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Kafka ist Deephouse-DJ im Iran

Der schöne Dokumentarfilm «Raving Iran» der Regisseurin Susanne Regina Meures zeigt die Geschichte zweier DJ's aus Teherans Underground und deren Spiessrutenlauf durch Institutionen der islamischen Republik.
Von  Michael Felix Grieder , 
«Ich krieg eine Herzattacke, wenn das klappt!»: Anoosh und Arash mit erfreulicher Nachricht aus Zürich.

Eine Soundanlage in der Wüste unter dem Vollmond mit guten Leuten und geile Mucke bis die Sonne aufgeht: Kann man sich eine perfektere Party vorstellen? Doch hat die Sache einen Haken. Anoosh und Arash, die beiden DJ’s, setzen sich mit solchen Happenings, wie alle, die zu ihrem Sound die Nacht durchtanzen, einem erheblichen Risiko aus. Kameltreiber könnten etwas hören und sie bei der Sittenpolizei verraten, die ravenden Frauen sollten für solche ungewollten Zwischenfälle Kopftücher und Mäntel griffbereit halten.

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Die Saalmiete fällt in der Wüste weg, ohne Bestechung wirds aber gefährlich.

So vieles, was die beiden Underground-DJ’s laut geltendem iranischen Recht falsch machen: Der Bandname ist englisch (Blade & Beard), damit sowieso zu westlich, und das namengebende Rasiermesser könnte die bärtigen Männer auf der Behörde in ihren Gefühlen verletzen. Eine Frontsängerin hätten alle gern, kommt aber kategorisch nicht in Frage. Ihr Sound ist auch nicht gerade das Ding der Sittenwache, einzig klassisches Klavier und traditionelle Musik könnte bewilligt werden. «Wenn wir weiter solche Fragen stellen, werden wir noch verhaftet», so Arash, worauf die beiden das Amt wieder verlassen und darauf verzichten, eine bewilligte, legale Band zu sein.

«Die Post wird mit hoher Wahrscheinlichkeit geöffnet».

«Die Post wird mit hoher Wahrscheinlichkeit geöffnet».

Damit geht das Theater erst los. Eine Druckerei müsste gefunden werden, welche das Albumcover druckt, Musikläden, die das Album verkaufen, Bars, welche die Scheibe auflegen, wobei all das ohne Bewilligung nahezu unmöglich ist. Zwischendurch übernachtet Anoosh im Knast, weil die Polizei auf einer Party unverhofft die Hauptrolle zu tanzen beliebte. «Hat sich denn nichts geändert seit Rohani?», fragen sich die beiden immer wieder, und es ist ziemlich deutlich: für House-DJ’s – nicht wirklich.

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Noch immer nichts Neues unter Rohani?

Die beiden beginnen ihre Alben an Festivals wie die Streetparade oder das Burningman zu verschicken, was kein einfaches Unternehmen ist, da die unbewilligte CD von der Behörde entdeckt werden könnte. Bilder von hunderttausenden Tanzenden um die Quaibrücke auf der grössten Technoparty der Welt in Zürich – aus Anoosh und Arash’s Perspektive eine unglaubliche Sache, da wohl das radikalste Gegenteil von den Versteckspielen im Underground. Und sie haben Glück: Die Lethargy in der roten Fabrik meldet sich bei ihnen und lädt sie ein.

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Chills mal.

Der Kafka ist damit nicht zu Ende, auch nur schon fünftägige Visa sind eine halbe Doktorarbeit, Interviews auf der Schweizer Botschaft und Dokumente werden verlangt, welche House-DJ’s in Teheran nicht zwingend haben (Arbeitsbestätigung etc.). Zu viele Leute in der Schweiz mögen keine Ausländer, lernen die beiden im Internet, die «Masseneinwanderungs-»Initiative wurde gerade von 50.3% der Stimmbevölkerung angenommen. Aber ein erstes Mal in Europa auftreten! Alles andere kann warten bis «morgen», so zumindest Arash’s Einstellung. Aber mit dem Gedanken, nicht wieder in den Iran zurückzukehren, spielen beide.

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Ein fucking Drogencheck! Keine Sittenpolizei!

Nach der grossen Party folgen schwierige Diskussionen im Hotel: Arash vermisst die Heimat und telefoniert ständig mit Teheran, «so wirst du dich nie lösen können» sinniert Anoosh auf dem Balkon der Pension Kafi für dich, während dieser mit der Mutter spricht. Die isst gerade Baumnüsse, so ihre Erklärung auf Arashs Frage, «diese gibt’s hier nicht» vermutet er wiederum. «Warum reist du auch in diese Scheissländer?» lacht die Heimat ins Telefon. Die Eltern empfehlen den beiden aber, nicht zurück zu kommen, sie sollen ihr Leben leben, schliesslich hätten sie «damals auch gehen sollen», und nun sind sie 40 Jahre später immer noch da.

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Anoosh und Arash, im absolut richtigen Film.

Die DJ’s packen, verabschieden sich glücklich von den Wirten, und machen sich auf den Heimweg. Sie entscheiden sich aber anders. Das Taxi soll anhalten, because: «we don’t want to go to the airport anymore». Zukunft ungewiss, doch ohne die iranische Sittenpolizei. Mit dem daraus folgenden Asylverfahren beginnt, da wo der Film endet, der ganz grosse Kafka.

Inzwischen leben die DJ’s, nachdem sie zwei Jahre in einer abgelegenen bündnerischen Asylunterkunft leben mussten, wieder näher am Geschehen. Sie geben international Konzerte und haben laut einem Selfie sogar mal Sven Väth kennengelernt.

 

Raving Iran der Zhdk-Absolventin Susanne Regina Meures ist zu sehen im Kinok, Vorarlbergpremière feiert der Film am Dienstag im Conrad Sohm, um 21:30, ab 23 Uhr mit Aftershowparty, unter anderem mit den beiden Hauptakteuren Anoosh und Arash.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter