Die Hauptsponsoren der EM in Frankreich werden bald alle auswendig können. Im Land selber sind es die staatliche Lottogesellschaft FDJ, der Personalvermittler Proman, die Bank Crédit Agricole und die Staatsbahnen SNCF. International sind Adidas, Coca Cola oder erstmals der chinesische Elektronikriese Hisense dabei.
Die Schweizer Nationalmannschaft hat ihrerseits vier Hauptsponsoren. Athleticum, VW und Swiss Life zahlen (laut NZZ) jährlich rund 1,5 Millionen Franken. Ihnen voran geht die Credit Suisse CS, mit einem nicht kommunizierten Betrag – die NZZ spricht von jährlich 6 Millionen, die Hälfte davon für Nachwuchsförderung.
(Bank, Versicherung und Autokonzern als Sponsoring-Dream-Team: Die Kombination scheint fast naturgesetzlich, sie gilt zumindest nicht nur im Sport, sondern auch in der Kultur, etwa bei den St.Galler Festspielen, wo ebenfalls die CS, dazu Helvetia und Audi als Hauptgeldgeber auftreten.)
Zurück zum Fussball: Nachwuchsförderung betreibt die Credit Suisse auch dort, wo nicht Millionen hinschauen, aber wo die künftigen Kunden sind – im Schulsport. Eine dieser Aktivitäten ist der jährliche CS-Cup, den die Bank in zahlreichen Kantonen sponsert, so auch in Inner- und Ausserrhoden.
Dagegen gab es vor gut zwei Wochen Protest: An ihrer Kantonaltagung hatten die Ausserrhoder Lehrerinnen und Lehrer einen Antrag zu diskutieren, der die Lehrergewerkschaft dazu verpflichten wollte, per Brief an das kantonale Schulamt als Verantwortliche für den CS-Cup ihre Bedenken gegen diese Art Sponsoring anzumelden – und je nach Antwort den Ausstieg zu verlangen.
Der Antrag kam vom Lehrer und Kabarettisten Hans Fässler. Er zweifle zwar nicht daran, «dass Fussball Kindern Spass macht und dass Fussball die Bewegung und den Teamgeist fördert», sagte Fässler einleitend. Aber: «Es geht nicht um leuchtende Kinderaugen auf Fussballplätzen, sondern es geht um eine Debatte unter Erwachsenen über gesellschaftliche Moral, Gerechtigkeit, Konsequenz und viel Geld.»
Hier Fässlers Rede, leicht gekürzt:
Ich habe vom Vorstand sieben Minuten Zeit bekommen. Ich könnte nun diese sieben Minuten dafür verwenden, all die Finanzskandale aufzuzählen, welche das Schweizer Bankensystem im allgemeinen und die Credit Suisse im besonderen in den letzten Jahren und Monaten in die Schlagzeilen gebracht haben:
Subprime-Skandal, Adoboli-Skandal, Libor-Manipulation, Edelmetall-Absprachen, Forex-Manipulationen, Dark-Pools, FIFA-Skandal, Finanzierung von klimaschädigenden Öl-, Gas- und Kohlekonzernen, Finanzierung von Atomwaffentechnologie, Finanzierung der Herstellung von Streumunition, Aufblähung des Derivathandels, Behinderung des Marktes für Zinsswaps, Vertuschung von Verlusten gegenüber dem georgischen Ministerpräsidenten, Beeinflussung des Marktes für Anleihen öffentlich-rechtlicher Institutionen, Beteiligung an Nahrungsmittel-Spekulationen, Intransparenz bei Chef-Salären, Tricksereien bei der Leverage Ratio, der brasilianische Petrobras-Skandal, Panama Papers, Missbrauch nicht-öffentlicher Unternehmensinformationen in Japan, überzogene Chefsaläre trotz «Abzockerinitiative», Bermuda-Versicherungsmäntel zur Steuerhinterziehung, geheime Absprachen im Markt für SSA-Bonds… ich höre hier auf, weil mir sonst die sieben Minuten nicht reichen.
Der Skandal ist ja nicht unbedingt, dass ein Teil der Schweizer Finanzwirtschaft kriminell unterwegs war und ist. Das haben wir doch alle irgendwie gewusst, wenn wir ehrlich sind. Wir haben doch gewusst, dass unsere Schweizer Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug ein Bschiss war, ein Buebetrickli. Wir haben gewusst, oder zumindest geahnt, dass das Schweizer Bankgeheimnis aus unserem Land einen «Piratenhafen» gemacht hat, wie es der renommierte Basler Strafrechtler Mark Pieth genannt hat, oder dass es eine «kollektiv organisierte Steuerhinterziehung» gab, wie es der frühere Tessiner Staatsanwalt Paolo Bernasconi heute bezeichnet. Das haben wir doch alle gewusst, auch wenn uns unser Ausserrhoder Bundesrat versprochen hat, das Ausland werde sich an unserem Bankgeheimnis die Zähne ausbeissen, und auch wenn unser berühmtester und reichster Ausserrhoder Banker gesagt hat (unwidersprochen gesagt hat!), die Kapitalflucht geschehe in Notwehr und das Bankgeheimnis sei ein Asylrecht.
Nun, das Bankgeheimnis gibt es nicht mehr und die Bank Wegelin gibt es auch nicht mehr.
Es sind ja längst nicht mehr nur die Grossbanken CS und UBS, die für Negativschlagzeilen sorgen, sondern mittlerweile haben auch über 30 kleinere regionale und lokale Schweizer Banken ihre Schuldeingeständnisse in Sachen US-Steuerhinterziehung abgelegt und Bussen von gegen 1.9 Milliarden Franken bezahlt: u.a. Vadian-Bank, Bank Linth, Graubündner Kantonalbank, St.Galler Kantonalbank, Migros Bank, Bank Julius Bär. Und eben ist die Banca della Svizzera Italiana von der Finma wegen Geldwäsche in unglaublichem Ausmass geschlossen worden, was Monika Roth, Professorin für Finanzmarktrecht an der Hochschule Luzern, zur Bemerkung veranlasst hat, in der Welt der Banken sei «die Gier immer noch gleich, und das mangelnde Unrechtsbewusstsein auch».
Aber wie gesagt: Der grösste Skandal ist nicht, dass ein Teil der Schweizer Finanzwirtschaft kriminell unterwegs war und ist. Der Skandal ist der, dass es in diesem Land nie eine breite Empörung gab über das Finanzgebaren der «systemrelevanten» Grossbanken, von denen wir eine mit unseren Steuergeldern retten mussten. Dass es keine grossen Kundgebungen gab an der Bahnhofstrasse in Zürich oder am Bahnhofplatz oder am Rösslitor in St.Gallen oder am Obstmarkt in Herisau. Dass die Leute nicht in Massen ihre Konten kündigten und verlangten, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen würden.
Und warum gab es diese Empörung nicht? Aus vielen Gründen. Ich nenne zwei:
Erster Grund: Die meisten von uns oder die meisten von Euch (Ihr könnt selber überlegen, ob Ihr Euch einschliessen oder ausschliessen wollt) – die meisten von Euch hatten es sich doch in diesem Piratenhafen einigermassen gemütlich eingerichtet, weil wir alle, direkt oder indirekt, auch davon profitiert haben. Man hoffte doch heimlich, dass es immer so weitergehen würde und dass die lästige Kritik aus dem Ausland, insbesondere aus den USA, sich irgendwann wieder legen würde. Ein Ja zu meinem Antrag wäre also auch ein Stück weit eine Auseinandersetzung mit der Lebenslüge einer ganzen Schweizer Generation, von der wuchtigen Ablehnung der Bankeninitiative von 1984 bis heute, 2016.
Zweiter Grund: Die Grossbanken geben zig Millionen aus, um ihr angeschlagenes Image immer wieder aufzupolieren, um sich als der freundliche und spendierfreudige Nachbar und Kumpel von nebenan darzustellen und ihr Logo mit spannendem Sport und unterhaltender Kultur in Verbindung zu bringen statt mit Gerichtssälen und Gefängniszellen.
So sponsert die Credit Suisse die New Yorker Philharmoniker, die Schweizer-Nationalmannschaft, das Zurich Film Festival, das Kunstmuseum Bern, das European Masters in Crans-Montana, den Roger Federer, das Kunsthaus Zürich, die Gotthardtunnel-Eröffnung, das Lucerne Festival, das Opernhaus Zürich, den Oldtimer Rennsport, die Credit Suisse Sports Awards und eben den CS-Cup, an dessen Ausscheidungsspielen letztes Jahr in Inner- und Ausserrhoden gegen 1000 Jugendliche teilnahmen.
Das stört mich, das geht mir gegen den Strich, das halte ich letztlich für unmoralisch. Deshalb verlangt mein Antrag, der LAR solle den Verantwortlichen des CS-Cup in einem Brief sein Missfallen kundtun und damit drohen, je nach Antwort aus dem CS-Cup auszusteigen. Ist das zu viel verlangt?
Fässlers Antrag wurde mit 342:137 Stimmen abgelehnt, bei 91 Enthaltungen. Zuvor hatte die kantonale Verantwortliche für den CS-Cup, Sybille Diem, ihre Sicht der Veranstaltung dargelegt und erklärt, man habe auf die Wahl des Sponsors durch den Schweizerischen Fussballverband SFV keinen Einfluss.
Dass Fässler der Fussball-Kommerz missfällt, ist nichts Neues. Zuletzt kritisierte er das Public-Viewing-Angebot des St.Galler Kulturfestivals und den Saiten-Bericht dazu in einem Kommentar:
Migros (Pannini-Bildchen), Credit Suisse («Ein besonderer Höhepunkt»), VW («All Star Game!») und Blick («Unsere Nati-Stars!») geben den emotionalen Marschbefehl, und alle sind dabei. Wie viel Dreck muss aus der Welt des Spitzenfussballs noch an die Oberfläche gespült werden, bis sich die links-alternative Szene davon verabschiedet?
Die Frage bleibt offen, bis jetzt kam es noch zu keinen Abschiedsszenen. Aber die EM fängt ja erst an.
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