Kategorie
Autor:innen
Jahr

Jack und die Bohnenranke

Sie umfasst 12‘000 Jahre Menschheitsgeschichte, erzählt von biologischen Pflanzenzüchtern und prangert Agrochemiekonzerne an: In der Orangerie des Botanischen Gartens St.Gallen zeigt Public Eye eine Ausstellung über Licht und Schatten der Saatgutproduktion.
Von  Wolfgang Steiger

Gut hundert Besucher hörten sich am Mittwochabend die Eröffnungsreden an, lauschten den Akkordeonklängen, nahmen an Kurzführungen teil und unterhielten sich beim Apero angeregt. Die Ostschweizer Regionalgruppe von Public Eye (ehemals Erklärung von Bern) hatte zusammen mit dem Botanischen Garten zur Vernissage der Saatgut-Ausstellung eingeladen.

Die Idylle täuschte jedoch nicht über den Ernst des Themas der Ausstellung hinweg. Ein Begleittext  zitiert Jean Ziegler: Täglich sterben 57‘000 Menschen an Hunger, eine Milliarde ist schwer unterernährt, und das auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt. Aber Ziegler sagt auch, dass man nicht nur zornig über die ungerechte Verteilung des Reichtums sein soll, sondern auch glücklich geniessen soll, damit man klar denken und wirksam kämpfen kann.

Vielfältig und vielschichtig

Mitten in der Halle der Orangerie schwebt eine Erdkugel, ein blauer Planet mit Wolken in der Atmosphäre. In einem ausgeklügelten Evaluationsverfahren fand die St.Galler Ausstellungsgruppe in Shanghai in China eine Hüpfburgenfabrik, der sie den Auftrag erteilte. Diese machte zwar nicht das billigste Angebot für den aufblasbaren Globus, aber sie konnte mit einer Dokumentation faire Anstellungsbedingungen ihrer Angestellten belegen.

Professionelle Ausstellungsmacher würden wohl kaum so vorgehen, die Public Eye-Gruppe ist aber aus ethischen Grundsätzen dazu verpflichtet. In Sachen Ausstellungsgestaltung besteht sie aus lauter Laien, einzig für die Übermittlung der Texte an die Schrifttafelfirma half den Aktivisten eine Grafikerin.

Die generationenübergreifende Gruppe leistete unzählige Stunden Freiwilligenarbeit. Während den zwei Jahren Vorbereitungszeit zimmerte ein Rentner aus Goldach Ruhebänke für die Besucher; jemand entwickelte ein Schachspiel, in dem nicht die Bauern die Verlierer sind; eine über 80-jährige ehemalige Gärtnerin interviewte Fachleute zum Thema Saatgut; eine Homepage entstand.

Bis zum 8.Oktober 2017, täglich offen von 8-17 Uhr
Sonntag, 28. Mai 2017 Gartenfest 10-17 Uhr

Diverse weitere Veranstaltungen bis Oktober
saatgutausstellung.ch

Die Ausstellung kann auf  verschiedenen Ebenen aufgenommen werden, unterhaltsam und informativ ist sie auf jeden Fall. Da sind 12‘000 Jahre Sesshaftigkeit der Menschheit auf fünf Metern komprimiert. Ein Baum, an dem lauter falsche Banknoten (Blüten!) hängen, lässt über die Essbarkeit von Geld nachdenken. Für Kinder gibt es eine Märchenhöhle in einer riesigen Bohnenranke, die sogar die Hallendecke durchstösst.

Hier drin können die Kleinen das Märchen von Jack und der Bohnenranke hören. In der Geschichte ist die Zwiespältigkeit des Helden auffällig, schliesslich ist es Jack, der im Land oben an der Bohnenranke den Riesen beraubt und zuletzt auch noch tötet. Offensichtlich geht es in diesem Märchen genau um die Ambivalenz des Menschen dem Saatgut – der Zauberbohne – gegenüber, die das Ausstellungsthema schlechthin ist.

Aktiv weiter leben lassen

Wer sich tiefer mit dem Thema Saatgut befassen möchte, findet einen reichen Büchertisch vor. Begleittexte vermitteln Informationen zum Beispiel über die Saatgutindustrie, die gleichzeitig auch Pestizide liefert, und mit Hybridpflanzen die Bauern weltweit in die Abhängigkeit von Multis wie Syngenta und Monsanto und Konsorten zwingen.

Ein ausführliches Porträt ist der Firma Zollinger Bio-Samen in Les Evouettes im Unterwallis gewidmet. Dieser Schweizer Samenzüchter-Pionierbetrieb wird heute als Familienbetrieb mit 15 Mitarbeitern in zweiter Generation von Tulipan, Tizian und Til Zollinger geleitet. Die Gebrüder sind überzeugt, dass es nicht ausreicht, Sorten in einer Genbank tiefzugefrieren, wie das als internationales Projekt im Permafrost auf Spitzbergen passiert. Veränderungen wie der Klimawandel schaffen neue Bedingungen, auf die die Pflanzen reagieren, sich weiter entwickeln und anpassen sollen. Statt Samen  einzufrieren, ist es besser, die Pflanzen aktiv weiterleben zu lassen. Im Übrigen empfehlen die Zollingers, auch im kleinen Hobbygarten einige Pflanzen stehen zu lassen und im Folgejahr die Samen für den Eigengebrauch ernten.

Das Thema Saatgut von Nutzpflanzen bleibt an der Ausstellung nicht nur rein theoretisch abgehandelt, deshalb gehören im Botanischen Garten auch Pflanzungen im Freien von Mais, Bohnen, verschiedenen Gemüse- und Salatsorten dazu. Hand anlegen und sich informieren kann man diesen Sonntag beim Gartenfest; unter anderem gibt es eine Samenbörse und Referate zu den Themen «Pflanzenzüchtung am Beispiel Ribelmais», «Pflanzen auf unserem Teller» und «Das Saatgut im Spannungsfeld der Interessen».

Die geglückte Kooperation mit dem Botanischen Garten macht den Anspruch von Public Eye, in der demokratischen Gesellschaftsordnung Verantwortung für ethisches Handeln einzufordern, wörtlich genommen fruchtbar.

Gruppenbild kurz vor der Eröffnung: die Ausstellungsmacherinnen und -macher von Public Eye. (Bilder: pd)

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess