Aus einer Übung während des Improvisationskurses des Momoll-Theaters entstand die Idee zum Stück Unterschlupf. Die Teil nehmenden bekamen die Aufgabe, ihre Grosseltern in ihrer Jugend zu verkörpern. «Dabei kristallisierte sich bald eine Gemeinsamkeit heraus», erzählt die Regisseurin Claudia Rüegsegger. «Der Krieg kam immer wieder vor, besonders bei Jugendlichen mit deutschen oder italienischen Wurzeln. Andere mussten feststellen, dass sie über die Zeit damals kaum etwas wussten.»
Unter anderem deshalb wollten sie sich beim geplanten neuen Stück in den historischen Stoff vertiefen. Der Zürcher Theaterautor Paul Steinmann, ein alter Bekannter der Regisseurin, begleitete Improvisationen zum Thema. Dabei erfuhr er genauer, was die Jugendlichen spielen wollten und entwickelte daraus die Handlung. Er siedelt sie im Welschland 1941 an. Junge Leute aus der Deutschschweiz kommen zum obligatorischen Landdienst und treffen auf gleichaltrige Romands.
Grosse Bandbreite
Das Alter der Mitspieler reicht von 14 bis 21, es gibt Schüler, Studentinnen, Lehrlinge: «Alle bringen andere Erfahrungen mit», sagt die Regisseurin, «aber alle hatten ein Grundwissen zu den Fakten. Wie der Alltag von Jugendlichen damals aussah, mussten wir noch herausfinden. Wir haben also alte Wochenschauen angesehen und die Musik von 1941 gehört. Die Jugendlichen kannten fast nichts davon – nun singen wir die Lieder selbst in einem vierstimmigen Chor.»
Unterschlupf: Premiere am 29. April in der Lok- remise in Wil. Weitere Aufführungen am 2., 4., 5., 8., 9., 11. und 12. Mai. momoll-theater.ch
Das Bewusstsein der Enkel für das Leben der Grosseltern wuchs mit jeder Probe. Mit dem Anlegen der Kostüme gingen den Mädchen die Augen auf: Alle tragen einen Rock mit Schürze und feste Schuhe: «Das hatte sofort Auswirkungen auf die Körperhaltung und den Gang», sagt Rüegsegger. Um sich in das Innenleben der Figuren hineinzuversetzen, schrieben die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler fiktive Biografien. Der allgegenwärtige Mangel und die Begrenztheit der Möglichkeiten hätten alle beeindruckt. «Vieles, was für uns heute selbstverständlich ist, gab es damals einfach nicht. Es erscheint sehr weit weg, dabei sind es nur zwei Generationen.»
Der erste Weltkrieg in Frauenfeld
Das Junge Theater Thurgau geht noch 24 Jahre weiter zurück. Auf Basis der Ausstellung «Die Schweiz und der grosse Krieg», die im vergangenen Jahr im alten Zeughaus in Frauenfeld gastierte, haben sie ihr Stück Annas Briefe entwickelt, das 1917 spielt.
Grundlage ist das Leben der Familie Keller Forster, deren Mitglieder auf unter schiedlichste Weise vom ersten Weltkrieg betroffen waren. Anna, eine der Töchter, musste als Dienstmädchen in die Romandie, um die Familie finanziell zu unterstützen. Die Truppe stellt ihr eine heutige Anna gegenüber, die Briefe ihres historischen Pendants findet. Sie, die sich ständig entscheiden muss, glaubt, früher sei alles einfacher gewesen. Das traurige Schicksal der «alten» Anna belehrt sie eines Besseren.
Annas Briefe: Premiere am 21. April im Alten Zeughaus in Frauenfeld. Weitere Aufführungen: 23., 28., 29. und 30. April., 4., 5. und 6. Mai. jungestheaterthurgau.ch
Auch die Jugendlichen in Frauenfeld stellen den Alltag der normalen Menschen in den Mittelpunkt ihres Stücks. «Sie hatten es strenger, als ich gedacht habe», sagt Sara Weber, die Darstellerin der historischen Anna. «Man denkt ja immer nur an den zweiten Weltkrieg und ahnt gar nicht, dass der erste auch so schlimm war», ergänzt ihre Bühnenmutter Alena Weber.
Aufregen können sich die Mädchen über die Rechte der Frauen in der Zeit. Eric Scherrer erklärt: «Der Bruder, den ich spiele, fühlt sich als Familienoberhaupt. Er beschützt Anna, aber bevormundet sie auch.» Armut, Lebensmittelknappheit und existenzielle Ängste können sich die jungen Schauspieler nun alle besser vorstellen. Lily Demeulemeester meint: «Ich bin beeindruckt, wie die Menschen damals die Situation gemeistert haben.»
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
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