Wer heute vor der Espenmoos-Tribüne steht, wundert sich:
Wieso braucht es überhaupt neue Sitze?
Klar, es gibt ein paar Lücken in der Bestuhlung. Und mehrere der Holzsitze, die an diejenigen in den alten VBSG-Bussen erinnern, könnten eine Lackierung vertragen. Das Gesamtbild ist aber nach wie vor das einer weitgehend intakten Tribüne.
Es ist, als müsste man nur einen Schalter betätigen und es wäre irgendwann nach 1969 vor Matchbeginn und die Ränge beginnen sich zu füllen. Wer gesehen werden will, kommt spät und paradiert die ganze Länge der Tribüne entlang, grüsst Hinz und Kunz. Irgendwann liest Richard Fischbacher die Mannschaftsaufstellung herunter. Wenn es ein Spiel vor der Ära Hans Hurni wäre, würde eine der beiden Schwestern Schlegel im hellen St.Galler Dialekt mit dem Ritual beginnen. Beispielsweise mit: «Im Goal Nummer eins: Markus Schüepp».
Oder so ähnlich.
Damals als die Tribüne eingeweiht wurde, war es ein guter Moment in der Klubgeschichte des FC St.Gallen: Gefeiert wurden gleichzeitig die Einweihung des Neubaus und das 90jährige Klubjubiläum. Zudem war der FCSG wenige Monate zuvor Cup-Sieger geworden. Bislang zum letzten Mal. Im offiziellen Programm kann man die Feierlichkeiten nachlesen: Es gab ein Vorspiel der Junioren, ein Konzert der Polizeimusik, dann «die Schlüsselübergabe an den FC St.Gallen durch den Herrn Architekten Hug». Um 17.15 war Anpfiff des Jubiläumsspiels gegen den FC Zürich. Die geladenen Gäste trafen sich anschliessend im Kongresshaus Schützengarten zum Apéro, später zum Festbankett, begleitet von der Stadtmusik St.Gallen und dem Jodel-Doppelquartett des FC Zürich.
Die Fussballwelt von 1969: Als der FCZ noch ein Jodelquartett mitbrachte.
Im Artikel über die Espenmoos-Tribüne im «Tagblatt» von heute Mittwoch wurde Reto Antenen zitiert, über 20 Jahre lang Präsident der Stadion-Genossenschaft. Er sagte, dass bei der Übergabe des Stadions klar festgehalten wurde, «dass die Schalensitze bleiben».
Das war keine schriftliche Vereinbarung, präzisiert er auf Anfrage. Antenen erinnert sich, dass es eigentlich stets noch Ersatzsitze hatte, die vermutlich 2008 ebenfalls der Stadt übergeben wurden. Ab und zu sei es halt passiert, dass beim Training einer «kaputtgeschossen» wurde. Antenen wundert sich über die Pläne der Stadt. Die Stadion-Genossenschaft habe nie etwas an der Tribüne verändern dürfen, das sei immer völlig klar gewesen.
Woher kamen denn die Sitze, wenn es Ersatz brauchte?
Antenen kann sich nicht mehr erinnern. «Von einem Betrieb in Herisau», kommt ihm noch in den Sinn.
Die gleiche Frage geht an Marco Calzavara, den Sohn von Carlo Calzavara, der 1969 zur dreiköpfigen Baukommission gehörte. Neben dem damaligen FCSG-Präsidenten Elio Cellere und dessen späteren Nachfolger Paul Schärli.
Marco Calzavara ist an diesem Nachmittag in Eile, hat auch das «Tagblatt» noch nicht gelesen, verspricht aber, nachzuforschen. Erst kürzlich sei ihm im Elternhaus der Ordner mit den Bauunterlagen in die Hände gefallen. Aber er brauche dafür mehr Zeit. Der Architekt Kurt Hug? «Ist schon lange gestorben», weiss Calzavara.
Vielleicht könnte man in der sonst so herausgepützelten Stadt St.Gallen eine altehrwürdige Tribüne auch einfach so lassen wie sie ist. Ein paar kaputte Sitze hin oder her.
Wen störts?
Nachtrag:
Inzwischen ist bekannt geworden, dass die Stadt zumindest vorläufig auf das Herausreissen der Sitze verzichten will, obwohl in einem Brief des Sportamtes noch erklärt worden war, der Auftrag sei bereits vergeben worden. Der Artikel dazu im Tagblatt. Die allgemeine Einsicht ist erfreulich, nun fehlen noch konkrete Zusicherungen, dass die Espenmoos-Tribüne nicht weiterhin unter der Rubrik Breitensport-Anlagen geführt wird, sondern als architektonisch wertvolles Bauwerk, dessen Unterhalt auch etwas aufwendiger sein darf.
Und: Woher die Sitze stammen, wird man trotzdem noch herausfinden.
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