Silbûs û Tarî: Die Namen von zwei Bergen in Ostanatolien stehen auch für eine Familienband, die in St.Gallen heimisch und in der kurdischen Diaspora populär ist. Musa Dogan, der Vater, kam 1985 in die Schweiz, die Kinder sind hier aufgewachsen: Gülden, Gülsefa, Anter und Sema Dogan. Ihren Stil nennen sie Ethno-Pop, was nicht allen Traditionalisten passt. Denn Silbûs û Tarî hat sich vom Postkarten-Kurdistan von Beginn weg distanziert. Früher trat die Band konsequent mit modischen Hüten auf, der Sound ist so westlich wie die Lebensart der Dogans, und die Texte haben politischen Zündstoff.
Ausführlicheres dazu im Septemberheft von Saiten – hier drei Fragen an Gülsefa Dogan, die Leadsängerin.
Kurdistan und die Schweiz sind für Sie vermutlich zwei gegensätzliche Welten. Wie erleben Sie diese doppelte Identität?
Gülsefa Dogan: Kurdistan und die Schweiz sind in der Tat ganz unterschiedliche Welten. Hier geboren zu sein, hat grosse Vorteile geboten; ich bin mit der schweizerischen Kultur von Anfang an konfrontiert worden, sie war mein Alltag, keine fremde Welt. Zuhause sprechen wir zwar kurdisch, sehen uns kurdische Nachrichten an und essen gelegentlich kurdische Küche, doch der bewusste Bezug zu meinen Wurzeln ergab sich erst nach und nach; mit einem kurdischen Lied, das ich lernte, mit den Reisen in die Heimat oder der distanzierten, teils vielleicht auch beleidigenden Haltung von Mitmenschen.
Zum einen spürte ich, dass ich hier nicht dazugehören kann, manchmal aber wollte ich nicht dazugehören. Je länger und genauer ich mich mit Kurdistan auseinandersetzte, desto einfacher fiel es mir dann, hier daheim zu sein. Die Konfrontation mit der Lage in meiner ersten Heimat gab mir das Gefühl, dass ich sie in mir trage, dass sie mir nicht gleichgültig ist.
Was für eine Rolle spielt dabei die Musik? Die Musik war und ist für mich, nebst den Reisen dahin, das Fenster in 3500 km Entfernung, und sie gibt mir Halt. Auch ohne Musik hätte ich mich in die schweizerische Kultur integriert, aber durch die Musik konnte ich auch meine Wurzeln aktiv wahren. Ich fühle mich wie ein Baum, dessen Wurzeln fest verankert sind in meiner ersten Heimat, und der Äste trägt, die sich in der zweiten Heimat immer weiter ausbreiten.
Sie singen kritische, politische Lieder. Wird die Botschaft gehört?
Vom positiven Effekt der Musik bin ich überzeugt! Musik kann viele Themen ansprechen, die in der Politik umgangen werden, mit der Musik erreicht man gewaltlos andersdenkende Menschen. Gut formulierte Texte, mit wenig oder keinen Slogans, und einer entsprechend offenen Haltung des Künstlers können den Zugang zu einer heiklen Problematik öffnen. Silbûs û Tarî singen ganz bewusst auch in anderen Sprachen. Englisch als Weltsprache steht dabei im Vordergrund, für uns war es aber auch fundamental, türkisch zu singen.
Der Konflikt bezieht sich für uns nicht auf die Türken und ihre Sprache, sondern auf die Missstände in der Türkei dem kurdischen Volke gegenüber. Wir erreichen mit unserer Botschaft nicht jeden Türkischstämmigen, aber wir freuen uns über kulturell und religiös andersdenkende Menschen, die wir kennenlernen. Bei solchen persönlichen Begegnungen fällt mir immer wieder auf, dass die Politik im Hintergrund steht.
Silbûs û Tarî spielen am Solifest des Solidaritätshauses St.Gallen: Samstag, 3. September ab 11 Uhr
Dieser Beitrag und ein Porträt von Silbûs û Tarî erschienen im Septemberheft von Saiten.
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