Fast ganz St.Gallen vergnügt sich letzten Freitag auf der Kinderfestwiese. Unten im Lämmlisbrunn starten die Lichtspiele mit schwerer Kost: «Cass» ist die Verfilmung des Lebens von Cass Pennant, dem ehemaligen Anführer der Hooligan-Gruppierung «Inter City Firm» (ICF) von West Ham United in London. Der Film zeigt, wie Pennant trotz seiner schwarzen Hautfarbe in einem rassistischen Umfeld zum Kopf der ICF wird. Nach einer Gefängnishaft wegen schwerer Körperverletzung beschliesst Pennant den Ausstieg aus der Szene; alte offene Rechnungen mit Hooligans eines anderen Klubs holen ihn aber wieder ein und er wird bei seiner Arbeit als Türsteher lebensgefährlich verletzt.
Grosskapitalismus verdrängt Gewalt
In der Podiums-Diskussion unter der Leitung von Dani Fels, Dozent an der FHS St.Gallen werden verschiedenen Aspekte des Hooliganismus beleuchtet. Der Gewaltforscher und Historiker Thomas Busset aus Neuenburg widerspricht der These, dass Hooliganismus eine direkte Folge des Thatcher-Neoliberalismus war. England habe eine lange Tradition der Gewalt. Margreth Thatcher sei in einer zerfallenden Gesellschaft mit aller Härte dagegen vorgegangen. Videoüberwachung, Sitzplätze und drakonische Strafen hätten die Gewalt schliesslich aus den Stadien vertrieben – hinaus in Hinterhöfe und untere Ligen.
Corinne Riedener vom Kulturmagazin Saiten erstaunt, wie offen Cass Pennant sich im Fernsehen zu seinen Taten bekannte und diese verteidigte. Der Handlungsspielraum in den Medien sei damals viel grösser gewesen. Heute sei der offene Austausch mit Fussballfans als Journalistin fast unmöglich geworden. Für den Gewaltpädagogen Urban Brühwiler ist erstaunlich, dass die verhafteten Hooligans sich nicht als Kriminelle betrachteten. Sie stellten die Auseinandersetzungen als normale Angelegenheit unter Männern dar, die ein Recht hätten, sich zu wehren.
Um die Jahrtausendwende findet die Gewalt in einem veränderten England nicht mehr im Stadion statt. Nun haben sich Financiers die Macht in den Klubs gesichert; diese sind zum Anlageobjekt und zur seelenlosen Geldmaschine geworden, und viele Fans schauen sich die Spiele von Manchester United am Fernsehen an, weil sie sich die Tickets fürs Old Trafford nicht mehr leisten können. In diesem Umfeld spielt «Looking for Eric» von Ken Loach; er schliesst die Filmreihe am Samstagabend ab – wegen Gewittergefahr leider im Kinosaal statt Open-Air.
Der Traum von der solidarischen Gesellschaft
Eric Bishop ist Postangestellter in Manchester. Sein Sohn holt sich seine Anerkennung nicht als Hooligan, sondern als Handlanger und Kleindealer im Drogen-Milieu. Regisseur Ken Loach schildert Bishops Kollegen von der Post als solidarische Gruppe, die Eric in seiner Überforderung am Arbeitsplatz und als alleinerziehender Vater nicht im Stich lässt.
Der Film ist unter Fussballfans bekannt und beliebt, weil er zwei Erics zusammentreffen lässt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier Eric Cantona, grossartiger Fussballer und auffälligste Spielerpersönlichkeit im ManU der 1990er Jahre. Dort Eric Bishop, der nichts auf die Reihe bringt und in seinen Problemen erstickt. Loach bringt die beiden im Film zusammen, und Cantona coacht den Postangestellten mit Ruhe, Bestimmtheit und überraschenden Einfällen – ganz so wie man es von ihm auch vom Fussballfeld her kannte. In der dramaturgisch zugespitzten Schlussszene wird Eric Cantona gar zum Schutzheiligen: Dutzende von ManU-Fans stülpen sich eine Maske über mit dem Gesicht ihres Idols und stürmen so die Villa des Dealers, der den Sohn von Bishop ausgenutzt und bedroht hat. Dabei schlägt man sich als Zuschauer reflexartig auf die Seite der Fussballfans, die mit ihrer dosiert, ironisch und gezielt eingesetzten Gewalt-Intervention den neureichen Aufsteiger aus dem Drogenmilieu ruhig stellen.
Es ist eine Szene voller Anspielungen und – etwas dick aufgetragener – Moral: Loach entwirft ein Wunsch-Bild einer solidarischen Gemeinschaft, die sich den Anfeindungen und dem Egoismus der kapitalistischen Gesellschaft widersetzt, obwohl sie Teil dieser Welt ist und dabei täglich kleine Kompromisse macht. Was im Film nicht gezeigt wird, Fussball-Fans aber immer bewusst ist: Eric Cantona war selbst für eine aussergewöhnliche Gewaltszene im Stadion verantwortlich. Er wurde neun Monate gesperrt, da er einen Zuschauer mit einem Fusstritt niederstreckte, der ihn während eines Spiels rassistisch beleidigt hatte. Cantona steht also stellvertretend für das ambivalente und widersprüchliche Verhältnis zur Gewalt in unserer Gesellschaft und im Fussball.
Die perfekte Spielphilosophie
Die beiden Filme zeigen, worin die Chance für die Fussballichtspiele auch in Zukunft besteht: Sie können wie angekündigt die «beiläufigen Schönheiten, die der Fussball tagtäglich produziert», auf die Leinwand bringen. Aber sie müssen auch – so wie im ebenfalls vorgeführten Dokumentarfilm «Offside Istanbul» über gestrandete afrikanische Fussballer in Istanbul – seine Abgründe und Trostlosigkeit zeigen.
Ein guter Spielzug: Experten, Expertinnen und Fans auf die Bühne zu bringen und zu brennenden Themen zu befragen nach den Filmen. Aber auch das weitere Rahmenprogramm – Strassenbeiz, Ausstellung im Kulturraum 4 1/2 und schrille Fussballsongs im Fanlokal – sowie der grafische Auftritt überzeugen. Mit dieser Spielphilosophie können die Fussballlichtspiele St.Gallen die zweite Ausgabe mit grosser Zuversicht in Angriff nehmen.
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