«Also dann bis am Sonntag» – so verabschieden sich am Ende alle, es ist keine Frage, am Sonntag spielt der FCSG gegen Sion, dann sieht man sich wieder. Über die zwiespältigen sportlichen Leistungen des FC wird an dem Abend im Konsulat im übrigen aber wenig gesprochen. Ruben Schönenberger, der den fussballerischen Teil des Gesprächs mit den beiden «Tranquilli» führt, will die «schon hundertmal gestellten Fragen» beiseite lassen. Im Vordergrund sollen die persönlichen Erfahrungen stehen, soll es um die «ausgeprägten Familienmenschen» (so sagt es Vater Willo selber) Barnetta gehen.
La famiglia. Sie bleibt das A und O, sie ist das vielleicht Italienischste an den Barnettas, die sich schon in den frühen Siebzigerjahren eingebürgert haben, nach der ersten Schwarzenbach-Initiative, dem Schreckgespenst für längst integrierte Ausländer wie sie. Daran knüpfen denn auch die Erinnerungen von Willo Barnetta an das italienische Konsulat an, in dessen ehemaligen Räumen jetzt das Saitengespräch stattfindet.
Ferienkolonie mit Start im Konsulat
Vor fünfzig Jahren, als Kind, sei er zum ersten Mal hier gewesen, erzählt Tranquillo senior. Auslanditalienerkinder durften in die Ferienkolonie nach Italien, Treffpunkt war das Konsulat, 110 Franken habe das gekostet inklusive Bus nach Kloten und Flug mit Alitalia nach Sizilien, damals eine Sensation. Später, mit der Einbürgerung, musste er den italienischen Pass abgeben. 1993 beantragte er ihn wieder und erlebte die Vorzüge der Prominenz: «Ah, der Vater von Tranquillo Barnetta…», das machte sogar am Schalter im Konsulat Eindruck und beschleunigte die legendär störrische italienische Bürokratie.
Die Familie. Ohne sie und deren Rückhalt wäre alles undenkbar gewesen, sagt Tranquillo junior. In guten, aber vor allem in härteren Phasen: beim rasanten Start in der Bundesliga, damals bei Leverkusen, mit erst 19 Jahren. Oder später, als die Verletzungen kamen, im schwierigen Jahr in Hannover, als auch Vater Willo manchmal der Zweifel kam: Ist das wirklich das Richtige…?
Die Familie, inklusive Mutter und Grossvater, sei von Beginn weg mit am Ball gewesen: als Fahrer der fussballbegabten Buben, als Begleiter, als Mitfiebernde beim FC Rotmonten, im Espenmoos, in der Bundesliga, bei den Nati-Spielen, dann während der zwei Jahre USA bei Philadelphia Union jeweils mitten in der Nacht am Fernseher, schliesslich jetzt wieder im heimischen Stadion.
Wenn Vater und Sohn erzählen, hat man den Eindruck eines Fussballers, der trotz Erfolg und Millionenbusiness den Boden unter den Füssen nicht verloren hat. La famiglia, vermutlich…
Das Geld. Und das Danach
Und die 222 Millionen, die gerade für den Brasilianer Neymar hin- und hergeschoben werden? Tranquillo Barnetta hat dafür kein Verständnis – «völlig überrissen», sagt er. «Das geht in eine Richtung, wo es keine Grenzen mehr gibt; so viel kann ein Spieler gar nicht wert sein». Aber er räumt auch ein: Klar, Geld gehört dazu, auch für ihn und seinen wichtigsten Berater: Vater Tranquillo.
Dieser hält im übrigen ein Plädoyer für eine Talentförderung, die auch angehenden Fussballstars die Möglichkeit für berufliche Qualifikationen und Ausbildungen für das «Leben danach» bieten würde. Da gebe es bei den Clubs Nachholbedarf – schliesslich sei eine Fussballkarriere, auch wenn sie erfolgreich verläuft wie bei Barnetta, nach Mitte dreissig vorbei, mit Tendenz nach unten: Man fange jünger an und höre auch jünger wieder auf. Zu schweigen von denen, die es nicht nach ganz oben schaffen.
Tranquillo Barnetta beschäftigt die Frage nach den beruflichen Zukunftsperspektiven auch, wie er auf eine entsprechende Publikumsfrage sagt: «Eher nicht Fussball» werde es dereinst sein, aber noch sei alles offen.
Schliesslich die Gretchenfrage, Saiten-Redaktorin Corinne Riedener stellt sie gleich als erstes: Wie hältst du’s mit dem Frauenfussball? Tranquillo lobt das hohe Niveau, bedauert die unglücklich ausgeschiedenen Schweizerinnen, freut sich über die steigende Beachtung und kennt, wenn es denn ernst gemeint und nicht nur charmant gesagt war, Spielerinnen, «die am Ball besser sind als ich».
Morgen geht es für Barnetta & Co allerdings darum, besser am Ball zu sein. Als der FC Sion. Obs klappt: live zu verfolgen im Senf-Ticker.
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