Kategorie
Autor:innen
Jahr

Keine zwinkert so vielsagend wie ich

Wie schaffe ich es, würdevoll alt zu werden? Autor Frédéric Zwicker, der sich in seinem Debütroman «Hier können Sie im Kreis gehen» mit Demenz befasst, suchte für Radio SRF nach einer Antwort – in Form einer Kurzgeschichte.
Von  Frédéric Zwicker
Frédéric Zwicker bringt seine Band mit zur Wortschaukel.

Einstieg

Schwarz oder weiss. Links oder rechts. Ja oder nein. Wer wüsste mehr darüber zu erzählen als ich?

Zwischenstufen gebe es, wird gemahnt. Bloss: Mir sind die Zwischenstufen eingestürzt.

Frau Koružnjak habe ich vorher ein Ja geantwortet. Heute hätte aber selbst die böse Frau Stoss ein Ja gekriegt, einerseits, weil es gilt, einen Schein zu wahren, andererseits, weil ich beschwingt bin, denn heute ist es Zeit. Aber bei Frau Koružnjak erfasst mich auch an Neintagen ein kurzes, warmes Jagefühl, wenn ich erst ihr musikalisches Klopfen höre, ihr helles, flinkes, rhythmisches Tak Tak Tak, mit dem Zeigefinger der schlanken rechten Hand getrommelt, wonach sich auf ein Ja oder Stille die Tür öffnet – ein Nein respektiert sie stets – und sie eintritt mit einem Gesichtsausdruck, der sich anfühlt wie die Zunge der Rehmutter fürs krüpplig geborene Rehkitz. Ich glaube, in 72 Jahren habe ich keinen Menschen mit so aufrichtig liebevoller Anteilnahme angeschaut wie es Frau Koružnjak tut. In Zeiten wenn die Neintage zu Neinwochen werden, umspielt die ängstliche Vorahnung ihre Augen, meine Antwort auf ihr sanftes «Wie geht es Ihnen?» könnte Nein lauten. Und wenn mir nichts anderes übrig bleibt, als ihr ein Nein zu geben, bricht mir jedes Mal das Herz.

Wo soll ich sonst hin? Ich bin das Küken, viele hier könnten Mutter oder Vater sein. Aber wohin mit einer wie mir, wenn nicht ins Heim?

Ja und nein. In diese zwei Partikel muss fliessen, was ich denke, fühle, spüre, will. Sie übersetzen mein Innenleben so gut es eben geht. Es gibt dieses Spiel. Man muss dabei erraten, welche Persönlichkeit auf dem Zettel steht, der an der Stirn klebt. Die Mitspieler dürfen Fragen nur mit Ja oder Nein beantworten. Ein lustiges Spiel. Aber wie jedes Spiel verliert es jeden Reiz, wenn man es zu oft spielt. Spätestens wenn man es täglich spielt.

Die Sendung von SRF-Hörpunkt zum Nachhören: hier, samt Gespräch mit dem Autor.

Ja und Nein sind die zwei Worte, die mir nach dem zweiten Hirnschlag vor drei Jahren geblieben sind. Mein Ja ist aber ebensowenig einfach ein Ja wie mein Nein nur ein Nein ist. Es gibt kaum einen Menschen, der variantenreicher Ja und Nein sagen kann als ich. Und doch sind die Möglichkeiten auch für eine Ja-Nein-Meisterin wie mich bald ausgeschöpft.

Doch es ist nur halb so wild, denn es assistieren zu klarerer Artikulation ein gekonnt sich verziehendes halbes Gesicht sowie ein virtuos gestikulierender linker Arm. Keine zwinkert so vielsagend wie ich. Links, versteht sich; das rechte Auge bleibt stets wachsam geöffnet und wird regelmässig mit salzigen Tropfen gepflegt, damit es nicht austrocknet. Nur wenn ich schlafen will, schliesse ich es mit der linken Hand. Gerade so, wie man es bei Toten tut.

Mit dem linken Bein spreche ich nicht. Es dient bloss der Fortbewegung des Rollstuhls und ähnlich Pragmatischem. Links und rechts. Die Hälfte ist mir abhanden gekommen. Was rechts der Wirbelsäule liegt ist lahm und unnütz.

Seit drei Jahren bin ich hier. Nach dem ersten Hirnschlag sass ich im Rollstuhl, aber mir blieb die Sprache, auch wenn ich mich nur nuschelnd jenen verständlich machen konnte, die sich die Zeit nahmen, mein Nuscheln verstehen zu lernen. Frau Koružnjak verstand mich schnell am besten. Den anderen fiel es leichter, als ich mit der Logopädin Fortschritte machte.

Rückblick

Manche sind nah am Wasser gebaut, andere sind sonnige Gemüter. Ich war noch als junge Frau sehr ängstlich. Wo Freundinnen reitende Prinzen und Kinderglück sahen, erkannte ich Vorzeichen lauernder Verzweiflung. Erst als ich zu alt zum Heiraten war und keine Gefahr mehr drohte, ein Mann könnte in diesbezüglicher Absicht hinter mir her sein, fing ich an, mich ganz behaglich in meinem Leben einzunisten. Ich blieb allein, erwartete nicht viel, kriegte das meistens und war recht zufrieden. Nicht glücklich. Aber wer braucht Glück, wenn er zufrieden ist?

Ich habe keine Angehörigen. Weder solche, die mich aus Zuneigung noch andere, die mich aus Pflichtgefühl besuchen könnten. Anfangs kamen hie und da ehemalige Kolleginnen oder die Nachbarin. Doch diese vereinzelten Tropfen meines früheren Lebens sind längst versiegt. Die Narbe ist ein sichtbares Stigma, es zeichnet die gescheiterte Selbstmörderin aber auch ein metaphysisches, das noch verstörender wirkt. Da braucht es schon gute Gründe, nicht fernzubleiben.

Ausstieg

«Jaaa», habe ich zu Frau Koružnjak gesagt und schief gelächelt. Nicht «jaaaa!». Das hätte vielleicht verdächtig gewirkt. «Jaaa», und ihr dabei die Hand gedrückt und über ihren Arm gestreichelt. Ein bisschen zu lang in die Augen geschaut habe ich ihr. Aber ich konnte nicht anders.

Mehr zu Frédéric Zwickers Debut Hier können Sie im Kreis gehen: hier.

Die rheumakranken Finger der linken Hand scheinen einem Flinkhändigen nicht mehr viel zu taugen, aber mir taugen sie noch, um zitternd und träge sich spreizend zwei statt nur eine blutverdünnende Schmerztablette zu verlangen, um eine CD einzulegen und Play zu drücken oder um mir die Pulsader am rechten Arm aufzuschlitzen. Dvořáks Requiem.

Positiv denken. Phasenweise hat es geklappt. Schwarz und weiss. Das Weiss hat sich nach jeder Schwarzphase verdunkelt. Alles tendierte gegen schwarz. Alles tendierte gegen Nein. Natürlich könnte es schlimmer sein. Da haben sie recht. Dass es anderen noch dreckiger geht, versetzt mich aber in kein Hochgefühl.

Ich habe Rosen und Wasser auf den Boden geschüttet, die gläserne Blumenvase in die Bettdecke gewickelt und mit dem tüchtigen linken Fuss zerstampft. Ich habe mich mühsam über die Stuhllehne hinunter gebückt und eine lange, dünne Scherbe ausgesucht. Ich habe im Bad das Lavabo mit Wasser gefüllt. Ich habe meinen lahmen rechten Arm mit der linken Hand ins Wasser gehievt. Jetzt ist es Zeit für den zweiten Versuch, Zeit, alte Narben aufzureissen. Ich spüre keinen Schmerz und schliesse mit der linken Hand mein rechtes Auge. «Dies irae, dies illa», singt der Chor. Tag der Rache, Tag der Sünden.

Schluss

Ich bin im Spital erwacht, und dass ich es wieder tun werde, weiss ich, weil die Gewissheit über mein erneutes Versagen schwerer zu ertragen ist als Frau Koružnjaks Blick, als sie mich vorher besucht hat.

Mehr zum Thema Tod & Sterben im Aprilheft von Saiten.

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2