Gestern ging es um alte Menschen, heute um Babies. Respektive um ihre Mütter und natürlich nicht ausschliesslich, sondern aus meiner persönlichen Programmierungswarte heraus gesprochen. Begonnen hat mein Tag in Solothurn mit «Tutto parla di te», geendet hat er im «Nachtlärm».
Emma kommt nicht zu recht mit ihrem Baby. Sie will wieder sie selber sein und frei. Sie steckt tief in einer postnatalen Depression. Pauline, sechzig, versucht ihr zu helfen – und scheint selber eine persönliche Geschichte einer unglücklich verlaufenen Mutter-Kind-Beziehung mit sich zu tragen.
Die Tessiner Regisseurin Alina Marazzi konnte die Rolle der Pauline in ihrem Mutterschafts-Drama mit Charlotte Rampling besetzen. Eine Garantie und ein Gütesiegel. Aber dieses hält nicht lange.
«Tutto parla di te» ist zu artifiziell geraten, wirkt zu ambitioniert und basiert stark auf Monologen. Darum schafft der Film es nicht, die Figuren wahrhaftig werden zu lassen. Just Pauline und Emma, die Hauptcharaktere, bleiben dem Zuschauer fern. Zu bedeutungsschwanger sind die Blicke, zu luzid die Einflechtungen von Aufnahmen aus den vierziger Jahren als Erinnerungsfetzen, zu grotesk der Einschub einer animierten, grausligen Knetfigurenfamilie, zu stilbrechend die Fotografien, die Menschen in ihrer Bewegung im Raum festhauchen. Es wirkt, als hätte hier jemand geübt und sich nicht entschieden.
Meinem Sitznachbar – diesmal ists nicht Gisler, sondern ein normaler Festivalbesucher – hat der Film gefallen, weil er »besonders realistisch» sei.
Besonders realistisch kam mir an dem Film nur etwas vor, und zwar die Monologe der einzelnen Mütter vor der Kamera. Wie kann man seinen Mitmenschen klar machen, dass es nicht nur Liebe ist, die man für sein Kind empfindet? Diese dokumentarisch wirkenden Einschübe machen den Film partiell stark – immerhin, denn das Thema ist wichtig.
«Tutto parla di te» ist, wie «Rosie», für den Prix de Soleure nominiert, aber Pauline bleibt Fassade. Das dürfte keine Konkurrenz für Rosie sein, auch nicht für Frau Fröhlich oder den «Thorberg» – da wie dort blickt man tiefer in die menschlichen Abgründe.
Der letzte Film meines Filmsamstags war «Nachtlärm», nominiert für den Prix de Public. Gestartet hat der Film von Christoph Schaub («Giulias Verschwinden») nach einer Romanvorlage von Martin Suter auf der Piazza in Locarno und unterhielt nun an diesem bitterkalten – es wurde Gratistee an die draussen Wartenden verteilt – Solothurner Abend die nicht ganz ausverkaufte Reithalle.
Unterhaltungskino mit einem tollen Cast: dem Wiener Charakterkopf Georg Friedrich («Atmen», und grad gestern im Film «Annelie» an den Filmtagen zu sehen) und der Winterthurer Senkrechtstarterin Carol Schuler, die locker als Amy Winehouse durchgehen könnte.
Das Schreibaby Tim zerstört das bisschen Frieden, dass sich das Paar Livia und Marco irgendwie über die letzten acht Jahre Beziehung retten konnte. Aber ein Kind als Kitt hat ja noch nie funktioniert. Das wissen auch die zwei. Schreihals Tim ist das wurscht, er plärrt rücksichtslos die Nacht durch und lässt sich nur von einem beruhigen: dem Motorengeräusch des VW Golf. Auf einer nächtlichen Beruhigungsfahrt aber wird dem Paar das Auto samt Kind gestohlen …
Wo «Tutto parla di te» die Erzählkunst fehlt, mangelt es «Nachtlärm» an Tiefgang. Marazzi und Schaub sollten sich zusammen tun – das wäre vielversprechend und könnte ein solch radikales Werk zu Tage fördern, das die Solothurner Filmtage in ihren thematischen Fokus gerückt haben. (In einem Film-Bulletin meint Tagi-Filmkritiker Fabian Keller, das radikalste Schweizer Werk der letzten Jahre sei Peter Liechtis «Sounds of Insects» gewesen. Liechti ist übrigens mit seinem neusten Werk «Father’s Garden» an der Berlinale Ende der kommenden Woche zu Gast). Unter den bisher gezeigten Prix de Soleure-Nominationen mangelt es daran noch. Aber wer weiss. Es bleibt mir noch der Sonntag.
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Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
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