Wer Lotto spielt, sucht das Glück. In aller Regel vergeblich. Aber der Spieltrieb hat trotzdem sein Gutes: Ohne Lotto gäbe es weniger Kultur. Die Einnahmen aus dem Spiel fliessen in die Lotteriefonds der Kantone und von dort zurück: in die Denkmalpflege, in Sozial-und Entwicklungsprojekte, in die Kulturförderung. Rund 500 Millionen Franken kommen so jährlich zusammen, davon gehen 150 Millionen allein in der Deutschschweiz an die Kultur. Und die zweckgebunden sprudelnden Gelder haben einen weiteren Vorzug: Ihre Verteilung ist transparent. Im Kanton St.Gallen entscheidet gar das Parlament über den Lotteriefonds, im Thurgau ist gerade ein juristisches Gefecht um diese Kompetenzen im Gang: Das Bundesgericht entscheidet in Kürze darüber, ob die Regierung wie bisher weiterhin über den Geldsegen verfügen kann oder nicht – Anstoss dazu gab der Streit um den geplanten Neubau des Kunstmuseums in Ittingen, für das die Regierung tief in den Lotterietopf greifen wollte.
Wie auch immer der Konflikt ausgeht: Leute, spielt Lotto! Versucht Euer Glück! Glück brauchen wir alle, Glück erhoffen wir uns ein Leben lang, manche wollen es erzwingen, viele glauben genau zu wissen, was sie glücklich macht, andere wissen vom Glück des Nie-ganz-glücklich-Seins – doch wenn man genauer am Glück herumzuhirnen beginnt, erweist es sich als gar nicht so leicht fassbar.
Das haben auch die Studierenden der Medienschule St.Gallen erlebt. Als Abschlussarbeit ihres Kurses haben sie sich mit Saiten für dieses Kooperationsheft zusammengetan. Und sind dem Glück nachgejagt, haben es bei Fachleuten, in der Werbung, im Chor oder in der Religion gesucht, sind im Happy Maker Huus und bei den glücklichen Hühnern vorbeigegangen. Den Auftakt macht ein Interview mit Glücksforscher Mathias Binswanger – und zum Titelthema passt auch der Report aus dem Casino St.Gallen, wo Suche und Sucht, Unglück und Glück besonders heftig zusammenprallen. Nicht zuletzt deshalb, weil die sogenannten Spielbanken in den letzten zehn Jahren rund 4,7 Milliarden Franken in die AHV spülten.
Und noch ein Glücksfall, aus traurigem Anlass: Yuri Forster schreibt in diesem Heft einen Erinnerungstext an seinen Vater, den im April verstorbenen Filmemacher Peter Liechti.
Schliesslich, wie immer im Juli- August-Doppelheft: der Kultursommer. Suchen und finden Sie hier Ihr Aus- geh- und Kulturglück, im Hinterkopf den lebensklugen Satz von Arthur Schnitzler: Glück ist alles, was die Seele durcheinander rüttelt.
Katharina Flieger, Corinne Riedener, Peter Surber
DER INHALT:
Reaktionen
PositionenBlickwinkel von Sebastian StadlerRedeplatz mit Angelo ZehrEinspruch von Alex BänningerStadtpunkt von Dani FelsAbgänge I und II
Zehn Mal Glück«Die Globalisierung ist unserem Glücksempfinden nicht förderlich»Was sagt die Glücksforschung? Ein Gespräch mit Mathias Binswanger.von Felix Mätzler und Peter Huesmann
Die Ungewissheit am EndeCharles Frey alias Akron hat seine eigene Vorstellung vom Glück.von Melissa Jetzer
Dem Krieg entkommenEine syrische Familie spricht über das Glück zuhause und in der Fremde.von Fabienne Bolz
Es liegt an uns!Zu Besuch im Tibet-Institut in Rikon.von Patrik Marti
Gib mir Freunde und Adrenalin!Glücksversprechungen in der Werbung.von Nadja Hipp
Glück ist wie ein VogelEin Gespräch zwischen Grossvater und Enkelin.von Priska Scherrer
Zwei wie Glück und SchwefelDas Happy Maker Huus in Romanshorn.von Doris Gross
Hosianna!Ein Abend mit dem St.Galler Dom-Chor.von Nadja Hipp
Das Gras ennet dem HagKönnen Tiere glücklich sein? Eine Spurenlese.von Franz Wismer
Die Bilder zum Titelthema fotografierte Peter Huesmann.
ReportFaites vos jeux. Hinter den Kulissen des Casinos St.Gallen.von Corinne Riedener und Ladina Bischof
PerspektivenFlaschenpost aus Hosono von Roger WalchWinterthurRheintalAppenzellToggenburgStimmrecht von Leyla Kanyare
Lorena Isepponi zeichnet den Juli/August-Comic.
KulturKultursommer: Musik, Theater, Kino, Kunst & Co. im Juli und August.Artist in Residence von Georg GatsasDie Liebe meines Vaters von Yuri Forster
AbgesangKellers GeschichtenBureau ElmigerCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
Und nun gehet in Frieden und suchet euer Glück!
Juli/August-Cover: Beni Bischof, romantischer Sonnenuntergang (romantika sunsubiro), 2013
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.