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Die Gegen-Bewegung

Während der Freizeitmensch zu Tausenden ins Grüne drängt, kommt die Natur in die Stadt zurück. Nicht ganz freiwillig: Wir brauchen sie dringend, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen. Die Studie «Grünes Gallustal» analysiert und visualisiert, wie das gehen kann – ein Lehrstück in ökologischer Stadtreparatur.
Von  Peter Surber
Rosenbergstrasse in St.Gallen, wie sie sein könnte. (Visualisierungen: GSI Architekten)

Es ist wie beim Pilzesuchen. Hat man das Auge einmal darauf eingestellt, entdeckt man sie auf Schritt und Tritt. Hier in der Stadt, das Auge auf Grün geschaltet, ist es auch so beziehungsweise gerade umgekehrt. Auf Schritt und Tritt fällt einem auf, was fehlt: Bäume!

Der Spisergasse nach, über den Aepliplatz bis zum Spisertor: kein Baum, Pflasterstein an Pflasterstein, beim Brunnen gerade einmal ein paar dürftige Topfblumen. Die Multergasse: dito. Der Platz um den Broderbrunnen: ein geteerter Unort, passend zur grauen Strassenschlucht Richtung Bahnhof. Der Klosterplatz: Weltkulturerbe, baumlos. Oder die Rorschacherstrasse beim Neudorf: wird just an dem Tag frisch geteert, ein Asphalt-Albtraum über drei Fahrspuren, von Grün hingegen keine Spur.

Hinter dem Nebenbahnhof. (Bild: Su.)

Dabei ginge es auch anders. Die Poststrasse hat eine Baumallee erhalten, und schon spriessen dazwischen auch die Beizentische. Hinter dem Nebenbahnhof (Bild) blüht neuerdings eine Blumenrabatte voller Schmetterlinge zwischen Parkplatz und Strassenasphalt. Da waren Kenner am Werk, sagt eine Bekannte bewundernd. Oder das Dreieckspärkli am Bahnhof: Es ist wie verwandelt, seit rundum Bäume wachsen und Sträucher wuchern.

Lukas Indermaur, WWF-Geschäftsführer und Mitinitiant von «Grünes Gallustal». (Bild: Martin Arnold)

Hier auf der langen Bank, angenehm im Schatten treffe ich WWF-Geschäftsführer Lukas Indermaur. Er lobt die Bemühungen von «Stadtgrün», dem früheren Gartenbauamt. Vermisst allerdings einen grosskronigen Baum, der in der Mitte des Plätzchens kühlen würde. Und erzählt, wohin sich die Stadt mit dem Projekt «Grünes Gallustal» entwickeln könnte, sollte, müsste: zu einem Vorzeigemodell in Sachen Klimawandel und Lebensqualität.

Die schwitzende Stadt

Der Grund ist bekannt – und an diesem überdurchschnittlich heiss-schwülen Juninachmittag buchstäblich am eigenen Leib spürbar: Die Sommer bei uns werden immer wärmer, die Städte immer heisser, ein Rekordjahr folgt auf das andere. Das schlägt auf die Gesundheit, beim Individuum und beim Planeten überhaupt. 50’000 Hitzetote hat man im Hitzesommer 2003 allein in Europa gezählt; gemäss Weltklimarat sterben inzwischen mehr Menschen an Hitze als an Kälte.

«Grün ist nicht bloss angenehm fürs Auge, sondern entscheidend für die Gesundheit», bekräftigt Lukas Indermaur. Studien zeigten: Je grüner eine Stadt, desto tiefer die Feinstaubkonzentration, desto entlasteter der gesamte Organismus, desto rascher erholt sich der Mensch, ist produktiver und kreativer. Kurzum: Grün ist auch ökonomisch nützlich, es senkt Gesundheitskosten und kurbelt die Wirtschaft an.

Aber entscheidender für «Grünes Gallustal», die vom WWF initiierte Studie, ist die ökologische Dringlichkeit. Seit 1984 hat sich die Zahl der Tropennächte in St.Gallen verdreifacht, harmlos noch gegenüber den 46 Grad, die etwa im Juli 2021 in Kanada gemessen wurden, oder den über 40 Grad im Schatten in Ländern wie Indien oder Bangladesh.

Die Städte müssen kühler werden – und sie können es, sagt der WWF-Geschäftsführer. Milano ist mit seiner forcierten Fassadenbegrünung, den Giardini verticali, ein viel zitiertes Beispiel dafür, was Indermaur so auf den Punkt bringt: «Die Stadt braucht eine grüne Haut.»

Gemeint sind damit Fassaden, aber auch der Anteil der Grünflächen in der Horizontalen. Dafür gibt es sogar eine gesetzliche Grundlage: Der Bund verpflichtet im Natur- und Heimatschutzgesetz die Kantone und Gemeinden dazu, ökologische Ausgleichsflächen zu schaffen, vergleichbar der Pflicht zum Nachpflanzen der Wälder nach Rodungen. Die Umsetzung ist allerdings Gemeindesache – und entsprechend unterschiedlich das Tempo. In Städten wie Zürich, Basel oder Baden nehme das Thema in jüngster Zeit richtiggehend Fahrt auf, sagt Indermaur. Vielerorts sonst fehle das Knowhow oder die Bereitschaft.

Grau in Grau: St.Leonhardsstrasse. (Bild: Su.)

Im Städtemonitoring von Avenir Suisse vom Oktober 2018 erreichte St.Gallen beim Kriterium «Anteil Grünanlagen im Stadtgebiet» nur Rang 8. Inzwischen gebe es immerhin gute Beispiele wie das Pärkli am Bahnhof. Gleich ein paar Meter weiter aber: Tristesse pur auf dem Bahnhofplatz – da habe man sowohl versäumt, den Verkehr weniger platzraubend zu lenken, als auch ein Wasserspiel und Grünräume zu schaffen, für die Kühlung und fürs Vergnügen.

Löblich dagegen das neue Regime auf Dreiweieren, wo Stadtgrün mehr Platz für Hecken geschaffen hat und Rauh- oder Totholz wenn möglich am Ort belässt – «das schafft wertvolle Biotope», sagt Indermaur.

Denn mehr Grün trägt nicht nur zur menschlichen Gesundheit bei, sondern fördert auch die Biodiversität. Die Ausstellung «Wildes St.Gallen», die das St.Galler Naturmuseum im Juni eröffnet hat und wo sich auch «Grünes Gallustal» vorstellt, macht diesen Effekt sichtbar. Fuchs, Reh, Dachs, Schmetterlinge und Vögel aller Art finden in der Stadt schon heute ihren Lebensraum. Am Bildweiher im Westen der Stadt etwa habe sich dank ökologischen Massnahmen die Zahl der Tiere im und am Weiher innert 20 Jahren verzehnfacht. In ihrem privaten Naturgarten dasselbe, erzählt eine Gärtnerin in einem kurzen Videoporträt in der Ausstellung: «Mit jedem Quadratmeter, den wir zum Blühen gebracht haben, sind mehr Tiere in den Garten gekommen.»

58’000 neue Bäume

So erfreulich all dies ist, so punktuell bleibt es zugleich angesichts der rasanten Klimaerwärmung. Die Pariser Klimaziele sind noch in weiter Ferne. Deshalb rührt das Projekt «Grünes Gallustal» mit der grossen Kelle an. Über drei Jahre hinweg hat ein Team rund um den WWF und das Architekturbüro GSI Architekten einen umfassenden Masterplan der ökologischen Stadtveränderung geschaffen. Die private Initiative fand Unterstützung durch Stiftungen, Verbände, die öffentliche Hand und fast 20 freiwillig arbeitende Expert:innen. «Grünes Gallustal» stosse auch bei der Stadtverwaltung, insbesondere bei Stadtgrün und beim für den Bau zuständigen Stadtrat Markus Buschor auf Sympathie.

Broderbrunnen vorher – nachher.

Auf 1555 Seiten entwirft «Grünes Gallustal» ein Leitbild der ökologischen Entwicklung unter dem doppelten Grundsatz «Freiraumförderung und Biodiversitätsförderung». 14 Massnahmen konkretisieren die Ziele, unzählige Visualisierungen machen das «neue St.Gallen» sichtbar und spürbar.

Wer die Bilder anschaut, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: Das soll St.Gallen sein? Am heute öden Dreiecksplatz rund um den Broderbrunnen zum Beispiel wuchern auf der Visualisierung Sträucher und Beete, geben Bäume Schatten, entsteht eine «grüne Insel», wie es Architektin Regula Geisser nennt. Und kritisiert: «Heute scheint alles von Grau verschlungen, als wäre Lava über den ursprünglichen Stadtboden geflossen. Der Platz ist verarmt, ohne Aufenthaltsqualität, und bildet nur noch einen Hitzepol.»

Eine solche Aufwertung öffentlicher Flächen zu städtischen Grünräumen ist eine der 14 Massnahmen. Der Grünanteil in der Stadt soll von heute 11 auf 35 Prozent steigen. Damit das gelingt, müssen nicht weniger als 58’000 Bäume gepflanzt werden, hat «Grünes Gallustal» ausgerechnet. Unter anderem soll der einstige Grüngürtel um die Altstadt, der heute nur noch in Fragmenten existiert, wiederhergestellt werden. Die Stadt Zürich macht mit solchen Zielen bereits ernst: Hier soll der Kronendeckungsgrad (der Anteil Siedlungsfläche, den Bäume bedecken) auf 25 Prozent gesteigert werden.

Auf der Website von «Grünes Gallustal» sind rund 60 Vorher-Nachher-Visualisierungen zu sehen, ausserdem ein rund halbstündiger Film zu sehen, der das Leitbild und die Massnahmen erläutert.

gruenesgallustal.ch

Ein lückenloses Fuss- und Velowegnetz ist eine weitere Massnahme. Dafür müssen Strassenräume zu Freiräumen werden: Noch sind die rund 25 Kilometer Hauptstrassen und zahllose Quartierstrassen einseitig auf den Autoverkehr ausgelegt. Ein rechter Teil davon könnte gemäss dem Leitbild multifunktional werden, mit weniger Fahrspuren, mit Alleen und Platz für Flanierverkehr. «Die Menschen wollen sich in der Stadt bewegen können», sagt Indermaur. Der erwünschte Zusatzeffekt: Entlang der Rorschacher- oder der Zürcherstrasse würde das Wohnen wieder attraktiver. Indermaur nennt diese Massnahme schlagend: Strassendiät.

Grüne Häuser, wilde Gärten

Eine weitere Kühlmethode ist die Fassadenbegrünung: Stadtweit könnten bis zu 400’000 Quadratmeter begrünt werden, der Effekt ist gemäss dem Stadtklimabericht von 2021 fantastisch: Bis zu 15 Grad kühler sind begrünte im Gegensatz zu unbegrünten Fassaden. «Das ist ein starker Hebel fürs Klima», sagt Indermaur.

Mitziehen müssen bei solchen Veränderungen aber auch die Privaten. «Privatgärten machen rund ein Drittel der Stadtfläche und damit des Potentials für Biodiversitätsförderung und Klimaverbesserungen aus», sagt Lukas Indermaur. Dafür hat «Grünes Gallustal» Musterbauvorschriften entwickelt, juristisch wasserdicht und unter anderem mit der Verpflichtung, einen gewissen Teil des Geländes ökologisch zu gestalten. Kies statt Teer, Trockenmauern statt Beton: Das kommt noch nicht mal teurer und schafft kleine Lebensräume.

All diese Eingriffe sind gemäss Indermaur heute bereits gesetzlich möglich – denn das kantonale Planungs- und Baurecht lässt den Gemeinden Spielraum. Viele der Vorschläge der Studie «Grünes Gallustal» könnten zudem eins zu eins in die städtische Bau- und Zonenordnung übernommen werden, deren Revision in den nächsten Jahren ansteht. «Die Steilvorlage ist da», sagt Indermaur. Wo die Vorschriften nach Ansicht des WWF zu lasch sind, etwa beim Baumschutz, schlägt die Studie griffigere Paragrafen vor. Und kategorisch äussert sich Indermaur zur geplanten Autobahn-Teilspange: «Geldverschwendung» – denn die Mobilität werde sich in den nächsten Jahren so einschneidend verändern, dass es andere Lösungen brauche.

Verkehr unter den Deckel

80 Prozent der Massnahmen liessen sich kurz- bis mittelfristig realisieren, sind die Initiant:innen von «Grünes Gallustal» überzeugt. Visionärer muten die restlichen 20 Prozent an. «Sechs grüne Deckel» schlägt die Studie für besonders belastende Strassen- und Eisenbahnschluchten vor, so bei der Kreuzbleiche, in St.Fiden oder am Blumenberg.

Damit entsteht ein grüner Korridor, ein Vegetationsband entlang der gesamten Talsohle vom Naturmuseum im Osten bis zur Arena im Westen. Entlang der Bahnlinien sollen Ruderalflächen ökologisch wertvollen Stadtraum schaffen, eine Art grüner «Fluss» durch die Stadt – ergänzt um die Freilegung der Steinach, ein Dauerbrenner der Stadtentwicklung, und eine gross angelegte Revitalisierung der Sitter. Solche eigentliche Stadtreparatur denkt schliesslich auch die Aufwertung von Quartieren, eine schnelle Stadtbahn und die Umsiedlung einzelner Industrien an den Stadtrand mit – Massnahmen, die naturgemäss lange dauern, viel kosten und bei denen Nutzungskonflikte vorprogrammiert sind.

Rosenbergstrasse vorher – nachher.

Lukas Indermaur ist dennoch optimistisch. Die Studie «Grünes Gallustal» zeige insbesondere auf, dass entgegen der landläufigen Meinung Verdichtung und ökologische Aufwertung kein Widerspruch sein müssten. Und sie verspricht, dass sich mit dem vielen Grün die CO2-Bindung um mehr als das Zweifache erhöht – die Stadt sei so in der Lage, einen markanten Beitrag an die Erreichung der Klimaziele zu leisten.

«Die Zeit drängt»

Soll aber eine Stadt tatsächlich wie ein Park aussehen, wie es die Visualisierungen nahelegen? Ist eine Stadt nicht urban gerade dadurch, dass sie aus Stein gebaut ist und dies auch nicht kaschiert? Indermaur kennt die Diskussion, er kennt auch die Haltung von Architektur-Purist:innen, die Fassadenbegrünung grundsätzlich ablehnen. Aber er sieht das Ganze anders: «Eine Stadt ist immer gebaut – aber gebaut, um darin leben zu können.» Freiräume und Grünflächen seien zentral für die Lebens- und Aufenthalts-Qualität in Städten. Sie müssten sich entsprechend wappnen für den Klimawandel.

«Die Zeit drängt, und vom Bund besteht ein klarer Auftrag, Massnahmen im Siedlungsraum für die Klimaanpassung, Biodiversitäts- und Freiraumförderung umzusetzen.» Heute scheuten sich viele Städte noch vor dieser Aufgabe. Mit dem Leitbild «Grünes Gallustal», einer Art «Kochbuch» für das künftige Klima-Menü, habe St.Gallen die Chance, «zum nationalen Vorbild für eine grüne Stadtentwicklung zu werden».

Gute Aussichten also, in einigen Jahren auf Schritt und Tritt Bäumen und Sträuchern und Pilzen und Flechten und Füchsen im Strassenbild zu begegnen, dem «grünen Fluss» entlang durchs Gallustal zu radeln oder am Oberen Graben gut beschattet zu picknicken. Und mitten in der Stadt jene Erholung zu finden, die wir heute noch outdoor suchen.

Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.

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