Natürlich gibt es wichtigere Themen als die Bestuhlung eines alten Fussballstadions, das nur noch für den Breitensport genutzt wird. Aber es sind Details, die darüber entscheiden, ob ein Bauwerk geschützt werden kann – oder nicht, weil bereits zu viel verändert wurde.
Es geht erneut um die Bestuhlung der Espenmoos-Tribüne, die bereits 2014 ein Thema war. Damals hatte das Sportamt geplant, Holzbänke einzubauen. Nach einem kleineren medialen Aufschrei wurden die Pläne gestoppt – aber nur vorübergehend. Es gibt nun einen neuen Anlauf mit einer umfassenden Sanierung, die 2,2 Mio. Franken kosten soll.
Zentraler Bestandteil des neuen Projekts: Die rund 2200 originalen Sitze aus Schichtholz, dort installiert seit der Eröffnung der eleganten Tribüne im Jahr 1969, sollen herausgerissen und durch Klappsitze ersetzt werden.
Nicht grad «pützlet»
Ein Augenschein zeigt, dass viele der bald 50 Jahre alten Sitze etwas mitgenommen aussehen: Sie werden offensichtlich nicht gepflegt. Mindestens seit 2008 kamen sie nicht mehr in Kontakt mit Pinsel und Holzlack. Nicht wenige fehlen. Die Tribüne sieht zwar immer noch ehrwürdig und schön aus – aber halt nicht grad «pützlet».
Nach 1969 wurden kaputte Sitze jeweils ersetzt. Die früher in Herisau gelagerten Reserven sind aber längst aufgebraucht. Es müssten neue Exemplare hergestellt werden. In Zeiten von 3D-Druckern wohl eher kein Problem.
Doch die Stadt wählt einen anderen Weg. Sie argumentiert mit Vorschriften und Reglementen. O-Ton in der Vorlage: «Der Handlungsbedarf besteht primär darin, dass die Sicherheitsvorschriften der öffentlichen Sportanlage im Espenmoos nicht mehr eingehalten werden können.»
Und konkreter, nochmals im O-Ton: «Die Durchgangsbreite zwischen den Sitzreihen sowie die Treppenbreite entsprechen weder den heute gültigen Vorgaben des Amtes für Feuerschutz noch denjenigen von Swiss Football.»
Ein Bauwerk, das geschützt werden müsste
Ein Blick auf die aus Beton, Glas und Metall erbaute Tribüne zeigt, dass der Ersatz der ursprünglichen Sitze den Gesamteindruck markant verändern würde. Oder anders formuliert: Es gehört alles zusammen. Das geschwungene Dach in der Form einer langgezogenen Muschel, der unprätentiöse Betonbau, die Rückwand aus Glas, die elegant wirkenden Sitzreihen. Insgesamt ein Bauwerk, das geschützt sein müsste.
2014 hatte eine Nachfrage beim städtischen Denkmalpfleger ergeben, dass eine Aufnahme auf die Liste schützenswerter Bauten einmal ein Thema gewesen sei. Doch dann sei die Möglichkeit verworfen worden.
Daran hat sich offensichtlich nichts geändert.
Damit kommen wir zur entscheidenden Frage: Wieso muss die Tribüne überhaupt so dringend saniert werden?
Jedenfalls nicht, weil sich dort die Zuschauerinnen und Zuschauer drängen. Genutzt wird die Anlage unter anderem von den Frauen FC St.Gallen, FC Rotmonten, SC Brühl usw.
Man kennt das Bild: Auf dem Rasen wird gekickt, rund um das Spielfeld stehen Betreuerinnen und Betreuer, Vereinsmitglieder, Angehörige, Interessierte. Einige wenige sitzen auf der Tribüne. Wenn es regnet, sind es ein paar mehr.
Am meisten Publikum hatte es in den letzten Jahren jeweils an den kleinen Derbys in der Promotion League, wenn die zweiten Mannschaft des FC St.Gallen gegen den SC Brühl antrat. Doch inzwischen ist der FCSG II abgestiegen – und spielt so oder so nicht mehr in seinem traditionellen Heimstadion Espenmoos, sondern in Wil, im Bergholz.
Der Grund sei sicher der Platz, der in keinem so guten Zustand sei, erklärt FCSG-Sprecher Daniel Last auf Anfrage. Gerade im Winter garantiere Wil bessere Bedingungen. Zudem sei Wil auch Standort der Nachwuchsorganisation Future Champs Ostschweiz.
Wenn es nicht wegen des Publikumandrangs ist, warum will dann die Stadt die Original-Sitze herausreissen und durch Klappstühle (immerhin aus Holz) ersetzen – und allein dafür 330’000 Franken ausgeben?
In der Vorlage findet sich dazu folgende Begründung: Trendsportarten suchten zunehmend ihren Platz, heisst es dort. «Entsprechend öfter» seien bei der Stadt Anfragen für die Durchführung von Anlässen eingegangen. «Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, entsprechende Anlagen mit geeigneten Zuschauerkapazitäten verfügbar zu haben. Das Stadion Espenmoos eignet sich bestens für solche Anlässe.»
Trendsportarten? Im Espenmoos?
Man kann zusammenfassen: Die Stadt sieht bisher davon ab, die architektonisch und baukulturell wertvolle Espenmoos-Tribüne zu schützen – und will stattdessen 2,2 Mio. Franken ausgeben, um nicht näher bezeichneten Trendsportarten eine Anlage zur Verfügung zu stellen.
Nebenbei: Hätte man die dort trainierenden Fussballvereine nach ihrem Bedürfnissen gefragt, wäre die Antwort klar gewesen: Ein moderner Kunstrasenplatz, um rund ums Jahr darauf trainieren zu können.
An einer der kommenden Sitzungen wird die Vorlage im Stadtparlament beraten. Wir hoffen auf Einsicht.
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