Ich erinnere mich gut, wie wir Anfang Jahr mit glänzenden Augen an der Bar gestanden sind im Enfant terrible in Zürich. «Wow, verdammt! Wer ist das?!» wollten wir von Paul Neuman wissen, dem DJ, der eigentlich Sascha Kieslinger heisst und die Rap History-Reihen in St.Gallen und Winterthur organisiert hat bzw. immer noch organisiert. (Winterthur ist gerade im Jahr 1987 angekommen.)
Grinsend drückte er uns die Single in die Hand: Splittin’ the Racket von Ocean Wisdom. Zuhause hab ich mir dann noch Walkin’ gegeben und seither so ziemlich alle Rap-Lover in meinem Umfeld genervt mit «Wizzy», wie sich der Rapper aus Brighton gerne nennt.
Bemerkenswertes Arsenal
Das hat mehrere Gründe. Zuerst sind da seine Skills: Dieser Porscht rappt so vielfältig wie kaum ein anderer in seinem Alter. Doubletime ist sein Markenzeichen – schon seine Mutter hörte Rap, darum ist Wizzy quasi mit Busta Rhymes und Eminem gross geworden –, aber er hat auch jede Menge grimy Einschläge, trappige Momente und hin und wieder nimmt er einen Zug Reggae. Ein bemerkenswertes Style-Arsenal, das hörbar von Legenden wie Dizzie Rascal (Grime) oder General Levy (Jungle) geprägt ist. Wer es nicht glaubt, soll sich sein Ende Februar erschienenes Debut Chaos 93’ anhören.
Zu diesem Namen kam das Album folgendermassen: Als Ocean Wisdom 1993 geboren wurde, hörte plötzlich sein Herz auf zu schlagen. Auch das seiner Mutter. Da beschloss Oceans Vater, seinen Sohn «Chaos» zu nennen – was ihm die Mutter allerdings vehement verbot, als sie wieder bei Bewusstsein war. Trotzdem, der Name blieb hängen.
Dann ist da der inhaltliche Charme. Wie viele junge Rapper gibt es, die trotz Angeboten von Major-Labels bei einem kleineren, unabhängigeren Player wie High Focus Records (unter anderem das Label von Four Owls, Death Players und Scissortongue) unterschreiben? Eben. Zu wenig. Fuck Bling-Bling. Wizzy denkt offenbar ähnlich, darum nehme ich ihm seine textliche Realness auch ab. Ich glaube ihm, wenn er wie in High Street von seiner Hood rappt, von seinen Kumpels und dem Lieblingsladen um die Ecke.
Und dann sind da noch all die Wortspiele und scharfen Beobachtungen. Immer im Fluss. Oft ist es ja so, dass einer zwar flowt wie Sau, aber dabei nur Dummfug erzählt. Oder umgekehrt; inhaltlich umwerfend ist, aber flowtechnisch unterirdisch… Ocean Wisdom hat diese Probleme nicht. Dafür muss man umso genauer hinhören, wenn man Englisch nicht zu seiner Muttersprache zählt. Aber es lohnt sich: Wizzy ist frech, dreist, schnoddrig, übermütig – «cocky» halt, aber immer sympathisch. Und manchmal auch wunderbar poetisch, zum Beispiel in Jungle, im jazzigen Imaginary oder in 4U.
Zu guter Letzt wären da noch die Beats. Die sind natürlich nicht direkt Wizzy zu verdanken, sondern Dirty Dike, dem alten Fuchs. Die 17 von ihm produzierten Beats auf Chaos 93’ sind bis auf wenige Ausnahmen der «Golden Era» zuzuordnen, also den goldenen Jahren des Rap von 1986 bis Mitte der 90er.
Heute ist das so eine Sache: Alle stehen drauf. Einmal mehr. Besucht man Live- Konzerte der US-Legenden von damals, zum Beispiel EPMD, Lords of the Underground oder Gangstarr Foundation, wird man allerdings ziemlich oft enttäuscht. Da werden nur noch Tote und alte Zeiten abgefeiert und – wenns ganz übel kommt – sogar berühmte Tunes von anderen gespielt, mit denen man ursprünglich einmal verfeindet war, nur damit das Publikum mitjauchzt. Läuft halt in Europa. Hier finden auch die abgehalftertsten Dope-Daddys noch einen Gnaden-Schuss.
Neues Kapitel in der Rap History
Erfreulicherweise gibt es seit einigen Jahren eine florierende Rap-Szene, die sich, was die Beats angeht, zwar stark an den 90er-Jahren orientiert, aber raptechnisch absolut zeitgenössisch auftritt. Will heissen: Flow wie damals, aber raffiniertere Technik und variablere Styles. Ich denke da zum Beispiel an Awon & Phoniks, Epidemic oder die Buze Bruvaz. Und eben an Ocean Wisdom. Mit dem Unterschied, das sich Wizzy eben nicht allein an den goldenen Zeiten orientiert, sondern auch an frischen Tönen und Techniken. Und am Grime, was mir persönlich besonders taugt.
Ocean Wisdom: 9. Dezember, 22 Uhr, Palace St.Gallen. Support: Odium & thedawn, DJs: Paul Neumann & That Fucking Sara palace.sg
Paul Neumann alias Sascha Kieslinger sieht das ähnlich: «Gerade in der englischen Szene tut sich derzeit einiges, und Ocean Wisdom trägt definitiv seinen Teil dazu bei», sagt er. «Mir gefällt seine Energie, sein Style.» Kieslinger freut sich, dass er den aufstrebenden Rapper für ein Konzert in St.Gallen verpflichten konnte zusammen mit dem Palace, exklusiv. Und wir uns auch, schliesslich läuft seit dem Ende der Rap History-Reihe vor einem Jahr nicht mehr gerade viel in Sachen Rap im Palace.
Das soll sich aber bald wieder ändern: Bereits im November war mit Samiyam aus Los Angeles ein brillanter Produzent zu Gast, ebenfalls exklusiv in der Schweiz, und für 2017 plant das Rap History-Team weitere Veranstaltungen in Kooperation mit dem Palace: «Es wird eine lose Reihe sein, aber wenn alles klappt, gibt es etwa vier Konzerte und zwei Partys im neuen Jahr», sagt Kieslinger. «Ob Newcomer oder Legende spielt dabei keine grosse Rolle. Hauptsache, wir nehmen nicht die ausgetrampelten Pfade.»
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.