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Besessen vom eigenen Text

Am Wochenende gingen die 39. Solothurner Literaturtage über die Bühne. Bleibende Eindrücke hinterliessen Auftritte vom Rand des gängigen Literaturbetriebs: die Rapperin Big Zis und der in der Graz lebende und im Kongo geborene Fiston Mwanza Mujila.
Von  Timo Posselt , 

Eigentlich hätte hier Göldins Auftritt mit Big Zis an den Solothurner Literaturtagen besprochen werden sollen. Schliesslich war er eine der wenigen Stimmen aus der Ostschweiz im Programm der 39. Ausgabe des Literaturfestivals, neben Romanautor Christoph Keller und dem musikalisch-zeichnerischen St.Galler Performance-Trio an der Bar, Lika Nüssli, Herbert Weber und Bassist Marc Jenny. Aber Göldin erschien nicht zu seinem Auftritt. Spoken-Word-Künstlerin Big Zis und Moderator Pablo Haller blieben genauso ratlos wie das Publikum. Stattdessen meisterte Big Zis den Auftritt allein.

Und wie sie das tat: Aus einer tropfenden Wortleitung assoziiert sie sich bis in die kleinsten atomaren Bestandteile und verliert sich daraufhin in den Galaxien. Ohne Beat, nur mit Mikro und ihrer Stimme erzeugt die 1976 in Winterthur geborene Rap-Künstlerin einen fesselnden Rhythmus. Wiederholungen scheinen wie Loops, Worte zerfallen in ungeahnte Laute.

«I höche Hüser git’s so viel z’laischte / i höche Hüser wo d‘ Wulche chratzed sitzed d‘ Maischter». Gesellschaftliche Missstände, Zwischenmenschliches und die Techniken der zeitgenössischen Selbstoptimierung flackern in ihren Texten auf: Yoga, Liebe, Kapitalismus. Big Zis wechselt frei zwischen bekannten Stücken ihrer Alben und freier Assoziation. Man vergisst schnell, dass Göldin fehlt. Doch fragt sich im Nachhinein, wie der dezidiert feministische Auftritt von Big Zis mit der teilweise machoiden Pose von Göldin zusammen gepasst hätte.

Fahrlehrer als Rap-Mentor

Im Gespräch nach dem Auftritt erklärt die in Zürich lebende Rapperin, wie sie arbeitet. Ihr Fahrlehrer habe ihr einst erklärt: Eine Bewegung wird verinnerlicht, wenn man sie mehr als hundert Mal gemacht habe. So trägt sie die Wortkaskaden ihrer Songs inzwischen im Körpergedächtnis. Sie texte zu Musik und schreibe immer alles auf; überraschenderweise entstehen ihre Texte nicht mündlich.

Big Zis in Solothurn. (Bild: SRF)

Im Gespräch kommt sie auch auf den Chauvinismus, die Kapitalismusverherrlichung und die Homophobie der Rap-Szene zu sprechen. Ihre starke Anziehung für die Musik war immer durch das Abgestossen-Sein vom Sexismus durchzogen. Mittlerweile beschäftige sie sich jedoch weniger damit. Sie habe sich nun ihre eigene Welt geschaffen. Nach Solothurn eingeladen zu werden, fühle sich an wie der «Ritterschlag der Hochkultur». Nicht dass Big Zis den braucht, so sterbenscool, wie sie die etwas verstaubte Atmosphäre in den Gemeindesäälen von Solothurn aufmischte.

«Am Anfang war der Stein»

Nicht weniger aufmischend war der Auftritt des Autors Fiston Mwanza Mujila aus dem Kongo. Er kam nach Solothurn, um seinen Sex-Suff-und-Minen-Roman Tram 83 vorzustellen. Dafür brachte der in Graz lebende 36Jährige den eng befreundeten Jazz-Musiker Patrick Dunst mit. Dieser bereitete mit Saxophon und anderen Blasinstrumentarium Mujila den Boden für die Lesung.

Fiston Mwanza Mujila. (Bild: terangaweb.com)

Von Lesung kann dabei allerdings nicht die Rede sein. Nach den ersten verrauchten Saxophon-Tönen brüllt Mujila los und jazzt den Anfang seines Romans herunter, als wäre er ein Teufelsaustreiber. Er wechselt zwischen Französisch und Deutsch. «Am Anfang war ein Stein. Am Anfang war ein Stein. Und der Stein schuf den Besitz.»

Tram 83 handelt von einer gleichnamigen Kaschemme voller Gauner, Prostituierten und Schriftstellern. Er spielt in einem fiktiven afrikanischen Moloch, einem Land, das an Krieg, Korruption und Globalisierung krankt. In Solothurn beginnt Mujila manchmal auf der Bühne seinen Text zu lachen, als wäre er von allen guten Geistern verlassen. Tram 83 ist einem Jazz-Stück von John Coltrane nachempfunden und klingt auf Papier ebenso rhythmisch wie in Mujilas Performance. Während dieser das Energielevel bis zum Ende durchhält, bleibt der Auftritt wie ein kraftstrotzender Faustschlag ins Gesicht. Sanftere Töne gibt es nicht. Was durchaus gewollt, dem Milieu der Romanhandlung geschuldet sein mag. Mujila geht aber weit darüber hinaus, er liefert sich dem Rhythmus, der Wut und dem Rausch seiner Literatur völlig aus – er wird zu seinem Text.

Literatur, die sich ihre eigene Welt schafft und die sich aus dem Moment heraus neu kreiert: Die beiden Auftritte gehörten zu den ereignishaften Momenten der 39. Solothurner Literaturtagen. Mehr dazu zum Beispiel hier in den Antworten von Autorinnen und Autoren auf drei wichtige Fragen.

 

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

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Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

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Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

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Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

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Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

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Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
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Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

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Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

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Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

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Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

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Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

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Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

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Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
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Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
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Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights