Wie er gebaut hat, hat er auch gelebt: rational, schnörkellos und mit grösstmöglicher Freiheit. Die von ihm geprägte «Neue Sachlichkeit» hat auch das Familienleben von Ludwig Mies van der Rohe durchdrungen, wenn man denn überhaupt von einem solchen im klassischen Sinn reden kann, denn für seine drei Töchter Georgia, Manna und Traudel und deren Mutter Ada, von der er sich früh getrennt hat, war er vor allem abwesend. Oder nur punktuell zu haben, wenn es ihm gerade in den Kram gepasst hat. «Weniger ist mehr», dachte er sich offenbar auch in Bezug auf sie.
Dabei ist der Pionier des Modernismus auch dank der Frauen in seinem Leben so weit gekommen. Schon seinen Künstlernamen entlehnte er seiner Mutter Amalie, einer geborenen Rohe, so wurde aus Ludwig Mies der spätere Ludwig Mies van der Rohe. Auch seiner Ehefrau Ada Bruhn hat er viel zu verdanken. Erst durch die Hochzeit mit ihr stieg der Sohn eines Steinmetzmeisters aus Aachen in die bürgerlichen Kreise auf. Als Adas gewalttätiger Vater starb, erbte Mies das Familienvermögen, nicht sie.
Ada war es auch, die ihn mit seiner Geliebten, der Designerin Lilly Reich, ziehen liess und sich trotz psychischer und körperlicher Probleme rührend um die drei Töchter kümmerte und diese möglichst fortschrittlich zu erziehen versuchte. Ada trug sein unbedingtes Commitment zur «Notwendigkeit der Freiheit» stets mit.
Nicht zuletzt hat Mies auch seiner Arbeits- und Lebenspartnerin Lilly Reich, der ersten Frau im Vorstand des Deutschen Werkbundes, viel zu verdanken. Bis heute ist die Urheber- bzw. Urheberinnenschaft gewisser Designobjekte ungeklärt, darunter auch jene des berühmten Barcelona Chair. Wer weiss, ob sich Mies ohne die Frauen in seinem Umfeld je so hätte emanzipieren und künstlerisch entfalten können, ob ihm der Aufstieg vom Bauhausarchitekten zum Star des «International Style» auch gelungen wäre.
Unveröffentlichtes Archivmaterial
So wird die Geschichte natürlich nie erzählt. Zum Glück holt die Zürcher Historikerin und Dokumentarfilmerin Sabine Gisiger das jetzt nach. In The Mies van der Rohes erzählt sie die Familiensaga aus der Frauenperspektive, eingebettet in die Reformtanzbewegung, die beginnende Moderne, den Zweiten Weltkrieg und die Zeit des Wiederaufbaus, untermalt von einem treibenden Soundtrack. Basis dafür war eine aufwändige Recherche. Gisiger hat mit Verwandten, Zeitzeug:innen und Historiker:innen gesprochen, ist in etliche europäische und US-amerikanische Archive gestiegen und hat exklusiven Zugang zum privaten Familienarchiv der Mies van der Rohes erhalten.
The Mies van der Rohes, Premiere mit der Regisseurin Sabine Gisiger: 3. März, 19 Uhr, Kinok St.Gallen,
kinok.ch
Herz des Films und Hauptprotagonistin ist Georgia van der Rohe, Kosename «Muck», die älteste Tochter. Sie war Ausdruckstänzerin und Schauspielerin. Der Film entspinnt sich entlang ihrer Lebensgeschichte. Auf sie gestossen ist Gisiger zufällig, vor Jahren fiel ihr Georgias Autobiografie La Donna è mobile – mein bedingungsloses Leben in die Hände. «Mich erstaunte, wie viel mir als Frau bekannt vorkam und wie heutig die Themen sind, die Georgia beschäftigten», sagt sie über diese literarische Begegnung. «Und mich faszinierte der ganz neue Blick auf die Moderne.»
Getroffen haben sich die beiden Frauen nicht mehr, Georgia ist 2008 gestorben. Gisiger musste also einen Umweg nehmen und hat sich für ein fiktives Interview mit ihr entschieden, um den dramaturgischen Bogen zu spannen: Gisiger stellt die Fragen und Georgia, verkörpert von der einnehmenden Katharina Thalbach, antwortet, wobei alle ihre Aussagen auf schriftlichen Hinterlassenschaften beruhen.
In progressiven Frauenkreisen
Dieser Kniff ist gelungen, aber anfangs gewöhnungsbedürftig, da der übrige Film vor allem aus Archivbildern besteht. Thalbach, auf einem Barcelona Chair sitzend – eine nette Anspielung auf die tragende Rolle der Frauen in Mies Leben –, zieht das Publikum schnell in ihren Bann und in Georgias reiches und selbstbestimmtes Leben: als Tanzschülerin bei Isadora Duncan (in die sie ein wenig verliebt war), zu den ersten Karriereschritten in Mary Wigmans Compagnie («eine starke eigenwillige Frau, so wollte ich auch werden»), an die Olympiade 1936, aber auch in die Kulturkrämpfe der Nazizeit und ins KZ Buchenwald, wo sie mit ihrer Freilufttheatertruppe ein aufgezwungenes Gastspiel halten musste, und schliesslich nach Amerika, ins «Land der Befreier», wo sie erstmals wieder eine längere Zeit mit ihrem Vater verbrachte, bevor sie nach Deutschland zurückgekehrt ist.
Georgia trägt Mies seine Abwesenheit nicht nach. «Wir haben ihn als den genommen, der er war», sagt sie rückblickend und lobt seinen Scharfsinn und seine Unbedingtheit. Viel prägender für sie waren ihre Mutter Ada und der progressive Frauenkreis um sie herum, der sich immer wieder eigene (Lebens-)Wege gesucht hat, trotz patriarchalen Strukturen. Gisiger arbeitet das sehenswert heraus. So gelingt ihr ein dringend nötiger weiblicher Blick auf die Moderne.
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