Der Lärm ist ohrenbetäubend. Die britische Luftwaffe fliegt über die Londoner Innenstadt und malt weisse, rote sowie blaue Linien in die Luft. Die Queen hat Geburtstag. Oder besser gesagt: Sie feiert Geburtstag. Denn eigentlich wurde sie schon im April 92 Jahre alt. Die Feierlichkeiten finden traditionsgemäss jedoch am zweiten Samstag im Juni statt. So auch an diesem 9. Juni.
Königin Elizabeth spielt auch nördlich der Innenstadt eine tragende Rolle. Im Londoner Quartier Enfield findet das Finale der WM für Fussballhipster statt. Das Stadion des gastgebenden Enfield Town FC trägt seit 1977 den Namen «Queen Elizabeth II Stadium». Trotz dieses royalen Touchs bleibt der Finaltag der Conifa-WM von pompösem Gehabe verschont.
Wenig Luft nach langem Turnier
Auf dem Platz duellieren sich zuerst Szeklerland und Padania um den dritten Platz. Letztere konnten die gleiche Begegnung in der Gruppenphase für sich entscheiden, starten aber mit Problemen in die Partie. Szeklerland, das Team der ungarischen Minderheit in Rumänien, startet temporeich ins Spiel. Die Norditaliener von Padania schaffen es nur mit langen Bällen, sich aus der eigenen Hälfte zu befreien. Dabei fällt vor allem Marius Stankevičius auf. Der Verteidiger verteilt die Bälle derart gut, dass Padania trotz des Drucks von Szeklerland ab und an gefährlich wird.
Wenig überraschend können die Ungarn das Tempo nicht halten. Gegen Ende der ersten Halbzeit kommt Padania immer besser ins Spiel. Auch in Halbzeit Zwei machen sie zu Beginn den besseren Eindruck. Schon nach 60 Minuten scheint bei beiden Teams aber die Luft draussen. Die Folgen der vielen Spiele innert kürzester Zeit – es ist das sechste Spiel in zehn Tagen – sind offensichtlich. Schnell wird klar: Nur eine Standardsituation oder der Zufall können dieses Spiel entscheiden. Es kommt nicht dazu. Ohne Verlängerung geht es direkt zum Penaltyschiessen, das Padania für sich entscheidet.
Viele Zuschauer beim Final
Schon beim Spiel um Platz 3 waren die Plätze rund ums Spielfeld gut belegt. Nun strömen noch mehr Leute ins Stadion. So viele, dass der Anpfiff des Finals um eine halbe Stunde zurückverlegt wird. In diesem Final trifft die Karpatenukraine auf Nordzypern. Bei Ersteren handelt es sich ebenfalls um eine ungarische Minderheit, in der namensgebenden Ukraine. Die Fans von Szeklerland bleiben deshalb gleich vor Ort und unterstützen auch das zweite ungarische Team lautstark und farbenfroh. Auf der anderen Seite steht mit Nordzypern ein Staat, der nur von der Türkei anerkannt wird. Die Unterstützung in Nordlondon für das Team ist gross. Auch für dieses Team werden Flaggen gehisst, Lieder gesungen und Fackeln gezündet.
Das Spiel wirkt von Anfang an deutlich intensiver, die Mannschaften physisch stärker als noch beim kleinen Final. Wenn die Wogen aber zu hoch gehen, holt Schiedsrichter Mark Clattenburg die Spieler schnell auf den Boden zurück. Clattenburg, der noch vor zwei Jahren den Final der Champions League pfiff, konnte dank des Hauptsponsors verpflichtet werden. Diesem verdankt das Turnier im Übrigen auch den eigenen WM-Song von Right Said Fred, der mit einigen Anspielungen aufwartet.
Auf dem Platz bleibt die Forderung der Band, das Haus abzureissen, unerfüllt. Der Sportjournalist im Zuschauer denkt in Platitüden wie «neutralisieren» und «abstasten». Es fesselt wenig, dieses Spiel. Auch die Fans können sich mit anderem beschäftigen und deshalb zeigt sich, dass hier eher eine Diaspora vor Ort ist als mitgereiste Fans. Die Ungarn singen in perfektem Englisch die unter englischen Fans bekannten Lieder «Don’t take me home» und «Your support is fucking shit». Auch bei den nordzypriotischen Fans ist Cockney-Slang in Reinform zu hören.
Karpatenukraine wird Weltmeister
Dass das Spiel nicht fesselt, zeigt sich auch zehn Minuten vor Schluss, als Regen einsetzt. Etliche Zuschauer verlassen das Stadion, trotz WM-Final. Gekommen war man wegen des exotischen Faktors, wirklich interessiert sind dann doch nicht alle. Wer bleibt, sieht die Karpatenukraine im unausweichlichen Penaltyschiessen gewinnen. Das Team, das nur wegen des Rückzugs von Féldivek, eines anderen Teams einer ungarischen Minderheit, überhaupt dabei war, kann den Pokal in die Luft stemmen.
Im strömenden Regen feiert die Karpatenukraine ihren Titel weiter, zusammen mit den Fans, «deren farbenvolle Fackeln dem Spiel eine einzigartige Atmosphäre verliehen hatten», wie die Organisatoren in einem Fazit zum Finaltag sagen. Auch zum ganzen Turnier fällt das Fazit ausgesprochen positiv aus. Sascha Düerkop, Generalsekretär der Conifa, sagt: «Wir waren sehr positiv überrascht von den Zuschauerzahlen und dem überragenden Feedback, welches wir von Medien und Zuschauern aus aller Welt bekommen haben.» Noch nie sei man so sehr im Fokus der Weltöffentlichkeit gestanden.
Ukrainische Regierung ist nicht erfreut
Im Fokus zu stehen bringt indes auch Nachteile, wie sich drei Tage nach dem letzten Pfiff zeigt. Die Spieler der Gewinnermannschaft dürfen sich auf unangenehme Fragen der ukrainischen Regierung gefasst machen. Dass das Team separatistische Propaganda machen würde, scheint indes in der Tat schwer zu glauben. Und selbst wenn sie es wollten, würden es die Veranstalter nicht zulassen. «Über die Hymne und Flagge hinaus ist jede Botschaft hier strikt verboten», sagt Düerkop. «Wir haben kein Interesse daran, politische Spannungen zu erzeugen. Wir zielen vielmehr darauf ab, alle Menschen zusammenzubringen und durch den Fussball zu vereinen.»
Das sei denn auch ausgezeichnet gelungen. «Politische» Aufreger blieben aus. Die Fans hätten sich vorbildlich verhalten, aber «auch abseits des grünen Rasens haben sich die Mannschaften super verstanden, Freundschaften gebildet und sich gegenseitig durchgehend unterstützt». Düerkop wählt grosse Worte, um das zu beschreiben: «Wir haben ein grosses Fussballfestival erlebt, einen Karneval der Kulturen auf und neben dem Rasen, und sind mit Liebe überschüttet worden.»
Ellan Vannin wird ausgeschlossen
Diesem Fazit vermutlich nicht zustimmen werden die Vertreter von Ellan Vannin. Das Team der Isle of Man hatte sich zurückgezogen, nachdem sein Protest gegen einen nachgemeldeten Spieler im Team von Barawa nicht erfolgreich war. Man mag geteilter Meinung sein, ob die Conifa sich selber einen Gefallen tat, dem Team von Barawa eine Nachmeldung für das zweite und dritte Gruppenspiel zu erlauben. Die Umstände bei den Teams, die oft mit Visa-Problemen kämpfen, rufen nach einer pragmatischen Handhabung. Die Fairness gegenüber allen Teams bedarf trotzdem gewisser Regeln. Dass sich der Verband von Ellan Vannin nach einem unliebsamen Entscheid einfach zurückzieht, ist indes sicher die falsche Lösung. Dass die Conifa nun gleich einen Ausschluss Ellan Vannins in die Wege leitet, dürfte aber auch kaum zur Beruhigung und Problemlösung beitragen. Das letzte Wort hat die Generalversammlung aller beteiligten Verbände.
Der Rückzug von Ellan Vannin und der nachfolgende Ausschluss aus der Conifa ist vor allem zu bedauern, weil bei diesem Turnier die sonst so oft missbrauchte Phrase «Dabei sein ist alles» eben für viele tatsächlich zutraf. Um das zu belegen, braucht es nur einen kurzen Blick auf das Team von Matabeleland. Trotz Platz 13 von 16, das Turnier war ein Erfolg. Davon zeugt der Kurzfilm von Joel Rookwood genauso wie dieser Tweet des Trainers Justin Walley.
Packing my things alone in my hotel room in London as the CONIFA World Football Cup ends. Just found myself breaking in to tears at the beauty of all that has gone before these past two weeks. — Justin Walley (@JustinWalley10) June 10, 2018
Packing my things alone in my hotel room in London as the CONIFA World Football Cup ends. Just found myself breaking in to tears at the beauty of all that has gone before these past two weeks.
— Justin Walley (@JustinWalley10) June 10, 2018
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