Während meiner Zeit in St.Gallen bin ich immer mit der Forderung nach oder der Ablehnung von politischem Theater konfrontiert worden. Den einen war mein Theater zu wenig politisch, andere wollten partout einen Beitrag von mir für eine Publikation zum politischen Theater, das sei ja sozusagen mein Kerngebiet.
In beiden Fällen stand ich dem immer etwas ratlos gegenüber. Theater, wie im übrigen jede Kunstform, ist immer politisch, indem sie sich auf das Individuum in Bezug zur Gesellschaft bezieht. Auch in konsequenten Selbstbespiegelungen, wie zum Beispiel bei Sarah Kanes letztem Stück, 4.48 Psychose, oder in der Erzählung Lenz von Georg Büchner, geht es dezidiert um die gesellschaftlichen Verhältnisse, die das Innenleben bestimmen. Und insofern auch um die degenerierenden Auswirkungen der Gesellschaft.
Gegen die Simplifizierer
Worin bestehen also die Forderung und das Bedürfnis nach politischem Theater? Diese Frage hat mich lange beschäftigt, da ich in der Tat Stoffe liebe, die ganz konkret die institutionellen politischen Verhältnisse beschreiben, wie Kontrakte des Kaufmanns von Elfriede Jelinek, oder Julius Cäsar von William Shakespeare, um nur zwei der vielen Stücke zu nennen, die wir während meiner Direktion am Theater St.Gallen zu diesem Themenbereich gemacht haben.
Tim Kramer inszeniert Büchners Lenz: Die letzte Regiearbeit des scheidenden St.Galler Schauspieldirektors hat am Freitag, 27. Mai am Theater St.Gallen Premiere.
Mit der Zeit ist mir jedoch klar geworden, dass manche Forderungen nach politischem Theater aus einem eher kunstfeindlichen Bedürfnis heraus gestellt werden. Oft sprach der Wunsch nach Positionierung und Proklamation aus diesen Stimmen, doch bin ich während der Arbeit immer wieder auf die letztlich simplifizierende Wirkung dieser Herangehensweise gestossen. Man könnte erwidern, dass man dies in Kauf nehmen muss, um etwas Kraftvolles zu gestalten, aber am Ende sind diese Versuche immer ernüchternd wirkungslos geblieben.
Der Höhepunkt dieser Entwicklung hat sich wohl in den letzten Monaten gezeigt. In manchen Theatersälen wurde für die Integration von Asylsuchenden demonstriert, möglichst mit echten Asylsuchenden auf der Bühne, während draussen zur gleichen Zeit dagegen demonstriert wurde; eine Wirkung hat sich daraus nicht ergeben. Zwei Positionen standen wirkungslos nebeneinander.
Die herrschenden Verhältnisse sind Geld-Verhältnisse
Und das scheint mir der Schlüssel zum Ende der Kunst zu sein: Kunst hört da auf, wo sie keine Wirkung mehr erzielen will, politisch hin oder her. Es reicht nicht aus, die gesellschaftlichen Strukturen nur nachzustellen, entweder abstrakt wie bei mancher Performance, oder vorgegeben real, wie bei den sogenannten Experten des Alltags. Letztlich sind das alles in sich kreisende Versuche, die aufgrund ihrer Wirkungslosigkeit vor allem den herrschenden Verhältnissen in die Karten spielen.
Die herrschenden Verhältnisse bestehen in tiefer Übereinstimmung darin, dass es keine Alternative zur regelnden Kraft des Geldes gibt. Diese Übereinstimmung ist so gross, dass es bei vielen zeitgenössischen Künstlern nur noch Resignation gibt. Und das Teuflische an dieser Resignation ist, dass sich die Künstler nicht nur dem Markt übergeben, sondern dass sie dabei nicht merken, wie sehr sie den herrschenden Kapitalismus durch ihre virtuose, aber wirkungslose Analysefähigkeit damit indirekt bestätigen. Der Grossteil des etablierten zeitgenössischen Theaters, aber auch der bildenden Kunst, macht es sich allzu bequem. Man bleibt nicht nur in der sicheren Deckung, sondern arbeitet auch an der Marginalisierung des Theaters und der Kunst.
Theater ist nur so lange Theater, wie es etwas bewirken will, zunächst beim Einzelnen, in der Hoffnung, dass dieser sein Handeln dann auch für die Weiterentwicklung der Gesellschaft einsetzt. Es ist so einfach, diese Haltung als romantisch abzutun – aber auch verdammt gefährlich.
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.
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