Das Phänomen der Musik sei nichts anderes als ein Phänomen der Spekulation, schreibt Igor Strawinsky in seiner Musikalischen Poetik. In diesem Sinn gebe es nichts, was uns erschrecken müsse.
Was ist also von einem Ensemble zu erwarten, dass sich soyuz21 nennt und mit einem neuen Konzertprojekt De Natura Sonorum 2.0 auftritt? Live-Elektronik, die Erforschung der Möglichkeiten der Steuerung von Dynamik und Klang, das jedenfalls und mehr. Schon die Klassiker der Avantgarde haben gelegentlich ihre Werke ins Elektronische erweitert, doch hat sich längst und vor allem durch die neuen, sich überschlagenden Möglichkeiten der Digitalisierung entstanden Öffnungen eine eigene Szene gebildet, die sich fast ausschliesslich mit der Regie und Erforschung vom Innenleben der Klänge beschäftigt. So war es nicht erstaunlich, sich als Hörer völlig unbekannten Namen gegenüber zu sehen.
Wolken und Leere
Einen ersten Akzent setzten Philipp Meier, Klavier und Fanny Vicens, Akkordeon mit dem Auftragswerk White Clouds/Blue void (2013) des französischen Komponisten Frederic Pattar. Das ungewöhnliche Duo erzeugte helle, instrumentale Klangwolken; die kompositorische Erweiterung ins Vokale gab dem Stück einen lyrischen Ton, so dass man sich nicht in dem riesigen Leerraum zwischen grösseren Strukturen des Universums, im «void» verlor.
In Abänderung des Programms interpretierte Mats Scheidegger anschliessend mit der elektrischen Gitarre Quattro Nudi von Marco Momi. Die vier charaktervollen, fasslichen Stücke vermochten zu faszinieren.
Gesättigte Musik
Exzessiv und bruitistisch daher kam Innersonic (2012) des Franzosen Franck Bedrossian. Mats Scheidegger und Fanny Vicens erkundeten mit E-Gitarre und Akkordeon eine Klangwelt zwischen Avantgarde, Jazz à la Terje Rypdal und Splittern aus Rockmusik. Der Mikrokosmos ist bekanntlicherweise auch unendlich, das kleinste Teilchen noch teilbar. Es erwies sich als schwierig, sich auf die Reise in die Innenwelten dieser Klänge einzulassen. Das ganze Repertoire aus Verfremdungen durch Präparation der Saiten, durch gestrichen erzeugte Cluster, bekam etwas Erschöpfendes. Man war froh, nach diesen zehn Minuten in die Pause zu kommen.
Interaktive Elektronik
SubString Bridge (1999) für Gitarre und interaktiven Computer des Schweden Ake Parmerud soll eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen dem Spieler etablieren. Mats Scheidegger wechselte in dieser Komposition von der elektrischen zur akkustischen Gitarre. Dadurch gewann das Werk an Wärme.
Insgesamt hinterliess die Komposition aber einen schalen Eindruck. Zu ärmlich und ohne eigentliche Entwicklung des Materials blieb das nicht nachvollziehbar, vage.
Allegro barbaro
Mit der Interpretation von Till (1991) von Horacio Vaggione, geschrieben für Klavier und Elektronik, zeigte der aus St. Gallen stammende Philipp Meier die ganze Palette seiner pianistischen Kunst. Umgeben vom permanenten Rieseln von Tonscherben spielte Meier sich durch die durchstrukturierte, hochkomplexe Partitur des Argentiniers. Ein viertelstündiges Allegro barbaro, in dem sämtliche Register der Tastatur gezogen wurden, und eine mitreissende Parforceleistung der Extraklasse: Dem wäre eine stehende Ovation angemessen gewesen.
Mit Breath (2016), einem Stück, das der anwesende Zürcher Komponist Stefan Keller selbst leitete, durfte dann im Ensemble mit Klavier, Akkordeon und E-Gitarre richtig ausgeatmet werden.
Wie vermittelt man Neue Musik?
Unter dem Motto «Malerei verwandelt den Raum in Zeit, Musik die Zeit in Raum» ist die kommende Saison 2016/17 von newart Music/Contrapunkt geplant. Im November ist eine Carte blanche zum 60. Geburtstag an den St. Galler Komponisten und langjährigen Präsidenten des Vereins Bruno Karrer vergeben.
Vorstand und Programmkommission haben beschlossen, die neue Saison auf vier Veranstaltungen zu konzentrieren. Diese sind alle mit hochkarätigen Ensembles besetzt. Im Januar 2017 präsentiert das Ensemble Recherche aus Deutschland sechs Komponisten aus dem Norden Europas. Im April 2017 ist eine Kooperation mit dem Zeughaus Teufen vorgesehen. Dort will das Ensemble TaG dem Phänomen Zufall auf den Grund gehen. Im Kult-Bau St. Gallen kommt es im Mai 2017 zum Sound Crash. Das belgische Ensemble Fractales hat Spektralisten auf dem Programm.
Neu will sich newArt/Contrapunkt auch im pädagogischen Bereich engagieren. Dafür hat man sich mit kklick – Kulturvermittlung Ostschweiz verknüpft. Im September findet im Kult-Bau ein erster Kulturtag der PHSG für Studierende statt. Es sollen Wege gefunden werden, wie junge Ohren auf Neue Musik vorbereitet werden können.
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.