Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Heilige Hallen» ohne Schwellen

St.Gallen ist für drei Tage der Nabel der (deutschsprachigen) Museumswelt: Der Dachverband ICOM tagt hier. Zum Auftakt wurde über das «Museum für alle» diskutiert. Peter Müller fasst zusammen und fragt weiter.
Von  Gastbeitrag , 

«Ich habe eine gute Zeit erlebt und muss heute Abend nicht den Fernseher anschalten. Ich kann einfach träumen.» Das berührt, denn diese Aussage stammt von einem dementen Zeitgenossen. Er hatte an einem museumspädagogischen Anlass teilgenommen, an dem Menschen wie er ausgehend von einem Gemälde Geschichten erfinden. Völlig frei, der Künstler oder der Titel des Gemäldes sind belanglos.

Ja, solche Menschen sollten unbedingt einen Zugang zum Reichtum der Museumswelt haben – da waren sich an der Diskussion vom Donnerstag die meisten wohl einig, die sechs Experten auf dem Podium und die rund 180 Anwesenden im Publikum. Es gab aber auch kritische Stimmen: «Am Schluss sind auch wir umsatz-getrieben. Die Finanzen müssen stimmen.» Andere konterten: «Für diese besonderen Besuchergruppen findet man immer Geld, zum Beispiel bei Stiftungen.»

«Das Museum für alle – Imperativ oder Illusion?» heisst das Thema der internationalen Tagung, die noch bis morgen im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen stattfindet, organisiert von ICOM Deutschland, Österreich und Schweiz (International Council of Museums). Die Debatte war anregend, liess aber auch wichtige Fragen offen.

hvm-2

Das Museum, das an alle denkt

Schulklassen – ein wichtiges Thema. Sie ins Museum zu bekommen, ist nicht einfach: Ein Besuch im Museum ist organisatorisch eher aufwendig, verlangt eine Vorbereitung und eine Nachbereitung. Die Schülerinnen und Schüler müssen sich willkommen fühlen, für die Lehrkräfte muss ein «Mehrwert» erkennbar sein. Beides lässt sich nicht aus dem Ärmel schütteln. Im Idealfall bezieht das Museum die Museumspädagogik schon bei der Planung einer Ausstellung ein.

Vielleicht muss man aber noch viel weiter gehen. Ist nicht «Inklusion» die Lösung, oder zumindest das visionäre Fernziel, an dem sich ein Museum ausrichten sollte? Gemeint ist ein Museum, das möglichst an alle denkt, das den verschiedenen Zielgruppen gleichzeitig Raum gibt. Ein Museum, bei dem alle Mitarbeitenden diese Vision teilen, von der Direktorin bis zur Putzkraft. Barrieren gibt es eben nicht nur im Museumsgebäude (zum Beispiel für alte oder behinderte Menschen), Barrieren gibt es auch in den Köpfen der Besucher und der Museumsmacher.

Unter Quoten- und Spardruck

Solche Diskussionen sind interessant und anregend – zum Weiterdebattieren. Wie steht es zum Beispiel mit all den Zeitgenossen, die keine Lust aufs Museum haben, weil sie es verstaubt finden? Wie steht es mit den Zeitgenossen, die im Museum einfach ihr eigenes Weltbild bestätigt sehen wollen? Oder mit denjenigen, die so viel in der Welt herumgekommen sind, dass sie das eigene Museum als provinziell und unprofessionell empfinden? Vor allem aber: Welche Prioritäten soll ein Museum hier setzen, in Zeiten unterschiedlichster Publikumsbedürfnisse – bei gleichzeitiger Knappheit der Finanzen und unter ständigem Quotendruck?

Vermutlich lassen sich solche Fragen kaum allgemein beantworten. In jedem Einzelfall ist von den spezifischen lokalen Rahmenbedingungen auszugehen. Was wohl für die meisten Museen gilt: Man redet von allen Seiten auf sie ein – von links und von rechts, von oben und von unten, von vorne und von hinten. Hier einen gangbaren Weg zu finden, ist nicht gerade einfach.Der Schreibende dieser Zeilen weiss, wovon er spricht.

Und ein letzter Gedanke: Heute, in unser postmodernen, multiperspektivischen und multikulturellen Welt sind Museen keine «heiligen Hallen» mehr, sondern so etwas wie Marktplätze und Foren. Wenn das allen Beteiligten wirklich bewusst wäre – vor allem ausserhalb der Museen –, wäre schon einiges gewonnen.

Peter Müller ist Provenienzforscher und verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit am Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen.

 Bilder: pd

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,