Beim Buswendeplatz am Bahnhof Wattwil spielt sich am letzten Samstagnachmittag Seltsames ab. Wenn grad kein Bus auf den Platz fährt, zieht ein kleiner roter Spielzeug-Ferrari einsam seine Runden, sucht recht erratisch seinen Weg auf der imaginären Strasse. Steuert hier jemand aus dem Hintergrund das Luxusspielmobil, oder spielt seine Elektrik verrückt? Nichts von beidem, das Auto sei so programmiert, sagte sein Besitzer Robin Michel: «Es ist ein selbstfahrendes Fahrzeug, seine Steuerung ist der Zufall. Er macht, was sein Programm ihm sagt.» Das Programm aber sei so geschrieben, dass er sich möglichst frei bewegt und seine Steuerbewegungen von aussen nicht nachvollziehbar oder vorhersehbar erscheinen. Was das Auto also tut, weiss selbst sein Programmierer nicht: «Könnte schon sein, dass er plötzlich vom Platz fährt und abhaut!»
Doch der zurückhaltend programmierte Ferrari haut nicht ab. Absolute algorithmische Freiheit täte ihm, auch wenn er bloss ein Spielzeug ist, ein teures zwar, wohl schon nach wenigen Metern auf der angrenzenden Bahnhofstrasse nicht mehr gut. Doch neben dem «Jöh»-Effekt wirft das Objekt des jungen Künstlers Robin Michel Fragen auf: Wäre es immer noch cool, einen Ferrari zu fahren, wenn der sich autonom fortbewegen würde? Was wäre mit seiner Symbolik, wenn man ihm und seiner Programmierung völlig ausgeliefert wäre? Wäre man dann auf einem Roller Coaster nicht besser aufgehoben? Vielleicht aber ist die Antwort eine ganz andere: Endlich kann ich meinem Sohn einen Ferrari kaufen, bevor er den Führerschein macht.
Arrivierte und frische Kunstschaffende
Weiter geht’s im Toggenburg. Zehn Ausstellungen, zehn «arthur», hat die Kunstvermittlungsgruppe Kunsthalle(n) Toggenburg in den letzten elf Jahren an aussergewöhnlichen Orten im Toggenburg gezeigt. Ein Jahr war dann Pause, nun geht es weiter mit «weiter». Acht Künstler und Kunstkollektive hat man für die elfte «arthur» eingeladen und erstmals auch den jungen «arthur junior» ins Boot genommen. Demokratisch hat man sich die Anzahl der Künstler geteilt, so kamen vier arrivierte Kunstschaffende und vier frische zusammen. Das Thema «weiter» war weit gefasst, angesprochen werden sollte alles, was sich unter den Begriff packen lässt: weitergehen, weitermachen oder weiterhin nichts tun, räumlich, sozial oder virtuell.
Weiter Finissage: Samstag, 23. September, 15-18 Uhr Dorfplatz Unterwasser
Oder visuell. Das immer weiter drehende Karussell von Konsum und Verbrauch zeigt auf dem Bahnhofplatz die ad-hoc-Tanzgruppe von Gisa Frank. Wie auf Befehl ziehen Einkaufswägeli um Einkaufswägeli am Publikum vorbei, exakt nach der Taktangabe der (Werbe-)Trommel. Ein kurzer Schwatz hie und da, dann aber sofort wieder rennen, den Schnäppchen nach. Doch da gibt es noch etwas Besseres: den Bus zur Einkaufstour über die Grenze. Als der Halt macht, gibt es kein Halten mehr. Die Einkaufswägeli bleiben verlassen stehen, und der Bus fährt voll bis unters Dach zum lockenden Einkaufstempel. Von ennet der Bahnhofstrasse kann die real existierende Migros nur zugucken.
Mühsam wie einst im Mittelalter
Eine Woche zuvor verorteten die Macherinnen und Macher von «weiter» die Vernissage auf die zerbröckelten Grundfesten der Burg Rüdberg nahe Oberhelfenschwil. Exakt auf dem Gelände einer Ruine, in der seit Jahrhunderten nichts ausser dem Zerfall weitergeht. Dem entgegenstemmen wollte sich das Collectif Chuglu aus Marseille. Die jungen französischen Kunststudenten bauten mit «Water Walling» – die Kunst des Mauerbaus mit Wasser – die Mauern symbolisch wieder auf. Das Wasser schöpften die Franzosen aus der 50 Meter tiefer liegenden Thur, mühsam wie einst im Mittelalter mit einem Flaschenzug. Mörtel und Steine ersetzten sie mit Agar Agar, einem Geliermittel, das im gekochten Wasser zu Bausteinen wurde.
«You are completely wrong!» sagte Matthias Rüegg mit seiner Standschrift am Ort der Vernissage. Eine Woche später, an der Midissage meint er dann ebenso stumm geschrieben: «Please wait over there!» Und sie warten, die Zuschauenden, bis der nächste Regionalbus kommt und über die Orangenpresse fährt. «Jus d’orange!» ruft einer vom Collectif Chuglu. Was das mit dem gegebenen Thema zu tun hat, bleibt offen, ebenso die inszenierte Hochzeit mit einem Bus. Der wiederum seinem Bräutigam zwar davonfährt, aber immerhin bei seiner Fahrt über den Ricken mit einem weissen Schleier den kreuzenden Jungbussen mitteilt: «Ich bin schon verheiratet!»
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
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Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
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Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
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Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
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Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.