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Rettet die Sexspielchen!

Schön, dass derzeit so offen über Sadomaso geredet wird. Doch irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass auch der Sex längst verkapitalisiert worden ist. Das nervt.
Von  Corinne Riedener

Jetzt, wo BDSM (Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism) dank Fifty Shades Of Grey plötzlich so gesellschaftsfähig ist, sind sie definitiv vorbei, die unbeschwerten Zeiten – spätestens seit Mitte Februar, als die Verfilmung des ziemlich öden Märchenstoffs von E. L. James in die Kinos gekommen ist. Pünktlich zum Valentinstag, was sonst. Ihre Buchvorlage wurde zuvor über 100 Millionen Mal verkauft, mehrheitlich an Frauen.

Seither geht in den Schlafzimmern dieser Welt regelrecht die Post ab: Hintern werden versohlt, es wird lustvoll gelitten und munter drauflos gefesselt. Die Baumärkte rüsten ihre Kabelbinder-, Tape- und Stricksortimente auf, und auch die Sex-Shops haben Zulauf. Vielfach sind es junge Leute, die sich gleich ein ganzes Sadomaso-Paket zulegen – «nicht bloss ein Peitschchen», wie Erotikladen-Besitzerin Alexandra Haas kürzlich im «Zischtigsclub» von SRF versicherte.

Das ist erfreulich, kann aber ohne das gewisse Know-How auch zünftig in die Hose gehen. Oder eben nicht: Die Feuerwehren mancherorts befürchten, so heisst es jedenfalls, in nächster Zeit des Öfteren wegen missglückter Fesselspiele ausrücken zu müssen.

Fifty Shades Of Grey hat offenbar einen Nerv getroffen – unter anderem auch daran zu sehen, dass in den Feuilletons hüben wie drüben wieder lockerer mit dem Thema Sex umgegangen wird. In den anderen Sparten sowieso. Sadomaso ist ein Thema und das ist auch gut so. Weil dominante oder devote Neigungen – wie alle anderen auch – eine Tatsache sind und kein unangenehmes Laster, das es zu verheimlichen gilt.

Aber: Dieses ständige öffentliche Reden übers Kopulieren nervt. Weil es nicht reicht, sich detailliert über gewisse Praktiken zu unterhalten, man muss diese ja auch noch beherrschen im Idealfall. Der Sex-Kanon, so scheint es, ist mittlerweile ziemlich lang und furchteinflössend – Nippelklammern, Fessel- und andere Machtspiele sind da nur die jüngsten Punkte auf einer langen Liste.

Wer sich heutzutage auf dem Paarungsmarkt behaupten will, muss neben dem hundskommunen Blümchensex noch weit mehr im Repertoire haben: Dirty Talk, Blowjobs, Wald-und-Wiesen-Fummelei, Striptease, Schoggicrème-Massagen, ein bisschen bi sein, Rollenspiele, Auswärtsspiele und, und, und…

Erotik ist heute etwa gleich geheimnisvoll wie die Parlamentsdebatten im Kantonsrat. Und im Gegensatz zu dieser omnipräsenten sexuellen Selbstverständlichkeit werden katholische Priester, die ein lesbisches Paar unterstützen, als «Lesbensegner» angeprangert und von ihren Chefbischöfen augenblicklich zurückgepfiffen, weil sie finden, dass die Kirche nicht jede Mode mitmachen müsse – soviel zu unserem «lockeren» Umgang mit Sexualität.

Was bei all der Aufregung vergessen geht: Sex ist keine Massenware, sondern so ziemlich das Individuellste, was es gibt. Gerade die Erotik lebt ja vom Ungesagten, Geheimnisvollen. Der Hype um Fifty Shades of Grey ist deshalb mitverantwortlich, dass Sex heute zu etwas verdammt Ernstem geworden ist, zu einem Leistungskatalog, den es zu kennen und abzuarbeiten gilt.

So wird uns auch noch der letzte Freiraum zum lustvollen Spielen und Scheitern genommen. Dabei wäre das ja genau der Punkt: etwas nicht zu können und dann gemeinsam zu entdecken. Das nennt man Lust. Und ja; da ratterts, holperts und kleckerts.

Dieser Text erschien im März-Heft von Saiten.

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Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

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Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01