Die Wahl war klar, eine Formsache: Franziska Ryser von den Jungen Grünen löst Heini Seger (SVP) auf dem Präsidentinnenstuhl ab, Gallus Hufenus (SP) wird neuer Vize. Keine Gegenstimmen – auch wenn das erstmals angewendete elektronische Abstimmungstool im Waaghaussaal die Parlamentarier stärker auf Trab hielt als das Wahlgeschäft selber.
Sie sehe sich als Vertreterin einer jungen, offenen und toleranten Stadt, sagte die neugewählte Präsidentin. Und sie hoffe, damit ihrer Generation die Politik näher bringen zu können. Im Parlament dürfe hitzig debattiert werden – doch das Ziel seien konstruktive, der Sache dienende Entscheide.
Lernen von den Robotern
Wie dies gelingen kann? Ryser, studierte Maschinenbauingenieurin und Robotik-Spezialistin, appellierte an die Schwarmintelligenz. Sie funktioniere zumindest bei Robotern nach zwei einfachen Grundsätzen. Zum ersten: Jede und jeder darf die Richtung ändern. Zum zweiten: Jede und jeder reagiert auf die Richtungsänderungen der andern.
Auf die Parlamentsarbeit übertragen, plädierte Ryser dafür, zum einen sich eigene und eigenständige Meinungen zu bilden, und zum andern: einander zuzuhören. Damit wären die Voraussetzungen gut, mehrheits- und tragfähige Entscheide für ein offenes, tolerantes und lebenswertes St.Gallen zu treffen. Langer Applaus aus dem Saal und von der Tribüne quittierte Rysers Antrittsrede.
Chauvinistische Ausrutscher
Jung, grün, weiblich – eine Provokation? Am auf die Wahl folgenden Apero in der Grabenhalle, die Franziska Ryser von ihrer nebenberuflichen Theaterarbeit her vertraut ist, bekam sie das vom Stadtpräsidenten zu spüren.
Scheitlin sprach vorerst humorig davon, er würde sich beinah einen Partei-Übertritt zu den Grünen überlegen – so schnell könne man hier Karriere machen. Dann aber nahm er Mass. Und zählte die neue Parlamentspräsidentin an, in dreierlei Hinsicht.
Zum einen chauvinistisch: Als Stadtpräsident freue er sich auf den Ausgang mit einer schönen jungen Frau.
Zum andern paternalistisch: Als junge Frau habe sie noch keinen Ruf, der ihr vorauseile.
Zum dritten politisch: Ryser sei vor vier Jahren nicht gewählt worden – «nur» nachgerutscht nach dem raschen Parlamentsaustritt ihrer Vorgängerin (kein Wort von ihrer glanzvollen Wiederwahl letzten Herbst). Ryser habe noch keine konstituierende Sitzung erlebt und sei schon auf dem Präsidentinnenstuhl gelandet. Ryser habe gerade mal einen Vorstoss, und dies erst noch zu easy-voting, lanciert (tatsächlich waren es mehrere Vorstösse). Und schliesslich der Horror schlechthin: Auf der Website ihrer Partei stehe noch immer Zürich als Wohnort. Dass sie seit längerem wieder in St.Gallen wohnt, aber dass aus Güllen wegmuss, wer es ausbildungsmässig zu etwas bringen will: Das blieb präsidialiter ungesagt.
Bürgerliches Rückzugsgefecht
Lauter Nadelstiche, sagte am Ende ein empörter Apero-Gast. Und: «Das war eine politische Rede.»
Vermutlich war es das. Der Stadtrat ist seit der Wahl im Herbst mehrheitlich links-grün. Im Stadtparlament haben SP, Grüne, Grünliberale und PFG ebenfalls eine wenn auch labile Mehrheit.
Unter diesen neuen Voraussetzungen muss man annehmen: Scheitlins Rede war die, wenn auch unausgesprochene, Abrechnung eines alternden Vertreters einer müd gewordenen und in Bezug auf die Zukunftsfragen der Stadt ratlosen Partei mit der jungen Frauenpower einer aufstrebenden Bewegung. Es war die vergebliche Anstrengung, sich mit Witzen links wie rechts volkstümlich zu machen. Es war der verzweifelte Versuch, die neue Präsidentin und mit ihr die kommende Generation dieser Stadt klein zu halten.
Zugegeben: Ich bin befangen. Ich kenne die neu gewählte «höchste St.Gallerin» persönlich. Aber viele kennen sie in dieser Stadt, viele junge Leute waren an der Feier, man sah ihnen und auch manchen Alten die Verärgerung über die Scheitlin’schen Untertöne an.
Bleibt die Hoffnung, dass der Kleinhalte-Versuch nicht gelingt. Und dass das Parlament, wie es der scheidende Präsident Heini Seger (SVP) sagte, seine Kontrollfunktion gegenüber der Exekutive weiter wahrnimmt – auch in Fragen des politischen Stils.
Bilder: Augustin Saleem
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.