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Achtelgeviert oder Verhilflosung

Das Ende ist nahe und St.Gallen schuld daran; die Welt wird zugrunde gehen. Oder sie könnte zwischen den Zeilen lesen.
Von  Corinne Riedener

Sie war zwar nur kurz zu sehen auf Twitter, aber Publizist und Typograf Ralf Turtschi hat sie trotzdem entdeckt, diese Abartigkeit, diese Anmassung; dass Kanton und Stadt St.Gallen einfach ohne zu fragen den Leerschlag nach dem «St.» abgeschafft haben, und das vor Jahren schon.

Diese aufmüpfigen St.Gallier, schimpft Turtschi auf medienwoche.ch, hätten sich frech an der Rechtschreibung vergriffen. Und an der Typografie auch noch, weil «St.» und «Irgendwas» korrekterweise mit einem Achtelgeviert zu trennen seien, weil alles andere nämlich «sprachliche Unkultur» sei, genau so unsittlich wie iPhones, ePapers oder e-bikes.

Second@s und auch die amtierende Generation 16+ gehörten demnach wohl ebenfalls verbannt aus Turtschis strikter Schreibwelt – der #facepalm sowieso. Am besten eliminieren wir ohnehin alles, was der Bleisatz nicht auch kannte. Weil wir ja elend verhilflosen könnten angesichts solcher Extravaganzen, weil wir die Welt vielleicht nicht mehr verstünden, wenn Google nicht versteht, dass auch St.Gallen, St-Gallen, Saint-Gall und Sankt Gallen in der Schweiz liegen – in Sanggale nämlich.

Zur Beruhigung: Die grossen und kleinen Verständigungsprobleme dieser Welt sind inhaltlicher Natur. An den Buchstaben werden wir also nicht scheitern, solange wir zwischen den Zeilen lesen.

Turtschi hat vielleicht genau das versäumt mit seiner grammatikalisch-ästhetischen correctness. Gut möglich, dass der PR-Berater die Brillanz der visuellen Umsetzung dieser Schreibweise gar nicht erkannt hat, die subtilen Kernbotschaften:

  • dass man im Kanton St.Gallen eben noch konsequent spart; sogar an der Zeichenzahl,
  • dass man hier wenn nötig zusammenrückt, um Platz zu machen, weil Dichtestress nicht einmal auf dem Papier existiert,
  • dass der Leerschlag in St.Gallen genauso überflüssig ist, wie Senf auf der Bratwurst,
  • dass man den Stadt-Land-Graben halt optisch bekämpfen muss, wenn es real schon nicht klappt,
  • und dass St.Gallen äusserst flexibel ist, auch Leerschläge nimmt, wenns anders nicht geht: Pferdeställe statt Eventhallen, Erdgas statt Wasser.
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