Kurz zuvor stand alles nochmals auf der Kippe: Die Veranstalterinnen mussten die Polizei, die Feuerwehr und gar Stadtrat Nino Cozzio anrufen, um in letzter Minute noch die Bewilligung für die Filmnacht (Bild Debora Buess) im leerstehenden Hotel Ekkehard in St.Gallen zu bekommen. Über einen Kanti-Lehrer und den zuständigen Architekten hatten die fünf jungen Leute den Raum zur Verfügung gestellt bekommen. Sozial- und Polizeivorstand Cozzio zeigte sich angetan von der selbst-organisierten Kultur im ungenutzten Raum. Trotzdem wollten die Behörden den allfälligen Schaden am einstigen CVP-Stammlokal so gering wie möglich halten und begrenzten die Anzahl der Teilnehmer vorsorglich auf sechzig Leute. Panik, weil auf Facebook über tausend Leute eingeladen worden waren – auch wenn sich lediglich gut 60 anmeldeten? Behörden und soziale Medien: ein leidiges Thema.
Kurz nach neun ist das ehemalige Restaurant des Hotels gut gefüllt, und der Psych-Garage-Rock von Les Chevaux Sauvages dröhnt los. Der Sound passt perfekt in den heruntergekommenen Raum: Es ist gut dreissig Jahre her, seit die englischen The Fall im grossen Ekkehard-Saal zwei Stockwerke weiter oben spielten. Nach dem Konzert johlt draussen vor dem Hotel eine Bande junger Männer mit Sporttaschen eine englische Schlachthymne. Der Sänger weist sie zurecht: «Wir dürfen hier nur bis zehn Lärm machen, und hier oben wohnt ein Nachbar, der dann gleich die Polizei ruft.» Man kann ihn kaum verstehen, so laut rauschen die Autos auf der Rorschacher Strasse vorbei. Ein älterer, langhaariger Schwabe sitzt auf der Steinmauer und sagt: «Des isch mol e richtige Kultur und net immer so e Scheisse wie in Romanshorn.»
Kurz nach zehn flimmert François Ozons «Regarde la mer» über die Leinwand: ein verstörender Film voll menschlicher Abgründe, weiblicher Masturbation und einer Kindsentführung. Ein älterer Herr mit Hund patroulliert in Bürgerwehr-Manier durchs Haus. Angewidert vom Film geht er wieder – Präsenz markiert. Die Polizei zeigt sich kaum, nur hin und wieder fährt ein Kastenwagen an den Rauchern vorm Ekkehard vorbei. In den Nebenräumen laufen Kunstfilme von verschiedenen New Yorker Künstlern, ausserdem der thailändische Palme-d’Or-Gewinner «Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives». Gegen 23 Uhr dann Jim Jarmuschs grossartiger «Mystery Train»: Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, vereinzelt sitzen Leute auf dem Boden. Die Stimmung ist heiter, es wird gelacht ob der skurrilen Situationen auf der Leinwand. Mitten im Film steigt der Beamer aus, die Menge raunt: «Pius Valier hat den Stecker gezogen.» Die Veranstalterinnen leisten mit Hilfe des Feuerwehrmanns ganze Arbeit, und nach zwei Minuten ist das Kabel wieder angeschlossen.
Inzwischen ist es ziemlich kalt im ehemaligen Hotel. Draussen schüttet es. Auf die Party mit DJs muss verzichtet werden: Musik nach zehn, das geht auch mit Bewilligung nicht. Um kurz vor 1 Uhr ist Schluss. Die Veranstalterinnen sind zufrieden: Für einen Abend haben sie ein seit vier Jahren leerstehendes Gebäude mit Filmen, Musik und Menschen gefüllt. Man hofft auf weitere Filmnächte, im Ekkehard und anderswo.
Timo Posselt
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.