Thomas Schwager hat den Arm in der Schlinge. Unpraktisch für die unzähligen Gratulationen, die der Kantonalpräsident der st.gallischen Grünen an diesem Wahlsonntag entgegennehmen kann. Grund für die Havarie sei nicht der Wahlkampf mit harten Bandagen gewesen, sondern ein Sturz beim Wandern, klärt Schwager auf.
Politisch abgestürzt sind an diesem Erdrutschtag andere. Im Kanton St.Gallen die SVP und (trotz Zuwachs an Stimmen) die CVP, die je einen Sitz verlieren auf Kosten der Grünen und der Grünliberalen. Die Zahlen sind im Vergleich zu 2015 imposant – Grüne 10,5 (plus 4,8) Prozent, Grünliberale 7,3 (plus 2,4) Prozent Wähleranteil.
Bange Momente muss die SP überstehen – bevor die Städte Wil und St.Gallen ausgezählt sind, ist der zweite SP-Sitz bös am Wanken. Am Ende bleiben der Partei Sitzverluste erspart, gegen den nationalen Trend. Die Erleichterung ist hörbar – aber auch Enttäuschung, zum Beispiel beim Toggenburger SP-Kantonsrat Martin Sailer, der als «Kulturminister» nach Bern wollte. Ein dritter Sitz sei das Ziel gewesen, und diesen dritten Sitz habe er für sich erhofft, sagt Sailer und freut sich wenigstens über die starke Resonanz im Toggenburg: In Wildhaus-Alt St.Johann hätten fast 40 Prozent der Wählerinnen und Wähler ihm die Stimme gegeben.
Jubel für Linksgrün
National nicht weniger als 26 Sitze (gemäss Hochrechnung vom Abend) zusätzlich für Grüne und Grünliberale: Das ist für Schweizer Verhältnisse ein mittleres Erdbeben. «Es war tatsächlich eine Klimawahl», wird die neue Nationalrätin Franziska Ryser später beim Wahlfest in der Zeughausgasse sagen.
Im Kanton St.Gallen allerdings haben die beiden Klimaparteien «nur» die Kräfteverhältnisse von vor vier Jahren wieder herstellen können, als Grüne und Grünliberale je ihren Sitz verloren haben. Aber im Pfalzkeller ist an diesem Nachmittag nicht Realismus, sondern Euphorie angesagt. Als nach langem Warten die provisorischen Resultate verkündet werden, braust bei jedem Namen von linksgrün Jubel auf wie bei einem Fussballgoal: bei Thomas Brunner (glp), Franziska Ryser (Grüne), Barbara Gysi und Claudia Friedl (SP). Heftig beklatscht wird auch Susanne Vinzenz-Stauffacher, die den FDP-Sitz rettet.
Eher diskreten Applaus bekommen dagegen der bisherige FDP-Vertreter Marcel Dobler und die verbleibenden CVPler Nicolo Paganini und Markus Ritter. Und fast unhörbar sind die Publikumsreaktionen bei den vier SVP-Nationalräten Lukas Reimann, Mike Egger, Roland Rino Büchel und der neugewählten Esther Friedli. Der Pfalzkeller ist an diesem Sonntag, wie die Restschweiz auch, fest in linksgrüner Hand. So fest, dass bereits vor der Verkündigung der Endergebnisse das Bier ausgeht.
Linker und weiblicher
Im Zentrum des Blitzlichtgewitters: Franziska Ryser, neu gewählte Nationalrätin der Grünen und mit 29 Jahren eine der Jüngsten im künftigen Parlament. Im Rennen um den Ständerat erzielt sie mehr als ein Achtungsresultat, im Nationalrat triumphiert sie am Ende mit gut 2000 Stimmen Vorsprung auf Parteikollegin Yvonne Gilli. Etwa 50:50 habe sie mit einem Erfolg gerechnet – entsprechend riesig sei die Freude. Ein erstes politisches Ziel in Bern könnte der Klimagipfel sein, den ihre Partei anstrebt, sagt sie.
Was einer der vielen Gratulanten, SP-Fraktionsschef Dani Kehl, bedauert: Im St.Galler Stadtparlament werde man Franziska Ryser vermissen. Diese beruhigt: Bei den jungen Grünen habe es ausgezeichnete Nachfolgerinnen oder Nachfolger. Auf die kommenden Wahlgänge in Kanton (im März) und Stadt (im Herbst 2020) blickt auch SP-Stadtparteipräsident Peter Olibet voraus: Traditionsgemäss schneide Linksgrün bei nationalen Urnengängen weniger stark ab als bei kantonalen und kommunalen. Die jetzt erzielten Wahlanteile in der Stadt St.Gallen (SP 24 Prozent, Grüne 17 Prozent) machten Hoffnung, im Herbst 2020 vielleicht sogar die 50-Prozent-Marke «kratzen» zu können.
Das Fazit, wo man hinhört: die St.Galler Nationalratsdelegation ist linker und weiblicher geworden.
Der Ständerat hingegen bleibt Männersache. Es kommt zwar zu einem zweiten Wahlgang, aber die Verhältnisse scheinen klar: Die Bisherigen Beni Würth (CVP) und Paul Rechsteiner (SP) sind nur knapp unter dem absoluten Mehr geblieben. Rechsteiner sieht dennoch keinen Grund, sich zurückzulehnen: Ein SP-Sitz im Ständerat sei nie gesichert, es brauche für den zweiten Wahlgang nochmal allen Einsatz. Allerdings: Bei den letzten Wahlen 2011 und 2015 habe der jeweilige SVP-Gegner (damals Toni Brunner beziehungsweise Thomas Müller) im zweiten Wahlgang stets schlechter abgeschnitten als im ersten.
Ein wasserdichtes Wahlgeschenk
Vor dem Wahlfest-Lokal warten die Grünen auf ihre neue Nationalrätin. Als sie nach dem Interviewmarathon erscheint, empfängt sie minutenlanger Applaus. Franziska Ryser bedankt sich mit ihrer «ersten Rede als Nationalrätin», wie jemand im Hintergrund sagt, aus dem Stegreif. Das grandiose Resultat der Grünen fordere auch die anderen Parteien auf, die Klima- und die Gleichstellungsfrage ernster zu nehmen als bisher. Die öffentliche Konjunktur dieser Themen habe sicher zum Wahlresultat beigetragen – aber entscheidend sei auch der Einsatz aller gewesen, der engagierte Wahlkampf aller, die «wahnsinnige Energie», welche die Partei mobilisiert habe. Und die es weiterhin brauche. Denn: Die Klimapolitik fange erst jetzt so richtig an – «ich freue mich darauf».
Kritischer sieht das St.Galler Ergebnis Parteikollege Patrick Ziltener, der Rang drei auf der Liste der Grünen erzielt hat. Im Kanton dominiere trotz Verlusten die SVP weiterhin in beinah «hegemonialer» Manier – und niemand könne plausibel sagen, was der Grund für diese massive Dominanz sei. Überhaupt sei das Wahlverhalten ein blinder Fleck: Wer warum wie wählt, sei hierzulande kaum erforscht. Und angesichts der massiven Stimmenzahlen der SVP-Nationalräte Reimann, Egger, Büchel, Friedli & Co. frage er sich, bei aller Freude über den Sitzgewinn seiner Partei: «In welchem Land lebe ich?»
Für Neu-Nationalrätin Ryser ist derweil gesorgt: Ihre Partei hat ihr zum Wahlsieg einen Aare-Rucksack geschenkt. Wasserdicht und Bern-erprobt.
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