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Mixologie: Helvetia Cocktail

In ihrer zweiten Kolumne begeben sich unsere Cocktail-Meister Niklaus Reichle und Philipp Grob auf die Spur des schweizerischsten aller Drinks. Doch der Schein trügt: Der Helvetia Cocktail gehört auf die schwarze Liste von Überfremdungsverängstigten im Geiste James Schwarzenbachs.
Von  Gastbeitrag , 

«Lieben Sie Harakiri?» fragte der Gastrosoph Harry Schraemli im Frühjahr 1970 die Leserinnen und Leser der Zeitschrift «Der Schweizer Gastronom». Damit zielte Schraemli nicht etwa auf die rituelle Selbsttötung ab, wie man sie aus der japanischen Kultur kennt, sondern wies vielmehr auf den Umstand hin, dass im Falle der Annahme der Schwarzenbach-Initiative zum Schutz vor der Überfremdung der Kleinbetrieb im Gastgewerbe vor dem wirtschaftlichen Harakiri stünde.

Nun denn, heute wie damals ist das Gastgewerbe in der politischen Diskussion eher selten im Fokus. Nichtsdestotrotz kann man Schraemlis Beitrag zur Überfremdungs-Debatte auch aus aktueller Perspektive noch einiges abgewinnen. Im Kontext der Diskussion um die Schwarzenbach-Initiative merkte er an, dass ein Land, das seinen Wohlstand seiner Aufgeschlossenheit, seiner Vorurteilslosigkeit und seiner Anpassungsfähigkeit verdanke, nicht ungestraft in eine «Ära der Hexenverbrennung» zurückkehren dürfe. Die Initiative wurde glücklicherweise verworfen. Doch später folgten weitere Vorlagen, die verdächtig an solche «Hexenverbrennungen» gemahnten. Einzig kamen sie im neuen Kleid daher. So beispielsweise 2007 die Minarett- und 2011 die sogenannte Masseneinwanderungsinitiative.

Helvetia Cocktail:

Man gebe die folgenden Zutaten im angezeigten Verhältnis in den Schüttelbecher: ¼ Rahm, 1/8 Grenadinesirup, ¼ Kirschwasser, 3/8 Cherry-Brandy. Anschliessend schüttle man kräftig und seihe den Cocktail in ein passendes Glas.

Im Bereich des Barwesens ist die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte immer wieder ein gewichtiges Thema. Lange Zeit waren italienische Barmänner in Schweizer Bars gesuchte Fachmänner, war doch die Barkultur Italiens derjenigen der Schweiz in vielerlei Hinsicht weit voraus. Man denke beispielsweise an die grosse Palette italienischer Bitterliköre, die in Bars rund um den Globus anzutreffen sind. Und immer wieder verfolgten einige diese Barmänner Ziele, die über das blosse Angestelltsein hinausgingen. Man rief Arbeitskräfte und es kamen Menschen, und diese suchten – zumindest in einigen Fällen – ihr Glück in der eigenen Bar: In Zürich eröffnete Adriano Pulizzi im Restaurant Sommerau 1963 eine Cocktailbar, und in St.Gallen verwirklichte sich Nano Rigamonti nach Engagements im Hotel Hecht und im Einstein 1985 mit der Monti-Bar den Traum der eigenen «American Bar». Aber auch andernorts gaben Ausländer im Gastrobusiness den Ton an. So wissen wir aus verlässlicher Quelle, dass in Davos über lange Zeit weg Gianpiero Callegari die Szene prägte und im Tessin Luisito Clericetti einen legendären Ruf genoss. Ihn, den man in schriftlichen Quellen auch schon mal als «il mago», den Magier unter den Barmännern bezeichnete.

Harry Schraemli Cocktail Club, Zweiter Streich:
13. Mai, 20 Uhr, ehemalige Confiserie Pfund St.Gallen

Die «Ären der Hexenverbrennung» kamen und gingen. Die Monti Bar in St.Gallen gibt es heute noch. Und in den Windungen des Internet stossen wir bei unseren Recherchen immer wieder mal vereinzelt auf Rezepte der oben genannten Personen. Bis heute sind die Spuren der ausländischen Barmänner in der Schweizer Cocktailkultur noch erkennbar. Und selbst der Helvetia Cocktail, der mit seinem Namen – so denkt man vielleicht – Inbegriff von Ursprünglichkeit und Schweizertum sei, kommt nicht ganz ohne fremdländische Zutaten aus. Wobei man munkelt, dass heute selbst der Grenadinesirup nicht mehr wirklich aus Granatäpfelsaft gewonnen werde. Die ausländische Frucht, so heisst es, sei von heimischen Himbeeren, Johannisbeeren und ganz viel Zucker verdrängt worden.

Niklaus Reichle, 1986, und Philipp Grob, 1982, Sozialwissenschaftler und Bartender, arbeiten an einem Projekt zur Aufarbeitung der helvetischen Cocktailkultur.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter