«Ich habe eine gute Zeit erlebt und muss heute Abend nicht den Fernseher anschalten. Ich kann einfach träumen.» Das berührt, denn diese Aussage stammt von einem dementen Zeitgenossen. Er hatte an einem museumspädagogischen Anlass teilgenommen, an dem Menschen wie er ausgehend von einem Gemälde Geschichten erfinden. Völlig frei, der Künstler oder der Titel des Gemäldes sind belanglos.
Ja, solche Menschen sollten unbedingt einen Zugang zum Reichtum der Museumswelt haben – da waren sich an der Diskussion vom Donnerstag die meisten wohl einig, die sechs Experten auf dem Podium und die rund 180 Anwesenden im Publikum. Es gab aber auch kritische Stimmen: «Am Schluss sind auch wir umsatz-getrieben. Die Finanzen müssen stimmen.» Andere konterten: «Für diese besonderen Besuchergruppen findet man immer Geld, zum Beispiel bei Stiftungen.»
«Das Museum für alle – Imperativ oder Illusion?» heisst das Thema der internationalen Tagung, die noch bis morgen im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen stattfindet, organisiert von ICOM Deutschland, Österreich und Schweiz (International Council of Museums). Die Debatte war anregend, liess aber auch wichtige Fragen offen.
Das Museum, das an alle denkt
Schulklassen – ein wichtiges Thema. Sie ins Museum zu bekommen, ist nicht einfach: Ein Besuch im Museum ist organisatorisch eher aufwendig, verlangt eine Vorbereitung und eine Nachbereitung. Die Schülerinnen und Schüler müssen sich willkommen fühlen, für die Lehrkräfte muss ein «Mehrwert» erkennbar sein. Beides lässt sich nicht aus dem Ärmel schütteln. Im Idealfall bezieht das Museum die Museumspädagogik schon bei der Planung einer Ausstellung ein.
Vielleicht muss man aber noch viel weiter gehen. Ist nicht «Inklusion» die Lösung, oder zumindest das visionäre Fernziel, an dem sich ein Museum ausrichten sollte? Gemeint ist ein Museum, das möglichst an alle denkt, das den verschiedenen Zielgruppen gleichzeitig Raum gibt. Ein Museum, bei dem alle Mitarbeitenden diese Vision teilen, von der Direktorin bis zur Putzkraft. Barrieren gibt es eben nicht nur im Museumsgebäude (zum Beispiel für alte oder behinderte Menschen), Barrieren gibt es auch in den Köpfen der Besucher und der Museumsmacher.
Unter Quoten- und Spardruck
Solche Diskussionen sind interessant und anregend – zum Weiterdebattieren. Wie steht es zum Beispiel mit all den Zeitgenossen, die keine Lust aufs Museum haben, weil sie es verstaubt finden? Wie steht es mit den Zeitgenossen, die im Museum einfach ihr eigenes Weltbild bestätigt sehen wollen? Oder mit denjenigen, die so viel in der Welt herumgekommen sind, dass sie das eigene Museum als provinziell und unprofessionell empfinden? Vor allem aber: Welche Prioritäten soll ein Museum hier setzen, in Zeiten unterschiedlichster Publikumsbedürfnisse – bei gleichzeitiger Knappheit der Finanzen und unter ständigem Quotendruck?
Vermutlich lassen sich solche Fragen kaum allgemein beantworten. In jedem Einzelfall ist von den spezifischen lokalen Rahmenbedingungen auszugehen. Was wohl für die meisten Museen gilt: Man redet von allen Seiten auf sie ein – von links und von rechts, von oben und von unten, von vorne und von hinten. Hier einen gangbaren Weg zu finden, ist nicht gerade einfach.Der Schreibende dieser Zeilen weiss, wovon er spricht.
Und ein letzter Gedanke: Heute, in unser postmodernen, multiperspektivischen und multikulturellen Welt sind Museen keine «heiligen Hallen» mehr, sondern so etwas wie Marktplätze und Foren. Wenn das allen Beteiligten wirklich bewusst wäre – vor allem ausserhalb der Museen –, wäre schon einiges gewonnen.
Peter Müller ist Provenienzforscher und verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit am Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen.
Bilder: pd
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