, 15. Februar 2018
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Ein Denkmal für den St.Galler Fussballtempel

Immer wieder Espenmoos: Auch zehn Jahre nach dem Umzug des FCSG vom Heiligkreuz ans Autobahnkreuz ist das alte Stadion unvergessen. Das Magazin Senf widmet ihm nun satte 92 Seiten samt Bastelbogen. So viel Nostalgie kann aber auch erschlagen.

Bilder: SENF-Kollektiv

Die Macherinnen und Macher des Fussballmagazins SENF waren selber überrascht. Erwachsene Menschen rissen ihnen gleich stapelweise Bastelbögen aus der Hand, als die neuste Nummer des Magazins am 8. Februar im Bierhof lanciert wurde.

Zur Beruhigung: Die Bastelbögen werden nachgedruckt. Und zur Erklärung des Andrangs: Mit dem Bastelbogen kann man halt nicht wie früher als Kind den St.Galler Dom, die Kyburg oder das Schloss Sargans nachbauen, nein, es ist der legendäre Fussballtempel Espenmoos.

 

In diesem haben einige nicht nur die Liebe zum grün-weissen Fussballverein entdeckt, sondern noch andere prägende Jugenderfahrungen gemacht. «Das erste Bier, der erste Joint, der erste Flirt, sogar zu einigen ersten Küssen kam es hier», wie es im Editorial zu diesem Senf-Magazin Nummer neun heisst.

Contini träumt von der Magie

Wegen der ganzen Ablenkungen und der baulichen Mängel des Stadions bekamen die Zuschauer in der Fankurve manchmal nur die Hälfte des Spiels mit, heisst es im Magazin. Obwohl es im Espenmoos durchaus etwas zu sehen gab. Etwa die Meistersaison im Jahr 2000. Ein langes Interview mit dem Meistertrainer Marcel Koller bildet den auch den Auftakt und einen eigentlichen Höhepunkt des Hefts. Koller erzählt, dass damals nur sechs Spieler am Morgen trainieren konnten, weil nicht alle Profis waren – heute unvorstellbar. Das Espenmoos ist für ihn «das Heimstadion schlechthin, sehr menschlich, man hat auf der Spielerbank die Rufe der Zuschauer gehört.»

Kollers Interview ist wie das ganze Heft mit grossflächigen historischen Fotos aufgelockert. Da sieht man etwa die Meistermannschaft 2000 mit Stiel, Zellweger und Contini, der sich in zähen Zeiten wie diesen wohl die auch im Magazin oft zitierte Heimstärke des FSCG im Espenmoos zurückwünscht. Der Contini von 2017 kommt übrigens im Heft auch ausführlich zu Wort und schaut auf seine bisherige Amtszeit als FCSG-Trainer zurück.

Daneben gibt es wunderbare (Luft-)Aufnahmen des Stadions aus allen Winkeln zu sehen, mit und ohne die geschwungene Haupttribüne, die 1969 erbaut wurde.

Lokaljournalismus und Teenieträume

Hinter Senf steht ein vielköpfiges Kollektiv, das sich teils als Journalisten versteht, teils aber auch als schreibende Insider. Darum ist der Textmix bunt: Hartnäckiger Lokaljournalismus wird in einem Rundgang durchs Espenmoos-Quartier St.Fiden gemacht. Wohl an die 20 Zeitzeugen des Espenmooses kommen darin zu Wort, vom Beizer über den Platzwart bis zum Anwohner mit dem Schrebergarten. Das ist spannend und gut recherchiert. Und zeigt: Viele haben mit dem Wegzug des FCSG tatsächlich die Verbindung zum Verein verloren.

Bastelbögen können noch bis am 21. Februar nachbestellt werden. Alle Infos dazu auf senf.sg.

Solche Texte wechseln sich ab mit emotionalen Stücken von Autoren, die sich ans Espenmoos erinnern und dieses in einem Gemenge aus Jugendliebe und Teenieträumen unterbringen. Aber eben, Insider und Nostalgiker, die sich davon angesprochen fühlen werden, gibt es in der Ostschweiz viele. Denn, wie es in einem Text heisst: Man ging nicht ins Espenmoos in den Sektor Grün, man pilgerte.

Toter Beton, warmes Holz

Was dem Heft fehlt, ist der Blick nach vorne, aber das dürfte bei einer Espenmoos-Nummer zum Konzept gehören. Über die AFG-Arena, ähm… den Kybunpark, liest man wenig ausser ein paar Sätzen, wie sie/er aus totem kaltem Beton gemacht sei, während die Holztribünen des Espenmooses den Geist der Zuschauer geatmet hätten.

Man kann Senf Nummer 09 auch als Verkörperung eines aktuell weit verbreiteten Zeitgeists sehen: Es wird darin eine Welt beschrieben, die kalt, technologisiert und durchkommerzialisiert ist (das neue Stadion). Als Gegenmittel oder zur Tröstung gedenkt man der Vergangenheit, in der alles warm-lebendig, improvisiert und solidarischer war (das alte Stadion).

Als Leser, der zwar Fussballkultur mag, aber sie nur am Rande mitbekommt, hätte ich mir eine ernsthafte Diskussion darüber gewünscht, was denn aus dem neuen Stadion noch werden könnte. Wie daraus irgendwann vielleicht etwas entstehen könnte, das auch eine gewisse Ausstrahlung hat. Aber dazu ist nur ein satirischer Text zu finden, der den Abbruch fordert und einen Neubau vorschlägt im… Heiligkreuz.

Dazu wird es wohl nicht kommen. So bleibt den nostalgischen FCSG-Fans nur übrig, sich so gut es geht, mit dem «neuen» (ja auch schon zehn Jahre alten) Stadion zu arrangieren – und im Senf zu blättern, zu träumen und mit Schere und Leimstift in der Hand loszulegen.

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