Mahraganat, Electro-Sha’abi oder Sha3byton wird die wilde Mischung aus Rap, elektronischen Beats und der ägyptischen Volksmusik Sha’abi genannt. Entstanden ist die neue ägyptische Subkultur vor rund sieben Jahren: Die Jugendlichen in Kairos Armenquartieren und Vorstädten suchten neue Perspektiven, ein neues Sprachrohr und neue Musik. Den traditionellen arabischen Rhythmen gaben sie mit illegal kopierter Musiksoftware und einfachstem Equipment neue Energie. Veröffentlicht wurde auf YouTube, Blogs und in Foren.
Nur wenige Jahre später hat Mahraganat bereits ganz Kairo erfasst und aus den Vorreitern, darunter die DJs Figo und Amr 7a7a und die MCs Oka w Ortega, Felo, Sadat und Alaa Fifty Cent, sind bekannte Namen geworden. Gefeiert wird bei jeder Gelegenheit – und im grossen Stil: zum Beispiel an schrillen, schweiss- und endorphingeladenen Hochzeiten mit bis zu 20’000 Menschen.
Die Musik ist die Sprache der tiefen Schichten von Kairo; schrill, direkt und unverblümt. Musikalisch hört man Anleihen von Reggaeton und Euro-House. Die Musiker stellen in ihren Songtexten die Arbeitslosigkeit an den Pranger, feuern die Revolution an, verherrlichen Drogen und verteufeln sexuelle Belästigung – oder erfreuen sich auch mal an Alltagsnonsens. Die Stimmen selbst sind verzerrt, oft abgehackt und mit Auto-Tune in die Höhe getrieben. Häufig wird gerappt, ab und zu auch gesungen.
Wenig im Westen
In Europa schlägt Mahraganat noch keine hohen Wellen, in den Niederlanden hat sich das DJ-Kollektiv Cairo Liberation Front der Verbreitung des Mahraganat angenommen. Der Dokumentarfilm Electro Chaabi der französischen Journalistin Hind Meddeb bietet einen guten Blick in die Szene. Einige (Musik-)Medien berichteten bereits – auch das Magazin des Norient-Netzwerks. Und in der Schweiz wollen Phil Battiekh und Ayman El-Nouby als Sha3byton-Crew die neue Musik vorstellen.
Battiekh ist in Montreal, Kanada, geboren und studiert Islamwissenschaften an der Universität Basel. Die ägyptischen Subkulturen kennt er auch als europäischer Tourmanager des Elektro-Kollektivs Kairo is Koming – den Mahraganat hat er vor zwei Jahren während eines Sprachaufenthaltes entdeckt. «In Kairo hört man Sha3byton überall: aus den Taxis, aus offenen Fenstern und an den Hochzeiten», sagt er. «Für mich ist die Musik der Puls der Stadt.» Damals hat er auch die ersten Sha’abi-Songs erstanden – gebrannte CDs, gekauft bei Strassenhändlern.
El-Nouby sitzt daneben und nickt wohlwollend. Früher arbeitete er als Konzertveranstalter in Ägypten, heute will er von der Schweiz aus den Kulturaustausch beider Länder fördern – zuvor als freier Projektleiter bei Pro Helvetia. «Mahraganat erinnert mich an meine Heimat», sagt er. Das Schweizer Publikum reagiert anders: Wenn er mit Battiekh in den Clubs auflegt, sind die Leute meist überrascht. «Viele sagen, sie haben noch nichts Vergleichbares gehört. Aber am Ende des Abends tanzen dann doch alle», lacht El-Nouby.
Sprachbarrieren
Die Überraschung des Publikums ist verständlich, ohne Mahraganat vorgestellt zu bekommen, ist es schwierig, viel über ihn zu erfahren. Die ägyptische Szene stellt all ihre Songs und Loops ins Internet, doch das alleine genügt noch nicht. Joost Heijthuijsen von der Cairo Liberation Front berichtete dem Norient-Netzwerk von seiner Entdeckung des Electro-Sha’abi: Nach dem ersten Kontakt folgten unzählige Stunden, die er mit dem Google-Translator auf ägyptischen Foren und Blogs verbracht hat.
Ein globales Netz alleine reicht eben noch nicht zur globalen Verständigung. Deswegen wollen Battiekh und El-Nouby der Schweiz ihre Leidenschaft für Mahraganat näherbringen. Ansonsten, so die Befürchtung von Battiekh, ziehe die Musik unbemerkt an uns vorüber und könne zu einem weiteren Untergenre der World Music verkommen. «Für eine ‹exotische Kuriosität› ist der Mahraganat aber viel zu schade», mahnt er. Und vielleicht auch zu exzessiv.
Extra für Saiten hat Phil Battiekh ein Mixtape zusammengestellt. Hören!
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