Keiner schreibt so süffig übers Alter wie Ludwig Hasler, der Philosoph aus Zollikon. «Eine Marktmacht sind wir zweifellos, wir haben Geld, wir wollen was erleben, wir wollen gut aussehen.» Damit macht Hasler klar, dass er in seinem Essay Für ein Alter, das noch was vorhat diejenigen unter uns anspricht, die noch die Wahl haben, was sie mit ihren Altersjahren anfangen sollen. Wer krank und kraftlos ist, finanziell nicht weich gepolstert, sozial schlecht gebettet, die oder der ist hier nicht gemeint.
Hasler, gewiefter Medienmensch, ehemaliger stellvertretender Chefredaktor des «St.Galler Tagblatts», Philosoph und Referent, legt Begriffe wie Köder vor uns aus: Langlebigkeit, Würde, Selbstbestimmung, Suizid, Religion und Metaphysik, Demenz. Um uns dann einzuwickeln in sein Denk-Netz, wo er Fäden spinnt von den alten Griechen über Nietzsche bis zu Odo Marquard. Seine Überlegungen, Fragen, Schlussfolgerungen spitzt er zu Sätzen zu, die danach rufen, zitiert zu werden. Hasler scheut sich auch nicht, seine Aphorismen leicht abgewandelt zu wiederholen: «Je länger wir quasi jung leben, desto weniger wollen wir wirklich alt werden.» Und: «Wir Alten wollen alles, bloss eines immer weniger: richtig alt werden.»
Ludwig Hasler (Bild: Tanja Gschwandl)
Sympathisch ist mir (selber Jahrgang 1953) die Passage, wo Hasler zeigt, wie sich in den letzten Jahrzehnten die Einstellung zum Dasein nach der Pensionierung drastisch geändert hat. Die Generation seiner Eltern (der Vater Schreiner, die Mutter stand einem Acht-Personen-Haushalt vor) brauchte nicht zu fragen, wozu die Zeit nach der Pensionierung gut sein sollte. Sie hatten hart gearbeitet und den Ruhestand verdient. Das erinnerte mich an meinen Grossvater, der kindlich stolz war auf seine 80 Jahre – für ihn als ehemaligen Verdingbub und Brauereiarbeiter war ein gesundes Alter nicht selbstverständlich. Im Ausland war er nie, Reisen hielt er für Luxus.
Ludwig Hasler: Für ein Alter, das noch was vorhat. Mitwirken an der Zukunft. Rüffer & Rub Sachbuchverlag, Zürich 2019, Fr. 23.90.
Wie anders wir heutigen Alten. Hasler mokiert sich über die Kreuzfahrten, denkt an Südafrika, Venedig, den Aescher, den Jakobsweg, alles Orte des Overtourism. Er zitiert Blaise Pascal, der schon um 1650 beklagte, dass der Mensch sich nicht ruhig in einer Stube halten könne. Solche Passagen liebe ich. Dennoch merke ich an, dass halt nicht nur akademisch gebildete Kulturtouristen aus der oberen Mittelschicht das Recht haben zu reisen. Also notiere ich eine weitere Sentenz, worin Hasler postuliert, eine Antenne für das Transzendente auszufahren. Er beruft sich auf Jeanne Hersch und ihr philosophisches Staunen, das in die Tiefe gehe und nicht an der Oberfläche umherziehe als blosse Gier auf Neues.
Die Lizenz zu vertrotteln
Schliesslich geht es um die konkrete Beantwortung der Frage, was zu tun sei mit 25 Jahren geschenkter Lebenszeit. Hasler zeigt anhand dreier ausgewählter Persönlichkeiten, wie diese ihrem Leben Sinn geben, indem sie nicht nur für sich wirken, sondern auch für andere. Er nennt sie auffällige Temperamente, gutgelaunte Sonderfälle; sie illustrieren sein Plädoyer, dass wir uns nützlich machen sollen. Und er wünscht sich das Zusammenwirken aller Generationen, präzisiert: Teilnehmen müsse nicht immer ein Tun sein, es könne Mitdenken sein, Wissenwollen, theoretisches Interesse. Das ist einleuchtend dargelegt, wenn auch nicht neu – und wird ja auch von vielen Menschen im dritten Lebensalter praktiziert.
Fürs vierte Lebensalter wartet Hasler noch mit einer kleinen Pointe auf, nämlich der Lizenz zu vertrotteln. Er träumt davon, in einen Schwebezustand zu gelangen, eine Art Narrenfreiheit, taktlos in Fettnäpfchen treten zu dürfen. Das klingt verlockend, ein Sein, in dem Wirklichkeit und Traum sich verwischen.
Referat von Ludwig Hasler: Montag, 28. Oktober, 16 Uhr, Pfalzkeller St.Gallen
Es nimmt mich wunder, was die Generation um die 40 dazu denkt. Ich rede also mit meinem 39-jährigen Schwiegersohn darüber. Schrullige Alte gefielen ihm, meint er, sie dürften austeilen, müssten dann halt aber auch einstecken. Auch wenn wir pflegebedürftig sind?, frage ich. Er zögert. Schliesslich einigen wir uns: Trottelig ja, verbittert und verblödet bitte nicht! Und hoffentlich können wir uns verständnisvolles Pflegepersonal leisten.
Altersliebe im Mail-Roman
«Es ist nicht unsere Geschichte», betonen Autorin Helga S. Giger (geboren 1939 in Frankfurt) und Autor Peter Gross (geboren 1941 im Toggenburg) im Prolog ihres Mail-Romans Ich muss Ihnen schreiben. Sie enthalte aber autobiografische Elemente. Ein sorgfältig gestyltes Foto von Giger und Gross schliesst das Buch ab; während der Lektüre geht es mir nicht aus dem Kopf.
Helga S. Giger und Peter Gross. (Bild: Carmen Wüest)
Im Roman also lernen wir einen Mann und eine Frau jenseits der Pensionierung kennen. Celine ist in Scheidung, sie aquarelliert, macht Skulpturen und hat gerade eine Ausstellung eröffnet. Thomas ist seit ein paar Jahren Witwer und outet sich als «Bücherwurm im besten Sinn» und ehemaligen Direktor eines Kunstmuseums in einer deutschen Kleinstadt. Aufgewachsen ist er in streng katholisch-ländlichem Milieu in der Schweiz. Thomas ist auf Celines Ausstellung sofort von ihren Werken überwältigt, wie er ihr in seinem ersten Mail schreibt. Diese Überwältigung kommt mir im Laufe der Lektüre etwas konstruiert vor, lese ich doch weiter hinten, für welche Kunst sich der frühere Museumsdirektor sonst so erwärmt (Maria Lassnig, Balthus). Celine selber sieht ihre Kunst selbstkritisch.
Die Beziehung kommt schnell in Fahrt; bald geht die Liebesgeschichte wirklich unter die Haut, wenn Thomas schreibt, dass er von einem langen Spitalaufenthalt sehr geschwächt sei und darum so lange nicht geschrieben habe. Celine erwähnt einen intensiv leuchtenden Regenbogen, der sie nach einer depressiven Phase wieder zum Malen animiert habe. Diese Szene lässt ihn an das Logo einer Generica-Firma denken, «die mit dem Regenbogen» – das hat Alltagswitz und ist rührend. Kitschig, hätte ich früher gesagt, jetzt mit 66 Jahren bin ich altersmilde.
Celine wirkt geerdeter als Thomas, farbiger, erliegt seinen zu Beginn akademisch-steifen Erörterungen nicht kritiklos. Und er lässt sich oft von ihr auf den Boden zurückholen. Die charakterlichen Eigenheiten der beiden kommen sprachlich wenig zum Ausdruck, gleichen sich mit der Zeit sogar an. Plausibel scheint es mir nicht durchwegs; schliesslich haben sie sich erst als erfahrene und krisenerschütterte Persönlichkeiten kennen- und lieben gelernt.
Kulturelles Namedropping
Der Klappentext verrät den Ausgang der Handlung. Das ist schade, einerseits. Anderseits wichtig. Es ist wohl der Versuch des Verlags, auch die Generation um die 50 anzusprechen, wenn sie – wie Thomas’ Tochter – in den Briefen und Dokumenten ihrer verstorbenen Eltern Überraschungen auf die Spur kommt, die sie nicht für möglich gehalten hat.
Peter Gross, Helga S. Giger: Ich muss Ihnen schreiben. Mailroman über eine Liebe am Lebensabend. Orte Verlag, Schwellbrunn 2019, Fr. 31.90.
Man könnte das Buch nebenbei als Literatur- und Kunst-Ratgeber benützen und testen, ob einem all die Namen von Kultur-Prominenz aus dem 20. Jahrhundert bis heute ein Begriff sind. Ein rieselndes Namedropping! Manche Lesende werden animiert zum einen oder anderen Buch greifen, andere ob all der Namen, Titel und Zitate ermüden.
Giger und Gross haben kein modisches Buch geschrieben, sondern eines für ein gesetztes Publikum, welches das symbolträchtige Ginkgo-Blatt auf dem Umschlag nicht übersieht, und darum gerne das grünseidene Lesebändchen auf einer der letzten Seiten einlegt – um dort das Ginkgo-Gedicht von Goethe noch einmal zu lesen.
PS.
Auffällig, dass Hasler und Giger/Gross in ihren neuen Büchern Gedichte aus dem 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts zitieren: Goethe, Gottfried Keller, Busch, Brecht. Es ist ein Privileg und vielleicht gar eine Pflicht für uns Alte, Klassisches zu tradieren. Aber: Wäre ich jung, würde ich mit dem Finger auf diese Auswahl an toten, weissen Dichtermännern zeigen.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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