Kategorie
Autor:innen
Jahr

War das jetzt eine Klimawahl?

Rechts verliert, Grün gewinnt: War die heutige St.Galler Kantonsratswahl jetzt eine Klimawahl – oder doch nicht so recht? Ein paar Fragen an die Grünen. Und eine leise Hoffnung auf ein zumindest weiblicheres neues Parlament.
Von  Peter Surber , 

2012: Linksrutsch: Links-Grün und GLP legen neun Mandate zu, auf Kosten vorallem von SVP und CVP.

2016: Rechtsrutsch: Die Grünliberalen verlieren drei Mandate, Links-Grün kann seine Sitze halten, SVP und FDP erobern aber die absolute Mehrheit auf Kosten der Kleinparteien.

Und jetzt 2020: Die Grünen erobern zwar 4 Sitze mehr, erreichen ihr Ziel: Fraktionsstärke und sogar mehr: 9 statt der erhofften 7 Sitze. Die GLP legt auch um 4 Sitze zu. Die SP verliert dafür Stimmen und 2 Sitze. Hauptverliererin ist zwar die SVP mit dem Verlust von 5 Mandaten – sie bleibt aber klar stärkste Partei im Kanton. Gewählt wurde mehr Mitte: Die CVP legt leicht zu, die EVP taucht nochmal aus der Versenkung auf. Die FDP schwächelt. Sieht so Veränderung aus? Was war das jetzt für eine Wahl?

Ein «genialer» Tag für die Grünen

Für Thomas Schwager, Parteipräsident der Grünen war es «ein guter Sonntag – und das ist nur der Vorname», sagt er. 9 Sitze seien «genial», die Verluste der SP zwar schmerzlich, «aber insgesamt hat Links-Grün zugelegt». Das Argument, die bürgerliche Mehrheit im Parlament sei weiterhin massiv, lässt Schwager gelten – aber Politik heisse, auch mit kleinen Schritten weiterzukommen. «Die SVP hat 5 Sitze verloren, das ist schon mal erfreulich.»

Und wie steht es um die Zusammenarbeit mit den Grünliberalen, die ihrerseits stark zugelegt haben? Vor vier Jahren wollte die GLP nichts mit den Grünen am Hut haben und bildete mit der CVP eine Fraktion. Gespräche seien von Seiten der Grünen nicht vorgesehen, winkt Schwager ab – mit wem die GLP (mit 6 Sitzen unterhalb der Fraktionsstärke) jetzt zusammenarbeiten wolle, sei deren Problem.

«Man traut den Grünen mehr zu»

Immerhin 6 Sitze mehr im linken und grünen Spektrum und starke Verluste bei der klimaresistenten SVP: War das doch eine Klimawahl? Franziska Ryser, im Herbst neugewählte Nationalrätin der Grünen, zögert am Telefon. Das St.Galler Resultat führe, wenn auch abgeschwächt, zumindest den Trend vom Herbst weiter, sagt sie. Im St.Galler Wahlkampf hätten zwar andere Schwerpunkte, Sozial- und Gesundheitspolitik, dominiert. Das Klima bleibe aber Topthema, «gerade auch in diesem Winter ohne Schnee».

Ryser sieht den Wahlerfolg darüber hinaus als Indiz dafür, dass den Grünen auch in St.Gallen zugetraut wird, ein breites Themenspektrum und also auch andere als Umweltfragen aus einer fortschrittlichen Sicht zu bearbeiten. Die eigene Fraktion und das überraschend gute Abschneiden der grünen Regierungskandidatin: Das sei insgesamt «ein sehr erfreulicher Sonntag», bilanziert Ryser.

Frauenwahl – und Schläge für die Männer

Regional fällt auf: In den ländlichen Wahlkreisen war dieser 8. März eine Wahl des Beharrens auf dem Bisherigen; die Verschiebungen sind minimal. Etwas mehr Bewegung gibt es in den Städten: Die zweitgrösste Agglomeration See-Gaster gibt Grün und GLP zwei zusätzliche Sitze auf Kosten von SVP und FDP. Und verstärkt den Frauenanteil kräftig. In Wil gewinnen Grüne, Grünliberale und CVP je einen Sitz auf Kosten der drei anderen Parteien. Auch hier: mehr Frauen. In St.Gallen verlieren die vier «Grossen» je einen Sitz, die GLP gewinnt 2, die Grünen und die EVP je einen hinzu.

A propos 8. März: Wer an diesem Wahltag parteiübergreifend das Nachsehen hatte, waren die Männer. Mit Susanne Hartmann hat eine CVP-Frau die Wahl in die Regierung im ersten Wahlgang geschafft. Und die CVP-Frauen waren auch sonst gut unterwegs, etwa in den Wahlkreisen Wil und See-Gaster. Frauenwahl auch bei den Grünen (in Rorschach, St.Gallen und See-Gaster). Und ganz massiv bei der SP in St.Gallen: Ihre Frauenliste triumphiert mit vier Sitzen, bei der Männerliste werden gleich drei Bisherige weggewählt, darunter mit Etrit Hasler und Max Lemmenmeier zwei markante Figuren, deren Fehlen man nur bedauern kann. Abgewählt wurden auch anderswo, in Rorschach, in Wil oder im Werdenberg durchwegs Männer. Der Frauentag wurde zur Frauenwahl.

Desinfiziert in die neue Legislatur

Noch stärker als die erfolgreichen Frauen aber sind die Security-Leute, die dem Publikum wegen Corona ab 16 Uhr den Weg in das Wahlzentrum im Pfalzkeller versperrten, das passende Sinnbild dieser Wahl. Die Stimmbeteiligung war tief, Inhalte wurden im Vorfeld der Wahl kaum diskutiert, und erst recht nicht mehr in den letzten paar Wochen, wo Covid-19 alle anderen Themen komplett nebensächlich werden liess.

Dass es eine Zeit nach der Virusaufregung geben wird, eine Zeit, in der der Kanton St.Gallen dringend eine ökologisch und sozial nachhaltige Politik braucht: Das wird die Bevölkerung (inklusive die schweigende Zweidrittel-Mehrheit der Nicht-Wählenden) vielleicht nach dem Erwachen aus dem durchzogenen Traum dieser Kantonsratswahl erst nach und nach merken.

(Bild: St.Galler Tagblatt)

 

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2