«Lieben Sie Harakiri?» fragte der Gastrosoph Harry Schraemli im Frühjahr 1970 die Leserinnen und Leser der Zeitschrift «Der Schweizer Gastronom». Damit zielte Schraemli nicht etwa auf die rituelle Selbsttötung ab, wie man sie aus der japanischen Kultur kennt, sondern wies vielmehr auf den Umstand hin, dass im Falle der Annahme der Schwarzenbach-Initiative zum Schutz vor der Überfremdung der Kleinbetrieb im Gastgewerbe vor dem wirtschaftlichen Harakiri stünde.
Nun denn, heute wie damals ist das Gastgewerbe in der politischen Diskussion eher selten im Fokus. Nichtsdestotrotz kann man Schraemlis Beitrag zur Überfremdungs-Debatte auch aus aktueller Perspektive noch einiges abgewinnen. Im Kontext der Diskussion um die Schwarzenbach-Initiative merkte er an, dass ein Land, das seinen Wohlstand seiner Aufgeschlossenheit, seiner Vorurteilslosigkeit und seiner Anpassungsfähigkeit verdanke, nicht ungestraft in eine «Ära der Hexenverbrennung» zurückkehren dürfe. Die Initiative wurde glücklicherweise verworfen. Doch später folgten weitere Vorlagen, die verdächtig an solche «Hexenverbrennungen» gemahnten. Einzig kamen sie im neuen Kleid daher. So beispielsweise 2007 die Minarett- und 2011 die sogenannte Masseneinwanderungsinitiative.
Helvetia Cocktail:
Man gebe die folgenden Zutaten im angezeigten Verhältnis in den Schüttelbecher: ¼ Rahm, 1/8 Grenadinesirup, ¼ Kirschwasser, 3/8 Cherry-Brandy. Anschliessend schüttle man kräftig und seihe den Cocktail in ein passendes Glas.
Im Bereich des Barwesens ist die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte immer wieder ein gewichtiges Thema. Lange Zeit waren italienische Barmänner in Schweizer Bars gesuchte Fachmänner, war doch die Barkultur Italiens derjenigen der Schweiz in vielerlei Hinsicht weit voraus. Man denke beispielsweise an die grosse Palette italienischer Bitterliköre, die in Bars rund um den Globus anzutreffen sind. Und immer wieder verfolgten einige diese Barmänner Ziele, die über das blosse Angestelltsein hinausgingen. Man rief Arbeitskräfte und es kamen Menschen, und diese suchten – zumindest in einigen Fällen – ihr Glück in der eigenen Bar: In Zürich eröffnete Adriano Pulizzi im Restaurant Sommerau 1963 eine Cocktailbar, und in St.Gallen verwirklichte sich Nano Rigamonti nach Engagements im Hotel Hecht und im Einstein 1985 mit der Monti-Bar den Traum der eigenen «American Bar». Aber auch andernorts gaben Ausländer im Gastrobusiness den Ton an. So wissen wir aus verlässlicher Quelle, dass in Davos über lange Zeit weg Gianpiero Callegari die Szene prägte und im Tessin Luisito Clericetti einen legendären Ruf genoss. Ihn, den man in schriftlichen Quellen auch schon mal als «il mago», den Magier unter den Barmännern bezeichnete.
Harry Schraemli Cocktail Club, Zweiter Streich: 13. Mai, 20 Uhr, ehemalige Confiserie Pfund St.Gallen
Die «Ären der Hexenverbrennung» kamen und gingen. Die Monti Bar in St.Gallen gibt es heute noch. Und in den Windungen des Internet stossen wir bei unseren Recherchen immer wieder mal vereinzelt auf Rezepte der oben genannten Personen. Bis heute sind die Spuren der ausländischen Barmänner in der Schweizer Cocktailkultur noch erkennbar. Und selbst der Helvetia Cocktail, der mit seinem Namen – so denkt man vielleicht – Inbegriff von Ursprünglichkeit und Schweizertum sei, kommt nicht ganz ohne fremdländische Zutaten aus. Wobei man munkelt, dass heute selbst der Grenadinesirup nicht mehr wirklich aus Granatäpfelsaft gewonnen werde. Die ausländische Frucht, so heisst es, sei von heimischen Himbeeren, Johannisbeeren und ganz viel Zucker verdrängt worden.
Niklaus Reichle, 1986, und Philipp Grob, 1982, Sozialwissenschaftler und Bartender, arbeiten an einem Projekt zur Aufarbeitung der helvetischen Cocktailkultur.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.