Lerchen sind geborene Sänger, die Männchen können bis zu 120 Strophen frei variieren. Der Vogel gibt das perfekte Motiv ab für diesen Text: eine Hymne auf den Winterthurer Musikclub Shrubber's. Von Wendelin Brühwiler.
Kurze Vorrede: Das Shrubber’s ist ein fiktiver Winterthurer Club, der alles abdeckt, was im beschaulichen Winterthur nie passiert – da verkehrt alles, was seit der Gründung 1953 im Bereich der Popkultur, der Politik und der Philosophie Rang und Namen hatte. 2012 erhielt das Kraftfeld vom Shrubber’s die Lizenz, mondäne Partys veranstalten zu dürfen. Die Shrubber’s-DJs legen nach der Maxime Hits! Hits! Hits! nur Tracks von Interpreten auf, die im richtigen Shrubber’s schon live gespielt haben. Daraus entsteht ein eklektischer Mix aus über 60 Jahren Popkultur, der stets auf dem schmalen Grat zwischen hochstehender Collage und absoluter Geschmacklosigkeit balanciert.
Und jetzt also die Hymne.
Es ist nicht die Beer-and-Body-Politik, wie sie die Rockklubs der Stadt regiert. Es ist nicht das akustische Teflon, mit der sich die Gäste an elektronischen Partys ihre Work-Life-Balance beschichten lassen. Es ist nicht die allseitige, adoleszente Sauf-Eintracht. Und es ist, schliesslich, auch nicht die alternative Überheblichkeit der Indie-Szene. Es ist all dies gerade nicht, wenn auch das Shrubber’s auf all dies nicht verzichten mag.
Entscheidend ist nämlich die Art und Weise, wie sich in diesem Club die Angebote jeweils in neuer Ordnung auffächern, um dann für einige Wochen wieder einzuklappen. Oder anders, wie sich der Zugriff auf die Tradition der Popmusik expressiv gestaltet. Dabei scheint eine Eigenart auf, die wir in der Folge (ganz unbescheiden) im Hinblick auf eine anthropologische Differenz nobilitieren wollen, wie sie der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler eingängig (und ganz unbescheiden) charakterisiert hat:
«Aristoteles und ich [Friedrich Kittler], wir glauben, dass die Tiere dumm sind, ausser den Singvögeln, sie können nur brüllen und sich in Jahrmillionen Pfauenräder zulegen, um ihren Weibchen zu imponieren und das ist alles angeboren. Nur die Nachtigallen und wir sind imstande, statt optische sexuelle Reize auszustrahlen, in Windeseile unterschiedliche Gesänge zu lernen, also nicht angeborene Töne, sondern frei gesungene Strophen. Die besten Nachtigallenhähne singen 120 Strophen, die sie immer wieder anders kombinieren, um den Weibchen zu imponieren.»
Sommer 1977, Backstage des Shrubber’s Winterthur: Donna Summer und Giorgio Moroder, der wie Freddie Mercury (im Titelbild) ein Shrubber’s T-Shirt trägt.
Die freie Strophe also. Wer Zugang will und Genuss, Einsicht womöglich, sollte sie achten. Vor dem Hintergrund des hier verfolgten Anliegens heisst dies so viel wie: erhöhte Aufmerksamkeit für die Variationen, die Metrik, das Kolorit.
Refrains haben die Tendenz zum falschen Versprechen von Auflösung, von Endgültigkeit, sie führen in die ungesättigte Verbindlichkeit. Kein Warten auf den Refrain also, abwarten allenfalls bis sich die Refrains in einer Folge als viele Strophen erweisen. Wer es wissen will, muss genau hinhören.
«Nicht das Politische macht den Menschen einzigartig, wie die Politologen seit Aristoteles immer glauben – nein, wir sind die einzigen Wesen auf der Welt, die unsere gelernten Laute nicht nur reproduzieren können, wie die Nachtigallen, sondern wir können diese Laute in der Schrift auf die Dauer von Jahrhunderten stellen.»
Indem dadurch die Zahl der Strophen immer nur expandiert, wird die Traditionsaneignung eine immer reichhaltigere Sache. Medien sind gewiss keine «Extensions of the Body», wie man mit Marshall McLuhan meinen könnte. Das ist ein schillernder Irrtum. Sie können allerdings auf den Körper zurückgeführt werden; umso leichter, seit es neben Nachtigallen (sowie den Liedern und Gedichten, durch die sie geistern) auch Grammophone gibt.
Shrubber’s geht nun so, dass drei Männer – eine biologische Tatsache, mit der es hier keine Notwendigkeit hat – aus abertausenden Strophen einen Dialekt schälen. Die DJs gehen an die Grenzen der Grammatik, was ein beständiges Abirren von den kugelsicheren Codes stilistischer Konvention bedeutet. Weil aber drei – zumal drei Männer – zur Stiftung eines Dialekts zu wenige sind, warten sie auf dich: als Beobachter, als Bewegungsmelderin, als Brandherd der Differenz.
For the crowd cries out for more, for you’re up all night to get lucky. For, still, you’re a Tanzveranstaltung in it’s own right.
Shrubber’s: Freitag, 28. Februar, 21 Uhr, Kraftfeld Winterthur Live: The Hero Brothers, DJ Tonite Stand & The Nites of Ni
Bilder: facebook.com/Shrubbers
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