Endlich war mein letzter Monat in der Gallenstadt angebrochen, wie die meisten meiner Monate ein Januar, auf dem Fensterbord gruppierte ich noch einmal die Gesellen meiner Inspiration, die Kreuzbleiche verhiess gleissendes Langlaufglück, aber draussen kämpften Tauwetter und Eisregen um die Vorherrschaft, das Tief Gertrud, vom Atlantik her kommend, drohte zu gewinnen. Ich sinnierte bei aufgetautem Magenbrot und Spitfire-Bier, zündete die lang gehortete Kerze meiner alten Siedlung am Grossen Pfahlbauersee an und bemühte mich, Braunauges eindringlicher Bitte nachzukommen, nicht mehr das Schlechte (Leinöl, Rapshonig, Gitarrensoli, Thujahecken, Gesichtsmetall und so weiter) zu beklagen, sondern nur mehr positive Wellen zu empfangen, zum Beispiel in Form von Sternschnuppen oder Gerstensuppen, wie sie in der Rumpelbar in der nahen Stadtschlucht serviert wurden. Was mir nicht recht gelingen wollte, weil ständig Dachlawinen herunterdonnerten und ich grundlos dem Dachs, der so zutraulich um mein Haus geschlichen war, aber dann nie mehr aufkreuzte, nachtrauerte. Vielleicht wäre ich besser in der Baracke geblieben, Geheimnische seit dem Zuzug vor 24 Jahren, befremdlicher Ort, wo verlässlich abgenudelte Schlager wie I’m Still Standing oder Take On Me liefen, aber genau drum günstig zum incognito frei denken.
Was erzähl ich da, ich wollte von der Abdankung berichten, die bigoscht nicht nach meinem Gusto war. Aber hey, wenn du solche Freunde hast, brauchst du keine Feinde mehr. Der ausgelutschte Spruch schien sich an jenem Sonntag zu bewahrheiten, als mich Sumpfbiber und Harry Grimm mittags abholten. «Tschau Tscharlie: Altherrenmetzgete» hatten sie auf die Einladung geschrieben und mich in einen Hinterhalt gelockt. Kaum eingestiegen in den alten Döschwo, stülpten sie mir einen Eselskartonkopf über und liessen mich auf der kurvenreichen Fahrt im Dunkeln, bis die Festhütte erreicht war: ein Säli einer lottrigen Quartierbeiz, und erst noch im Hauptort des Streusiedlungskantons, wo der schlechteste Bundesrat aller Zeiten hauste (Schlebaz alias Finanzplatzquasimodo). Alles andere als mein natürliches Habitat, aber immerhin, die Tafelrunde war erfreulich, fast alle waren sie gekommen, Schmalhans, Löwenherz, Rotbacke, Grügür, Melchior, Onkel Oskar und Vetter Uglumpf, Fränzi, Gisela, sogar die Baronin und einige mehr. Und als Harry mit der ganzen Runde You Are My Sunshine anstimmte und hernach DJ Gallenblase den Len Ganley Stance auflegte, konnte ich nicht anders, als mich mit breitem Grinsen der schiefen Festanlage zu ergeben.
Das Menü war tatsächlich eine währschafte Metzgete, Grügür hatte seine Tafel aufgestellt («Vegetarier ist ein altes indianisches Wort für schlechter Jäger») und Löwenherz bestellte fröhlich, was andere erschaudern liess: Blutwurst, Kesselfleisch (Laffe, Speck) und Gschtell (Lunge, Herz, Milz). Ich winkte, noch nie der mutigste Esser, dankend ab und hielt mich ans Metzgerkotelett mit Rösti, derweil Sumpfbibers grosse Tischrede begann, die zunächst dem FC Raucher galt, aber weniger meine legendären 40-Meter-Flanken pries als vielmehr den neuen Sportchef des Gallenclubs, der einst mehrere Gastspiele bei uns gegeben hatte, und die dann irgendwann in einer Art Abdankung gipfelte, von der mir, benebelt von einigen «Getränke-Hits» (Williams mit Bitter Lemon) nur der Schluss geblieben ist: Charlie, bei allem Respekt, du hast dein Verfalldatum um Jahre überschritten. Es ist höchste Zeit, dass du Ruhe gibst. Weil du es selber nicht gemerkt hast, müssen wir dich aus dem Verkehr ziehen. Schluss, Amen, Aus. Du hast uns 23 Jahre lang zum Narren gehalten und unsere sowie die Namen vieler ehrbarer Bürger durch den Sumpf gezogen. Finito, es ist jetzt gut und nur zu deinem Besten. Und so weiter.
Am Ende lag die Dankesrede an mir. Viel fiel mir nicht ein, nur dass ich jüngst oft zu spät gekommen war und allein im Herbst zehnmal den Bus an meiner Hangstation verpasst hatte, wobei der aber auch öfters just die eine Minute zu früh fuhr. Die Gallenstadt will vorwärtskommen, jaja, sie schafft jetzt wie verrückt Begegnungszonen, Blumentröge, Tafeln und alle zehn Meter ein Notknopf, falls sich jemand begegnungsunfähig oder sonstwie unwohl fühlt, lange wird es nicht mehr dauern, bis man verzweifelt die wenigen Stellen sucht, wo die Stadt noch Stadt und nicht zur Begegnungszone verdammt ist. Ich wollte nicht abschweifen – natürlich bedankte ich mich herzlich und gab allen ein prächtiges englisches Sprichwort auf den Weg: Jede Eiche war einmal eine Eichel. In der Hoffnung auf allseits gutes Gedeihen in der Ostrandzone und dass noch der letzte Dickmaulrüssler etwas Höheres anstrebe im Leben. Das war’s. Dankedanke, tschautschau.
Charles Pfahlbauer jr.
Zuguterallerletzt noch dies: Beileidsbekundungen, Jubelschreie und Protestnoten bitte an redaktion@saiten.ch, Vermerk «Endlich Byebye Pfahlbauer». Unter den Einsendungen werden folgende Preise verlost, ernsthaft: Sommerznacht mit Charles Pfahlbauer jr. himself im Jägerhaus Altenrhein, muss nicht, aber kann auch Kormoran oder Wels sein. Eine Best-of-CD von Charlies Favorit John Cooper Clarke inklusive Braunauge-Hommage I Married A Monster From Outer Space, die CD Todesmelodien vom geschätzten Pfarrerssohn Andreas Dorau, Martin Büssers famoses Buch Antifolk (von Beck bis Adam Green), eine Flasche Moscato-Grappa vom Langen See, eine verstrupfte Avocadopflanze und noch zwei, drei Kuriositäten aus dem Pfahlbauer-Universum dazu. Da habt ihr das Geschenk!
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
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