloss er sich nach der Rückkehr nach St.Gallen, einen Buchverlag zu gründen, der sich nur der Textproduktion verschrieb. Vexer, der Name des in frecher Selbstermächtigung ins Leben gerufenen Verlages, kommt vom französischen Verb für nerven, irritieren. Damit drückte Josef Felix Müller den Drive aus, der die Kunst jeweils aus den eingefahrenen Positionen heraushebelt und manche Kunstinteressierten gründlich nervt.
Die SchriftenReihe brachte es auf zehn Ausgaben. Hermann Reinfrank schuf 1985 das erste Heft mit dem Titel Sätze mit grün. Er sammelte schon seit längerer Zeit Sätze, in denen das Wort grün vorkam.
Aber der Verlag blieb nicht stehen. Felix, der Verleger, ist vor allem Künstler – und im speziellen Bildhauer –, der seinen Buchverlag auch als Kunstwerk versteht. Im Joseph Beuys’schen Sinn stellt Vexer eine soziale Skulptur dar: Die einzelnen Autoren und Gestalter schaffen Denkräume. Die Bücher und die dazukommenden Multiplen ermöglichen ein besseres Verstehen der Welt und eröffnen neue Zusammenhänge.
Kulturfest 30 Jahre Vexer-Verlag: Samstag, 12. Dezember ab 13 Uhr, Haggenstrasse 51, St.Gallen, vexer.ch
Wie schafft ein Kunstverlag wie Vexer nur sein Überleben in der Verlagswüste Ostschweiz? «Es gibt dadurch weniger Beteiligte, die sich um die öffentlichen Verlagszuschüsse und die Stiftungsgelder bewerben», sagt JFM. So lässt sich gar aus der Not eine Tugend machen, da insbesondere im Bereich der Kunstbuchverlage die Verlagswüste nicht nur auf die Ostschweiz beschränkt ist. Experimentelle Buchproduktionen gibt es kaum, Kunstbücherverlage bringen Bände beispielsweise über Henri Matisse oder Jeff Koons auf den Markt. Das Problem sind aber nicht allein die fehlenden Verlage, sondern vielmehr der schwierige Umgang mit dem Buchhandel. So übersteigen die Portokosten für den Versand in den Euroraum oftmals die Buchkosten. Vexer nahm das als Chance wahr und eröffnete in Berlin ein Zweigbüro, das von Vera Ida Müller, der Tochter des Verlegers, geleitet wird. Die Sache ist gut angelaufen, und Vexer wird jetzt immer mehr auch international wahrgenommen.
Peter Liechtis literarischer Strang
Einen starken Impuls erhielt Vexer durch die Zusammenarbeit mit dem 2013 verstorbenen Filmer Peter Liechti, dessen Bücher Lauftext und Klartext grosse Beachtung fanden. Mit Liechti kam zu den Künstlerbüchern (jedes Buch ein Kunstwerk) und der Reihe «Kunst und Bau» ein weiterer Strang hinzu. Erst gerade erfolgte an der kleinen Buchmesse in Biel die Präsentation der Fortsetzung der literarischen VexerReihe mit dem beeindruckenden Künstlerporträt der 86jährigen Lilly Keller von Fredi Lerch.
Für Josef Felix Müller birgt die Einsamkeit beim eigenen Tun «die Gefahr, dabei zu verblöden», wie er sagt. Vexer wirkt als Antidot dagegen, erweitert das Feld und lässt neue Freundschaften entstehen. Die Maxime ist, das Regionale mit dem Nationalen und Internationalen zu vermischen.
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.