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Leben, wo nichts anderes mehr leben kann.

Charles Pfahlbauer jr. über Kolumbiens Errungenschaften, die freundliche Quaggamuschel, uralte Wasserleichen und die Ängste seines Kumpans Sumpfbiber.
Von  Charles Pfahlbauer jr.
Diesem putzigen Gesellen werden wir alle noch dankbar sein: der Schlammröhrenwurm.

In den anstrengenden Tagen, als die sommerliche Hysterie garament die Ostrandzone erfasst hatte, als die grosse erhitzte Welt von Fussball und die kleine Gallenstadt von zwangsbeglückten Festkindern, schwammigen freisinnigen Stadtpräsidiumskandidaten und aufgeregt wieselnden Kulturpreisträgern geflutet wurde, in jenen Tagen hatte ich nur eins im Sinn: einen abendlichen Schwumm im Grossen Pfahlbauersee, träges Treiben im wasserbauchigen Nichts, kein Gedanke an nichts und niemanden. Endlich Ruhe. Zugegeben, ich hatte mich teilweise auch ereifert über den einen oder andern Spielzug und manche Nomination oder Nichteinwechslung, doch jetzt: Nur noch reinplumpsen und alles vergessen. Nicht mehr ins Schwitzen kommen und mit niemandem etwas müssen. Schon gar nicht mit Sumpfbiber, aber genau der stand jetzt vor meiner Tür, als ich mit Badehose, Buch und Bier schon im Hauseingang stand.

Sumpfbiber machte so ein Gesicht, das ich seit ewigs kannte. Es sagte: Jede Pore ein Ärger, jeder Nerv ein Alarm. Natürlich wusste ich blitzartig, dass es kein Entkommen geben würde, nichts mit entspanntem Schwumm, die alte Freundschaft forderte ihren Preis. Sumpfbiber! Ich hatte ihn lange nicht gesehen und gehört, zuletzt hiess es, er sei für eine längere Kur im Bregenzerwald verschwunden, das Übergewicht und die Nerven, dazu die Kettenraucherei, die er sich zum Trotz noch verstärkt auf die Lungen geschrieben hatte. Die Kur hatte ihm offensichtlich gar nicht gut getan, vermutlich hatte er dort zu viel Zeit mit sich und den toten Winkeln des Bregenzerwaldes gehabt und war einmal mehr am Punkt, wo er alles glaubte, was er dachte. 95 Kilo Alarmismus.

Mit Wasser musste man ihm gar nicht kommen, aber das hatte ich im sehnsüchtigen Schwumm-Moment vergessen, als ich ihm von meinem Abendplan erzählte. In den See, wie in den See, geiferte er, spinnst du total? Ich erinnerte mich: Sumpfbiber war der einzige Mensch, den ich kannte, der noch nie einen Fisch oder überhaupt ein Wassergetier gegessen hatte und der überzeugt war, dass auch im Grossen Pfahlbauersee Quallen, Monsterfische und andere tödliche Gefahren lauern würden, ganz zu schweigen von den Toten auf dem Seegrund, Schiffsunglückstote, Flugzeugabsturztote, Schwimm- und Tauchtote, Eislochtote, Selbstertränkttote und so weiter, Hunderte Wasserleichen aus vielen Jahrhunderten. Was immer in den Tiefen des Sees gefunden wurde, war giftiges Wasser auf seine Gefahrenmühle: Seine neueste Beunruhigung galt einer fürchterlichen Kreatur namens Schlammröhrenwurm und einer Muschel namens Quagga, die entgegen ihres Namens gar nicht lustig war, wie er atemlos betonte. Kommt aus dem Schwarzmeer, breitet sich rasend aus, wächst an unseren Trinkwassersaugrohren und verstopft sie, bis wir nichts mehr zu trinken haben! Er vermutete eine Verschwörung, angezettelt von bösen Türken im Verbund mit den Sumpfköpfen im Chancental, die doch nimmer Seewasser saufen wollten und mit diesem üblen Muscheltrick nur ihr Flussgrundwasser besser verkaufen wollten.

Klingt nicht gut, aber nicht gefährlich, da gäbe es doch sicher Mittel, dachte ich. Eher nicht mein Fachgebiet, aber ich tat, was ich konnte, um ihn zu beruhigen. Quaggalalapp! Sind doch beides Winzlinge, und ihre Namen wirklich lustig, die Quaggamuschel wird uns noch gute Dienste erweisen, wirst sehen, als Wasserbaugehilfe, wenn mal etwas verstopft werden muss, zum Stauen oder so, und die Seevögel haben doch nie genug Nahrung. Wenig originell, ich weiss, aber ich war müde, und vor allem sumpfbiberärgermüde. Aber ich bemühte ich weiter. Der Schlammröhrenwurm sei, soweit mir bekannt, ein guter Geselle, der als Putzteufel im schlechten Wasser des Bodenschlamms fresse, was noch fressbar sei und damit unsere Gewässer reinigen helfe. Und vor allem sei er ein typischer Ostrandzonenbewohner, sagte ich, im Grunde ein Wesensverwandter und wahrer Freund. Der alte Sumpfalarmist kam nun langsam zur Ruhe, fast andächtig hörte er meiner kleinen Vorlesung zu: «Der Schlammröhrenwurm lebt dort, wo nichts anderes mehr leben kann. Er steckt mit dem Kopf voran im Schlamm und bewegt den Schwanz, um Sauerstoff zu bekommen…» Siehst du, der ist doch, ob ursprünglich Schwarzmeerheini oder gar Fernostasiate oder sonst was Fremdes, der ist doch wir, und die Quaggamuschel wird sicher auch bald freundlicher …

Draussen hing jetzt ein kitschiger Gipfelimond über dem Fürstenland, und Sumpfbiber, der noch vor einer Stunde hochrotköpfig überdruckluftausstossend schnaubend unterwegs war, atmete leicht und gelöst. Wir stellten den Fernseher ein und schauten irgendein Spiel, ich glaube es war, komplett aussereuropäisch, Japan gegen Kolumbien mit der ersten roten Karte, passte prima. Derweil holte ich ein paar Muscheln aus dem Gefrierfach und machte heimlich eine Pasta parat. Ich reichte ihm meine Büchse mit dem Greifenseegras von Bruder Hanspaul, und wir hörten ein paar Mal das neue Album unserer alten Lieblingsband aus Liverpool, pardon Birkenhead, bald fanden wir ganz ohne Hintergedanken ein gemeinsames Lieblingslied: «Was Kolumbien berühmt gemacht hat, hat aus dir einen Volltrottel gemacht.» Am nächsten Tag schwamm ich weit draussen im Pfahlsee und fragte mich, was wohl aus den Monsterwelsen geworden war, jenen Zweimetermonstern, die vor einigen Sommern den Alten Rhein und die Baggerseen im Chancental so schön geleert hatten. Alles war ruhig.

Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.

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