Eigentlich hätte hier Göldins Auftritt mit Big Zis an den Solothurner Literaturtagen besprochen werden sollen. Schliesslich war er eine der wenigen Stimmen aus der Ostschweiz im Programm der 39. Ausgabe des Literaturfestivals, neben Romanautor Christoph Keller und dem musikalisch-zeichnerischen St.Galler Performance-Trio an der Bar, Lika Nüssli, Herbert Weber und Bassist Marc Jenny. Aber Göldin erschien nicht zu seinem Auftritt. Spoken-Word-Künstlerin Big Zis und Moderator Pablo Haller blieben genauso ratlos wie das Publikum. Stattdessen meisterte Big Zis den Auftritt allein.
Und wie sie das tat: Aus einer tropfenden Wortleitung assoziiert sie sich bis in die kleinsten atomaren Bestandteile und verliert sich daraufhin in den Galaxien. Ohne Beat, nur mit Mikro und ihrer Stimme erzeugt die 1976 in Winterthur geborene Rap-Künstlerin einen fesselnden Rhythmus. Wiederholungen scheinen wie Loops, Worte zerfallen in ungeahnte Laute.
«I höche Hüser git’s so viel z’laischte / i höche Hüser wo d‘ Wulche chratzed sitzed d‘ Maischter». Gesellschaftliche Missstände, Zwischenmenschliches und die Techniken der zeitgenössischen Selbstoptimierung flackern in ihren Texten auf: Yoga, Liebe, Kapitalismus. Big Zis wechselt frei zwischen bekannten Stücken ihrer Alben und freier Assoziation. Man vergisst schnell, dass Göldin fehlt. Doch fragt sich im Nachhinein, wie der dezidiert feministische Auftritt von Big Zis mit der teilweise machoiden Pose von Göldin zusammen gepasst hätte.
Fahrlehrer als Rap-Mentor
Im Gespräch nach dem Auftritt erklärt die in Zürich lebende Rapperin, wie sie arbeitet. Ihr Fahrlehrer habe ihr einst erklärt: Eine Bewegung wird verinnerlicht, wenn man sie mehr als hundert Mal gemacht habe. So trägt sie die Wortkaskaden ihrer Songs inzwischen im Körpergedächtnis. Sie texte zu Musik und schreibe immer alles auf; überraschenderweise entstehen ihre Texte nicht mündlich.
Big Zis in Solothurn. (Bild: SRF)
Im Gespräch kommt sie auch auf den Chauvinismus, die Kapitalismusverherrlichung und die Homophobie der Rap-Szene zu sprechen. Ihre starke Anziehung für die Musik war immer durch das Abgestossen-Sein vom Sexismus durchzogen. Mittlerweile beschäftige sie sich jedoch weniger damit. Sie habe sich nun ihre eigene Welt geschaffen. Nach Solothurn eingeladen zu werden, fühle sich an wie der «Ritterschlag der Hochkultur». Nicht dass Big Zis den braucht, so sterbenscool, wie sie die etwas verstaubte Atmosphäre in den Gemeindesäälen von Solothurn aufmischte.
«Am Anfang war der Stein»
Nicht weniger aufmischend war der Auftritt des Autors Fiston Mwanza Mujila aus dem Kongo. Er kam nach Solothurn, um seinen Sex-Suff-und-Minen-Roman Tram 83 vorzustellen. Dafür brachte der in Graz lebende 36Jährige den eng befreundeten Jazz-Musiker Patrick Dunst mit. Dieser bereitete mit Saxophon und anderen Blasinstrumentarium Mujila den Boden für die Lesung.
Fiston Mwanza Mujila. (Bild: terangaweb.com)
Von Lesung kann dabei allerdings nicht die Rede sein. Nach den ersten verrauchten Saxophon-Tönen brüllt Mujila los und jazzt den Anfang seines Romans herunter, als wäre er ein Teufelsaustreiber. Er wechselt zwischen Französisch und Deutsch. «Am Anfang war ein Stein. Am Anfang war ein Stein. Und der Stein schuf den Besitz.»
Tram 83 handelt von einer gleichnamigen Kaschemme voller Gauner, Prostituierten und Schriftstellern. Er spielt in einem fiktiven afrikanischen Moloch, einem Land, das an Krieg, Korruption und Globalisierung krankt. In Solothurn beginnt Mujila manchmal auf der Bühne seinen Text zu lachen, als wäre er von allen guten Geistern verlassen. Tram 83 ist einem Jazz-Stück von John Coltrane nachempfunden und klingt auf Papier ebenso rhythmisch wie in Mujilas Performance. Während dieser das Energielevel bis zum Ende durchhält, bleibt der Auftritt wie ein kraftstrotzender Faustschlag ins Gesicht. Sanftere Töne gibt es nicht. Was durchaus gewollt, dem Milieu der Romanhandlung geschuldet sein mag. Mujila geht aber weit darüber hinaus, er liefert sich dem Rhythmus, der Wut und dem Rausch seiner Literatur völlig aus – er wird zu seinem Text.
Literatur, die sich ihre eigene Welt schafft und die sich aus dem Moment heraus neu kreiert: Die beiden Auftritte gehörten zu den ereignishaften Momenten der 39. Solothurner Literaturtagen. Mehr dazu zum Beispiel hier in den Antworten von Autorinnen und Autoren auf drei wichtige Fragen.
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